Freitag, 29. April 2016

Freitag, der 29. April

Heute  wäre ich 22 Jahre verheiratet. Wenn, ja wenn ich nicht schon seit 15 Jahren geschieden wäre. Es ist seltsam. Beinahe jedes Rechtsgeschäft mit Ewigkeitswert löst bei mir Fluchtinstinkte aus. Gib mir einen Trauschein, und ich geb dir einen guten Ausblick auf mich, wie ich die Kurve kratze. Das gleiche poetische Bild konnte man auch in Bezug auf die Hypotheken -Urkunde sehen: Die Lily, wie sie einen langen Schuh macht. Eins wie das andere, also heiraten ebenso wie Haus kaufen, würde ich nie wieder machen. Außer auf dem Totenbett. Beides hat aber auch kein Glück gebracht und eine Menge Geld gekostet. Alles Gründe, keine Wiederauflage zu riskieren. Man kann sehr gut als Single zur Miete wohnen. Das macht all die kleinen Alltagskatastrophen so viel besser kalkulierbar. Auf der anderen Seite steht, dass man bei allem was schief läuft, niemand anderen verantwortlich machen kann. Und man muss selbst zum TÜV. Vieles kann man lernen, wie Lampen anbringen, Abflüsse entstopfen, Löcher in Wände machen (wobei Bohrlärm schon doof ist). Anderes konnte ich schon, wie Rasenmähen, Kochen und Steuererklärungen, Anstreichen oder Schals stricken.
Jetzt aber ist mein Auto jenseits des TÜVs. Jetzt muss ich mir was neues besorgen. Jetzt spann ich einen Freund ein. Und das, wo ich so, so, so ungern Hilfe in Anspruch nehme... Der im Rede stehende Freund ist da schrecklich sachlich und vernünftig. Ich habe leider einen Hang zu großen Motoren und Autos, die ich schön finde. Mein Traumauto ist der Chrysler Crossfire, übermotorisiert, spritsaufend und einfach nur schön. Nach Jahren der Halbschrottgölfe (Halbgottschrölfe... Golbhattschrölfe) wäre das mal was. Aber dann spricht die Freundesstimme. Zweitürer, raunt sie. 14 Liter... Kein Kofferraum. Da passen nur zwei Leute rein, für die Rücksitze braucht man Zwerge. Da kriegste keine Sprudelkiste rein.
Seufz. Wenn nicht jetzt: Wann dann?

Montag, 25. April 2016

Willkommen in Absurdistan.

Soeben, vor der Tür des Bürogebäudes. Da, wo außer Büros niemand wohnt.
Beteiligte:
a) Der Postbote
b) zwei Kollegen
c) die Lily.


A) fährt vor. Er stellt sein Rad ab und kramt in einem seiner Körbe, um dort drei (!) Exemplare von in dünner Plastikfolie eingeschweißten Werbeblättchen zu entnehmen. C) brüllt gleich los: Lassen se das Zeug mal stecken, hier sind nur Büros. Wir brauchen keine Werbung.
A) sortiert und kramt ungerührt weiter, befreit die Blättchen aus ihrer Verschnürung und drückt, unter Gekicher von b), c) drei Exemplare in die Hand. Dazu kommt noch ein in Folie eingeschweißtes Blättchen eines Online-Büromaterial-Discounters.
Dann steigt a) auf sein Rad, und pedalt davon.
C) steigt die Treppe hinunter und befördert drei und ein eingeschweißtes Blättchen direkt in den Papiercontainer.

Jetzt kriegt man sogar schon Müll geschickt.

Mittwoch, 20. April 2016

Heute

würde mein Enkelkind zwei Jahre alt.
Was bedeutet, dass da seit zwei Jahren so etwas wie ein Loch in meinem Leben ist.
Ich sollte mit ihm im Sand spielen, und nicht sein Grab bepflanzen.



Dienstag, 29. März 2016

Vielen lieben Dank...

für eure verständnisvollen und hilfreichen Kommentare zum letzten Beitrag. Im Moment ist das wirklich ein Thema, was mich massiv beschäftigt, allein schon, weil ich soviel Zeit mit meinen Eltern verbringe. Oft reicht es abends wirklich nur dazu, mit der Couch zu verwachsen und den Feierabend einzuläuten. Manchmal geht es mir so auf den Geist, dass ich einfach nur noch abhauen möchte. Dann wiederum ist es eine Herausforderung, die mir auch Spaß macht. Einen Teil von dem, was jetzt so zu regeln ist, hab ich auch mal gelernt, und weiß, dass ich das gut beherrsche. Leider bin ich da besonders intolerant, wenn mir Menschen nicht zuhören oder in komplett überflüssige Panik verfallen, nur weil ein Bescheid eintrudelt. Ganz vorbei ist meine Geduld, wenn Leute diesen Bescheid nicht lesen, sondern in Windeseile in alle Blätter zerlegt in der Wohnung verstreuen, um anschließend durchblicken zu lassen, dass sie alles, aber auch alles persönlich nehmen, was drin steht. Und es gemein finden.
Waaaaaaaaaah. Wah!!!
Ein bisschen mehr Lesegeduld, ein bisschen weniger demonstriertes Unverständnis wären da hilfreich, finde ich. Ich finde auch, dass man durchaus mal wo anrufen und sich kritische/unverständliche/unlogische Teile eines Bescheides erklären lassen sollte. Soviel Zeit muss sein. Vor allem, bevor man in die Rechtsmittelschiene einschwenkt. Ich kann auch beim Ersteller anrufen und mehr oder minder zart andeuten, dass sein Text komplett unverständlich ist, wichtige Teile  fehlen oder von falschen Voraussetzungen ausgegangen wurde. Niemand, auch nicht der öffentliche Dienst, ist scharf auf Widersprüche oder Klagen. Das dauert alles, macht die Bilanz kaputt und kostet überflüssigerweise auch noch Geld.

Und warum sollte man sich da echauffieren? Bringt außer Ärger nix.
So.
Und jetzt geh ich zu meinen Eltern und versuch, meiner Mutter das beizubringen.
Wünscht mir Glück :-)


DieLily

Samstag, 12. März 2016

Vergessen. Vorbei.

Wie einige von euch vielleicht wissen, leidet mein Vater an einer Demenzerkrankung. Oder vielleicht kann man besser sagen (ohne bösartig sein zu wollen): Er hat sie, und meist leiden wir darunter.
Demenz, egal, wie sie mit Vornamen heißt, ob Alzheimer oder Lewy-Körperchen-Krankheit, is a bitch, meine Lieben. Wir wissen seit beinahe 10 Jahren davon, und man sollte meinen, dass das eine gute Vorbereitung bedeutet, auf das was da kommt.
Leider ist es aber so, dass jede Zwischenstufe einen dazu bringt, sie für das zu halten, was maximal passieren kann. Meist ist sie jedoch nur ein Moment, in dem Selbsttäuschung zuschlägt und einen in falscher Sicherheit wiegt. Manchmal gibt es Meilensteine. Bei Kindern ist das der Tag, an dem das erste "Mama" zu hören ist. Bei Demenzpatienten der letzte Tag, an dem man ihn oder sie alleinlassen konnte, um einzukaufen.
Demenz ist ein Verlust der Freiheit, für den Patienten und vor allem für die Angehörigen. Ein ultimativer Freiheitsverlust, ein Eintritt in ein Gefängnis, das seine Insassen nicht mehr freigibt, außer in den Tod. Primäre Gefangene in diesem Knast ist meine Mutter, die sich um meinen Vater kümmert. Wir als ihre Kinder haben unsere Arbeit, unsere Abende, die Wochenenden- wir können gehen. Ich sehe unsere Arbeit als Freiheit an- denn die hat ein Ende, täglich. Wenn meine Mutter abends ins Bett geht, weiß sie nicht, was sie erwartet, denn mein Vater schläft nicht mehr durch. Er steht dann aber nicht auf, um den Fernseher einzuschalten oder mit einem Buch im Sessel zu hocken oder auch nur irgendwo zu sitzen  und nachzudenken. Er schaltet das Licht ein, und begehrt Auskunft darüber, wer neben ihm liegt, warum seine Frau noch schläft, obwohl er schon wach ist (das bedeutet nämlich Aufstehzeit). Oder er benötigt Hilfe, welcher Art auch immer.
Morgens dann kommt er nicht aus dem Bett. Der Kreislauf macht nicht mit, manchmal will er auch einfach nicht. Das ist fatal, denn fast einsneunzig schlappe Menschlichkeit kriegt meine Mutter nicht manövriert, sie ist nur 1,62 m groß und nicht die Kräftigste. Dann wird motiviert und geredet, bis er dann doch aufsteht. Beim Duschen und Anziehen braucht er Unterstützung, die Treppe hinunter geht es nicht mehr flott und die Treppe ist schmal- keine gute Ausgangsposition um jemanden beim Runtergehen abzusichern. Neben der Demenz ist die körperliche Einschränkung durch Parkinsonismus (klitzekleine Schrittchen, schlurfend und zunehmend unsicher) und die kreislaufbedingte Neigung zu Schwindel eine große Bürde. In der Wohnung gehen klappt nur noch mit Stock. Im letzten Jahr hat er den noch ständig irgendwo stehen lassen- das Stocksuchen ist aber seit ein paar Wochen Vergangenheit, denn jetzt geht kein einziger Schritt mehr ohne. Außerhalb des Hauses ist Bewegung fast nicht mehr möglich. Für den Rollator ist das Grundstück zu hindernisreich. Der Rollstuhl ist schlecht manövrierbar, weil er wegen der elektrischen Schiebehilfe tonnenschwer ist und die Treppenstufen nicht leicht zu überwinden sind.
Den Rollstuhl mag er auch nicht. Damit sieht jeder, der ihn trifft, dass er nicht mehr kann. Das ist ihm so unangenehm, dass er in einer Tour meckert. Aber andererseits kann meine Mutter das Teil auch trotz Schiebehilfe nicht oder kaum bewegen. Ich hab es selbst schon getan, und fand es höchst anstrengend, weil die Geschwindigkeit unrealistisch mühsam zu dosieren ist, und die zwei kurzen Griffe das schwere Ding mit einem schweren Insassen nur sehr eingeschränkt lenken können. Die Bürgersteige in der kleinen Straße, an der sie wohnen, sind stark zur Straße hin abfallend. Das gesamte Teil muss über Kraftanstrengung in den Handgelenken geradeaus gesteuert werden. Geht nicht mit Handgelenken, die sind dafür nicht gebaut. Also steht das Ding herum, setzt Staub an und ist ein ständiger Vorwurf, dass man den armen Kerl nicht öfter mal ausfährt. Hätte er noch alle seine Sinne beisammen, könnte er den Rolli wohl selbst steuern, aber das hat er eben nicht.
Bis vor sechs Wochen sind meine Mutter und ich einmal in der Woche zum Einkaufen gefahren. Die üblichen Discounter, manchmal unser geheimes Suchtziel Baumarkt- zwei, drei Stunden waren immer ein bisschen Auszeit für sie und Gelegenheit, mit einem Erwachsenen zu reden, und nicht mit einem dreijährigen, hilflosen alten Mann. Das ist vorbei, seit er sich keine 10 Minuten mehr merken kann, wo sie ist. Sobald ihm auffällt, dass sie nicht da ist, fängt er an, sie zu suchen. Das ist zu gefährlich, weil er nicht mehr sicher läuft und sich oft nicht mehr zurecht findet, da, wo er gerade ist. Also bin ich in den letzten Wochen allein einkaufen gefahren. Was für meine Mutter bedeutet hat, dass sie teilweise 14 Tage lang das Haus nicht mehr verlassen hat- außer, um die Mülltonnen nach vorn zu schieben.
Das ist kein Leben mehr. Für meine Mutter, meine ich.
Leider ist aber das ständige Habt-Acht-Gefühl, dass man wohl entwickelt, für ihre eigene Intelligenz nicht gut. Sie kann und darf sich auf nichts konzentrieren, was nicht mit ihm zu tun hat, das merkt er nämlich und wird dann schnell böse. Manchmal auch bösartig, denn bei aller Demenz hat er sich eine gewisse Schläue bewahrt, die erschreckend zuschlägt, wenn man es nicht erwartet.
Mutter verliert daher oft den Faden und erzählt die Dinge in Schleifen- vermutlich auch, weil sie das so gewohnt ist. Immer wieder jemandem das gleiche vorzubeten, verdirbt den Stil.
Gleichzeitig aber ist jemand, der so untergetaucht ist in diesem demenziellen Elend, der fortschreitende Abbau überhaupt nicht mehr klar. Welche Dinge jetzt seit neuestem nicht mehr funktionieren, wird nicht mehr reflektiert. Die Hilflosigkeit und die 24/7 nötige Konzentration treiben Raubbau mit der Gesundheit.
Unseren Vater haben wir verloren. Unsere Mutter (noch) nicht. Die beiden wollen da leben, wo sie sind, wo sie seit fünfzig Jahren leben. Das sollen sie auch. Davon hängt so viel für sie beide ab, dass niemand es wagen sollte, das zu ändern.
Andererseits geht es so nicht weiter.
Anfang letzten Jahres habe ich das erste Mal eine Tagesstätte für Demenzerkrankte besucht, um zu schauen, ob das eine Lösung wäre. Damals war das ziemlich schrecklich, denn die Patienten dort waren um einiges schlechter drauf als mein Vater zu diesem Zeitpunkt.
Das neue Jahr hat eine Wiederauflage desselben Besuchs (andere Einrichtung jedoch) gebracht.
Natürlich wollte er nicht dahin. Für ihn war das gleichbedeutend mit einer Abschiebung in ein Heim, und das, wo Mutter ihm doch versprochen hatte, dass sie beide zusammen bleiben (das hat er sich natürlich merken können...) Dass es nur einmal die Woche ist, macht es gleichzeitig besser und schlimmer. Besser, weil er natürlich sechs Tage in der Woche zu Hause bleibt, schlimmer, weil es jedesmal neu ist. Herzzerreißend der Moment,  als er mich gefragt hat, ob ich nicht bei ihnen wohnen möchte, damit Mutter es einfacher hat und er nicht weg muss. Ich kam mir vor wie ein Arsch, ihm das zu verweigern. Aber das geht nicht, unter anderem, weil ich es nicht will.

Gestern war er zum zweiten Mal dort. Den Schnuppertag zu Beginn hat er mit Mutters Hilfe gut überstanden, in der Woche darauf hat er (o-Ton...) keinen Bock gehabt. Diesmal musste es sein, und ich hätte auch den Argumentationsverstärker gespielt, aber Mutter war entschieden genug. Auch, weil ihre eigene Gesundheit es erfordert hätte, ihn den halben Tag allein zu lassen. Ihn irgendwo hin mitzunehmen hat wenig Sinn, vor allem, weil er soviel Aufmerksamkeit braucht. Und sich so langsam bewegt, dass man nicht rechtzeitig von A nach B kommt.
Er war überraschend sortiert, als er wieder zu Hause war. Aber erschöpft bis zum geht-nicht-mehr.
Vor einem Jahr konnte er noch auf die Leiter klettern, um Mutters komplett unschuldige Magnolie mittels Säge zu verunstalten, sobald seine Frau aus dem Haus war. Jetzt weiß er nicht mehr, wo die Leiter steht, zum Glück.
Der Antrag auf Ausweitung der Pflegestufe ist gestellt. Natürlich war er beim Besuch des MDK fit wie ein Ölkännchen, charmant und flott auf den Beinen (ich hätte ihm die Hölle heiß machen können). Aber das liegt daran, dass Besuch von Fremden bei ihm, vielleicht durch Adrenalin, immer ein Programm startet, was den Anschein von Gesundheit hat. Er kann dann sogar passende Begrüßungssätze äußern, und dem Gespräch folgen. Zum Glück hält das nicht lange an, sondern erschöpft sich schnell. Wenn der Antrag durchgeht, können wir die Betreuungstage auf zwei in der Woche ausweiten. Meine Mutter ist so fertig, dass sie nicht mal was unternehmen will, wenn er nicht da ist, sondern einfach nur da sitzen und sich ausruhen.

Alt werden? Nix für Feiglinge.





Mittwoch, 9. März 2016

Vermutung: Bestätigt.

Hatte ich am Sonntag noch den Eindruck, unsichtbar zu sein, und klärte sich dieser auch wieder, so weiß ich seit heute, dass ich das tatsächlich bin.
Erst hat mir jemand die Vorfahrt genommen und anschließend mit keinem Wimpernzucken zu erkennen gegeben, dass er/sie das überhaupt bemerkt hat.
Dann wollte ich tanken. Der Mensch, der zum Auto gehörte, das an der Zapfsäule vor mir schon fertig betankt auf den Fahrer wartete, stieg ein. Dann sah man ihn kramen. Dann holte er etwas aus dem Handschuhfach, und fuhr immer noch nicht los. Irgendwann bin ich ausgestiegen hab an die Scheibe geklopft... der Mensch saß da, und machte seine Spritverbrauchsbuchhaltung. Ohne auch nur ein Bewusstsein dafür, dass er eine ganze Reihe Zapfsäulen blockierte. Dem wütenden Gesichtsausdruck nach waren ihm die Scheinwerfer der Autos, die hinter ihm standen, schlicht entgangen. Oder doch alle unsichtbar?
Heute mittag in der Bäckerei stand vor mir in der Schlange eine ältere Dame. Die kaufte den halben Laden, dann lieber doch die andere Hälfte, dann aber in Scheiben, aber nicht so dicke, bitte. Es dauerte.
Schließlich war sie fertig. Die Verkäuferin kassierte, die Dame verließ den Laden, ich machte gerade den Mund auf, da kam sie wieder rein. Und redete einfach weiter auf die Verkäuferin ein, weil sie jetzt doch noch lieber wieder etwas anderes brauchte. Oder etwas zusätzlich, wer weiß das schon. Die Verkäuferin,  die sich soeben dem Rest der Schlange hatte zuwenden wollen, stieg sofort auf das neu beginnende Geplapper der Frau ein- und ignorierte einfach alle anderen, die da ja jetzt schon länger standen.
Da bin ich dann gegangen. Was auch keiner bemerkt hat, fürchte ich.

Montag, 7. März 2016

Vorurteile.

Wie ist es doch befriedigend, das ein oder andere Vorurteil bestätigt zu sehen... wie sehr, konnte ich gestern mal wieder feststellen.
Und das kam so:

Sonntag soll ab sofort (also ab vor 14 Tagen) bei mir Wellnesstag sein, zwecks dieses Behufs begab ich mich ergo gestern erneut in den örtlichen Wohlfühltempel (Sauna und so). Diesmal war ich schon um acht Uhr da, denn um 10 kriegte man in der Vorwoche schon keinen Parkplatz mehr. Um acht Uhr, oder nur Minuten später, bekam ich keinen Platz mehr in der Kassenschlange- oder doch nur einen, der seeeehr nah an der Eingangstür war.
Vor mir: Rentner.
Man darf ja am Wochenende nicht aus der Übung kommen, mit dem Frühaufstehen, das ist mir klar, also hab ich Verständnis. Die Tendenz der Pensionisten, sich vorzudrängeln als wäre ich unsichtbar, hat jedoch etwas weniger Verständnis ausgelöst. Aber ich hab aufblasbare Schultern, kann mich groß und sehr sichtbar machen, wenn ich das will, und der Durchschnittspensionist prügelt sich offenbar doch nicht gern in Schwimmbädern.Ich kam also rein, und abgesehen davon, dass mir da wer seinen Zigarrenatem ins Genick blies, blieb ich auch unbehelligt.
Aus meiner Jugend kenn ich noch ein paar Tricks, um möglichst schnell am Beckenrand aufzutauchen. Dazu zählt, zu Hause schon mal den Badeanzug anzuziehen, Joggingzeugs drüber, und los... dann das Joggingzeug in Rekordzeit in den Spind werfen, und schon steht man, sozusagen, an der Saunatür. Das Rennen gewinne ich, Herrschaften.
So auch gestern. Die Sauna war noch gar nicht richtig warm, da lag ich auch schon auf den Brettern.
Nur Sekunden später öffnete sich die Tür und eine ziemlich laute Dame sprach zur anderen:
Tja, Anneliese. Hätteste mal dein' Namen auf die Bank geschrieben.
Und lachte meckernd.
Vor dreißig Jahren wäre sie für den Spruch noch aus der Sauna geflogen. Nicht wegen des Inhaltes, aber wegen der Lautstärke. Gehörte doch zum damaligen Strafgesetzbuch auch ein Paragraf, der da lautete: Du sollst in der Sauna nicht brüllen.
Mit Trompetenschall ging die Unterhaltung weiter.
Man muss sich das so vorstellen: Ich mit meinen knapp einsachtzig nahm ungefähr ein Drittel der unteren Bank ein. Es blieben also noch gute drei Meter Raum, um sich auszubreiten, und dann noch Platz, damit andere noch einen Aufstieg auf die oberen Bänke wagen konnten. Was mein Verständnis für Gewohnheitsplätze und Erbbaurechte an öffentlichen Saunabänken betrifft, so ist das eher im Minusbereich.
So auch gestern.
Und da werd ich hartnäckig, und schwerhörig, und bleibe, wo ich bin.
Anneliese setzte sich dann, schnaubend (eher wegen des Blutdrucks, schätze ich), und hub an, zu warten, bis das Jungvolk (also die ich) IHREN Platz räumte.
Womit ich mir zwanzig Minuten Zeit ließ. Dann bin ich, mit einer Verneigung zu Anneliese, und unter Schnappung meines Liegetuchs, aus der Sauna gerauscht. Und konnte noch beobachten, wie die tutende und prustende Anneliese IHREN Platz wieder einnahm. Womit die Gerechtigkeit in der Welt wieder hergestellt war.
Die folgende Zeit brachte ich auf einer Liege zu, unterbrochen von Saunagängen, Abkühlung und so nem Kram, bis ich dann auf die Idee kam, das beigefügte Solebad zwecks Schwimmens (kann man da nicht wirklich. Weil das Wasser zu warm ist... unter anderem.) aufzusuchen.
Dort fand sich dann eine Wiederholung des Sauna-Gewohnheitsrechts. Diesmal mit Sprudeldüse.
Davon gibt es so einige, und auch noch mit Varianten. In Fuß-, Knie-, und Arschhöhe sprudelt es aus der Wand, aus dem Boden, und es gibt auch noch eine Art Unterwasser-Liegen mit Sprudeldüsen.
Auf allen Liegen, vor allen Düsen, unter allen Schwallbrausen: Rentner. Grimmigen Gesichts klammern sie sich an den Beckenrand, liegen wie tot auf den sprudelnden Kacheln, tun so, als seien sie gar nicht da.
Über das Schild am Rand "Bei Erklingen des Gongs bitte Düsenplatz räumen!" hab ich mich amüsiert, bis, ja bis zum ersten Mal der Gong ertönte.  Und...nichts geschah. Die Gesichtsausdrücke (oder eher, DEN Gesichtsausdruck) beibehaltend, behielten sämtliche Leute am Beckenrand, auf Sprudelbetten und unter Schwallbrausen auch ihren Platz bei. Absolut. Aus lauter Spaß an der Provokation hab ich mich in Aggressionsentfernung vor einem besonders hochdruckig aussehenden Mann aufgebaut, der ob seines prolongierten Aufenthalts im sehr warmen Solebad schon recht violett angelaufen war. Hinter mir zog ein älterer Herr, der den toten Mann machte (also auf dem Wasser liegend einfach nur daher dümpelte) seine Kreise. Ab und zu trieb ihn die Wasserbewegung auf einen anderen Badegast zu, der meist Platz machte- man konnte nämlich nicht wirklich erkennen, ob er den toten Mann nur spielte.
Grillen zirpten.
Am Horizont ging irgendwo eine Sonne auf, oder unter.
Der Gong ertönte. Ich setzte ein hoffnungsvolles Gesicht auf, und schaute dem Beckenrandler tief in die Augen... die der dann schloss.
Einfach so.
Den toten Mann zu spielen scheint ein Überlebenstrick zu sein, in der harten, kalten Wirklichkeit westdeutscher Wellnessbäder.

Ich suche jetzt eine andere Tageszeit, zu der man dort vielleicht schwimmen kann, ohne an tote Männer, Sprudeldüsenpiraten oder Saunaplankengewohnheitsrechtler zu geraten.