Donnerstag, 6. September 2018

Donnerstag-

und wenn du den überlebt hast, wird es Freitag. Ganz bestimmt.
Der Freitag in dieser unserer Dienststelle ist nur ein halber Arbeitstag, und das schätzen wir alle. Unser neuer Chef, noch ziemlich überschwemmt von allem, was der vorherige Boss vor seinem Tod nicht mehr erledigen konnte (und was in der Zeit seiner Krankheit ohnehin liegen geblieben ist) ist im Stress, und ich hoffe für ihn, dass er schnell delegiert und nur noch die Ausicht behält. Der sitzt hier nämlich gern auch freitags noch abends um sieben. Also, "gern" ist hier ein sehr willkürlich gewählter Ausdruck. Aber es ist ihm wichtig, seine Sachen fertig zu kriegen, und ich schätze, dann stimmt "gern", denn anschließend ist es hoffentlich weg vom Tisch.

Wenn jemand, der so jung ist wie der verstorbene Chef (63), von jetzt auf gleich einfach nicht mehr da ist, nutzt die Umwelt das ja gern, um darüber zu philosophieren, was man alles tun/unterlassen/bedenken sollte bei der Organisation des eigenen Alltags.
Wir haben in den vergangenen Monaten oft gehört, dass man davon lernen sollte, sich besser zu pflegen, und all den anderen Sermon, der dann quasi zwangsläufig aus anderen Leuten herausquillt.
Aber. Aber...
bei ihm muss man sagen, er hat Zeit seines Berufslebens immer genau das getan, was er wollte. Mit dem Kopf durch die Wand, nötigenfalls. Sein politisches Interesse und sein Gewissen sowie sein wissenschaftlicher Ansatz haben ihn umgetrieben, und er hat über dreißig Jahre lang an genau diesen Themen gearbeitet, ist an neuen Erkenntnissen gewachsen und hat an seine Mission geglaubt. Er hatte Tausende von Überstunden, die ihn nicht davon abhielten, weiter zu arbeiten, sein Urlaub verfiel und bei seinem Tod hatte er praktisch zwei Jahre vorgearbeitet. Selbst sein angeschlagener Gesundheitszustand seit einigen Jahren hat ihn nicht dauerhaft von den Selbstgedrehten weg gebracht, und so- und daran- ist er dann auch gestorben. Er hat vielleicht ein kürzeres Leben geführt als er hätte führen können, aber ich glaube nicht, dass er mit einem solchen zufriedener gewesen wäre.

Und das ist nicht schlecht, oder?


Kommentare:

Paterfelis hat gesagt…

Die Befriedigung, die man auch aus seiner Arbeit ziehen kann, ist nicht zu unterschätzen. Aber diese Erkenntnis wird vielen auch nicht fern bleiben. Und die sind es dann, die mit diesen blöden Work-Life-Balance-Theorien herumnerven und es einfach nicht akzeptieren können, daß es auch anders gut sein mag.

Barbara Schieren hat gesagt…

Immer mal wieder geäugt, und da isse wieder!

Ich habe immer gerne und viel gearbeitet und kann das daher gut nachvollziehen.
Würde auch als Renterin gerne noch einen Job haben, allein das Richtige wollte sich nicht finden.

Lily hat gesagt…

Ich finde es auch entschieden merkwürdig, das Gefühl zu haben, von Montag um sieben bis Freitag um eins fände kein Leben statt, erst wieder nach Beendigung der aushäusigen Wochenarbeit. In dieser Zeit leben wir doch auch, oder ziehen wir an der Bürotür unsere Seele aus dem Körper zurück und lassen wen anderes hinein, der dann tippt und rechnet und schreibt? Einen anthropomorphen Wurm? Eine Roboterpsyche?
Und obwohl ich das merkwürdig finde, geht diese spezielle Merkwürdigkeitsempfindung in einer Art kollektivem "Oh, Montag"-Stöhnen unter.