Samstag, 28. August 2010

Kein Titel, da mir keiner einfällt.


Der erste vollständig hier verbrachte Tag seit beinahe einem Vierteljahr ist vorüber.
Die Bilanz ist durchmischt, ich fühl mich einsam ohne meine Menschen, die mich für so lange Zeit begleitet haben. Auch die anderen fehlen, die neuen Mitpatienten, die, mit denen man nur ein „Guten Morgen“ oder ein „Du hast da eine Mücke auf dem Rücken!“ austauscht. Nähe zu anderen, lebendigen Menschen zu akzeptieren ist mir sehr lange sehr schwer gefallen, der Krankenhausaufenthalt hat das sehr einfach gemacht- man war einfach immer in Gesellschaft. Durch die therapeutischen Angebote war man diesen Menschen nicht nur räumlich nahe (soweit man das ertragen kann- aber direkter physischer Kontakt blieb ausdrücklicher Nachfrage und eindeutiger Antwort vorbehalten), sondern man nahm in ungewöhnlichem Ausmaß auch am emotionalen Leben der Anderen teil.
Es hat mich überrascht, dass ich das so gut aushalten konnte. Meine übliche Reaktion auf nahekommende Menschen ist entweder, sie wegzubeißen oder sie zu bemuttern- wer diese Schwelle überschreiten kann, hat schon gewonnen :-)
Dass das Thema Nähe und Distanz ein problematisches ist, war vermutlich meinen Therapeuten sehr schnell klar, denn als jemand, der sich in seiner Haut nicht wohl und zu Hause fühlt, kann man es erst recht schlecht haben, das Risiko einzugehen, dass jemand anderes in den lauten inneren Beschimpfungschor einstimmen könnte.
Bemuttern ist da eine prima Sache, um sich manchen Themen in Beziehungen mit Anderen nicht stellen zu müssen. Man legt seine Rolle fest, und voilà.
Mütter stehen als solche unter dem Generalverdacht der Unangreifbarkeit, die Meisten haben eine, und auch wenn die Beziehung zu der eigenen Mutter schlecht ist, so können doch ganz viele Leute es gut ertragen, wenn sich jemand liebevoll kümmert. Meine ziemlich kluge Bezugstherapeutin hat das ganz am Rande angesprochen, als zwei Gruppenmitglieder abreisten und außer mir mit meinen 47 Jahren nur noch sehr junge Menschen zwischen 18 und 26 in der Gruppe waren. Ich kann nicht leugnen, dass mir alle diese jungen Frauen ein bisschen Ersatztöchter waren- aber ich habe mich bemüht, das erst rauszulassen, wenn wir nicht mehr im Stuhlkreis saßen. Vor allen Dingen hatte die Therapeutin Sorge, dass ich nicht gut „loslassen“ könne, wenn so viel Jüngere um mich herum säßen. Das hab ich aber hingekriegt, zum Glück.
Mir selbst eine fürsorgliche Mutter zu sein, ist mir weniger gut gelungen, bisher jedenfalls.
Um das irgendwann zu erreichen, war eine Hauptintention der Therapie, meinen Widerstand gegen Strukturen im Leben zu überwinden. Da ein guter Anteil meiner Depressionen biologisch bedingt, also erblich begünstigt ist, können Strukturen sehr dabei helfen, auf Dauer die Depressionen einzudämmen, mitsamt Psychopharmaka und ambulanter Therapie. Strukturen können auch einen Teil des Aufwands reduzieren, den das „gute Kümmern“ benötigt, und in Zeiten, in denen man auf der Dunklen Seite steht, können sie vielleicht eine Basisversorgung sichern.
Von letzterem bin ich noch nicht so ganz überzeugt, ich weiß, wie schnell mir mein Leben aus den Fingern rutschen kann. Immerhin aber hat die in Pröbsting gepflegte und betonte Struktur mir aus der schweren in die mittelschwere Depression geholfen.
Rückblickend kann ich die Anfänge der Erkrankung auf eine Zeit vor mehr als 20 Jahren datieren- leider wusste ich damals nicht, dass es nicht normal ist, ganze Samstage trübe im Dunkeln und weinend im Bett zu verbringen.
Ich hätte mir und meiner Umwelt einiges ersparen können, hätte ich damals schon...
aber vorbei ist vorbei, and there's no use crying over spilt milk.
Eins aber hab ich gelernt, und ich hoffe, es nie zu vergessen:
Es kann Erlebnisse im eigenen Leben geben, schwer belastende Episoden, Zeiten, in denen uns wichtige Dinge nicht zur Verfügung stehen, und es können die eigenen Eltern sein, die dafür die Verantwortung tragen. In aller Regel haben diese das Beste geleistet, was von ihnen zu leisten war. Wir lieben sie meist- selbst die Eltern, die sich strafbar gemacht haben mit dem, was sie uns angetan haben. Oft genug bleibt da ein gefühltes Dilemma.
Es ist jedoch möglich, trotzdem festzustellen, dass Teile von uns, vielleicht irreparabel, geschädigt sind. Diese Feststellung kann und darf Zorn, Trauer, Kummer und Wut hervorrufen. Einfach deshalb, weil es scheiße gelaufen ist, weil wir mehr -oder anderes- gebraucht hätten. Es ist richtig, darüber nachzudenken, darüber zu weinen und zu klagen. Es ist richtig, darüber zu trauern, dass manche Dinge sich nicht entfalten durften. Erst wenn man sich das zugesteht, kann man einen Blick auf das unvermeidliche Ergebnis tun: Dass das Heute heute ist- und was früher war, ein für alle Mal vorbei.
Manche Dinge können nicht wieder gutgemacht werden.
Aber es ist auch wichtig, zu erkennen, dass nicht nur wir die Geschädigten sind, sondern dass auch unsere Eltern bereits ihr Päckchen zu tragen hatten. Sofern sie nicht wirklich kriminell gehandelt haben, sind wir erst die Glücklichen, denen Hilfe zuteil wird, die klar genug sehen, um sich nicht in Somatisierungen flüchten zu müssen, die dagegen ankämpfen, eine Plage für sich und andere zu sein, die Klarheit über sich gewinnen wollen.
Insgesamt läuft es darauf hinaus, zu trauern, zu verzeihen und zu fühlen, was in uns selbst geschieht.
Oder, wie meine unvergleichliche Musiktherapeutin immer so schön sagt: Leiden können. Auch sich selbst.

Ein bisschen wehmütige Grüße an alle, die jetzt so weit weg sind- Schlaft gut und sorgt für euch.


Sagt
die Lily.

Kommentare:

Paula hat gesagt…

"...Strukturen können auch einen Teil des Aufwands reduzieren, den das „gute Kümmern“ benötigt, und in Zeiten, in denen man auf der Dunklen Seite steht, können sie vielleicht eine Basisversorgung sichern.
Von letzterem bin ich noch nicht so ganz überzeugt,...."

"Strukturen" hört sich so architektonisch an, ein bisschen hölzern. Aber solch ein Gerüst muss sein und ist - glaube ich - der Schlüssel zum Überleben, wenn es einem schlecht geht. Einfach weitermachen, das Frühstück auslöffeln und Kaffee trinken, auch wenn einem die Tränen übers Gesicht laufen. Oder Abwaschen in der Küche, auch wenn keine Lust zu gar nichts die Grundstimmung ist. Oder gerade dann um den Block laufen, wenn man am liebsten nur die Bettdecke über den Kopf ziehen möchte.

Das funktioniert tatsächlich, alles ändert sich wieder und "der Plan" funktioniert irgendwann von selbst, weil der Mensch nun mal auch ein Gewohnheitstier ist.

Es gibt Menschen, die an Dich denken und Dich gut finden. Sei gut zu Dir!

Gute Nacht!
P.

Tina hat gesagt…

Sehr schön und verständlich geschrieben. Kann ich alles nachvollziehen.

Es ist so viel leichter, sich von sich selbst abzulenken und sich um andere zu kümmern (ich müsste ja eigentlich Bewerbungen schreiben... öhm).

Und ich denke, im Krankenhaus ist es leichter, sich zu öffnen, weil niemand etwas von einem erwartet. Und alle haben Probleme. Man muß sich nicht verstellen. Oder etwas leisten, sich beweisen.

Alles nicht so einfach... sich um sich selbst genauso gut zu kümmern, herausfinden, was einem Spaß macht.. sich selbst belohnen.

Du lernst das aber mit der Zeit :).Diese Erkenntnisse klingen jetzt immer nach und verändern deine Wahrnehmung :).

LG ich gehe jetzt zum Sport und tu was für mich ;). Einen schönen Tag dir... wie du es möchtest.

Tina

yael hat gesagt…

ich bin immer ganz hingerissen von deiner "schreibe". du schreibst einfach richtig gut. innerer beschimpfungschor. ich behandle keinen anderen menschen so abfällig wie mich selbst. das muss ich wohl früh gelernt haben, dass was mit mir nicht stimmt, und deshalb kann auch was mit dem nicht stimmen, der mich liebt. usw. ich war auch mal in so einer klinik, 7 wochen lang. mir ging es beim abschied ähnlich. man knüpft dort in dieser ausnahmewelt allerlei beziehungen, und dann weint man, wenn einer geht oder man selbst wieder in die welt hinausgeworfen wird.

gut ist, daß unsere generation die möglichkeit solcher therapieangebote hat. unsere eltern hatten das nicht, und überhaupt finde ich deren generation irgendwie blöd, unsere hingegen richtig gut. die mussten doch mit allem allein fertig werden, psychologie war noch kein thema, therapie nur für verrückte.

ich finde ja, kindererziehung und auch so etwas wie die liebesbeziehung sollte in der schule behandelt werden. als fach. man wird so unvorbereitet in diese themen hineingeworfen, dabei könnte doch schon früher wissen darüber vermittelt werden, wie man was besser machen kann.

ich wünsche dir, daß du gut ankommst in der realen welt, und dass die saat der therapie sich langsam aber sicher in dir entfalten kann :-)

gesche

Bea hat gesagt…

Danke. Besonders für den letzten Teil.
Alles Liebe für Dich.
Bea

Steffen hat gesagt…

Ein bißchen hatte ich gehofft, Du könntest den Chor dortlassen, zumindest für einige Zeit.
Sich beschimpfen zu lassen, das brauchen wir doch alle nicht wirklich. Nicht mal von den Stimmen da drinnen - von denen am wenigsten.
Also bin ich jetzt auch still.

rebhuhn hat gesagt…

das ist ein wundertrauriger post, liebe Lily. - ich wollte eigentlich, aber mehr kann ich dazu nicht sagen - laß' es dir gutgehen, soweit du kannst.

Lieschen Mueller hat gesagt…

Liebe Lily,

immer tief berührt und den Tränen nahe, wenn ich hier lese. Meist stillschweigend wieder gehend, aber eigentlich etwas sagen wollend.

Aber eigentlich auch nicht wissend was. Heute dennoch.

Tief berührt. Mitfühlend.
Lieschen

Frau Vivaldi hat gesagt…

Liebe Lily,
für einen wirklich sinnvollen Kommentar ist es erstens zu spät und zweitens bin ich viel zu müde - daher ganz einfach: Schön, dass Du wieder "da" bist - und dem, was Paula gesagt hat, kann ich mich nur anschließen: Sei gut zu Dir!
Alles Liebe, F.