Samstag, 22. Januar 2011

Ende

Wenn ich mir bei einer Sache sicher war, dann dabei, dass ich ein sprunghafter Mensch bin, der unter Hinterlassung von Trümmern durch sein Leben (und manchmal auch durch das anderer Menschen) rennt.
Durchhalten, so dachte ich mir, sei eine Qualität, die ich nicht beherrsche. Beispiele schien es viele zu geben.
Dabei ist mir komplett entfallen, dass ich bereits einen Haufen nicht so angenehmer Dinge sehr, sehr lange ausgehalten habe. Die Sprunghaftigkeit bezog sich eher auf Banalitäten.
Dazu zählten Dinge wie z. B. Hobbys, die ich mit Elan begonnen, aber schnell wieder aufgegeben habe. Natürlich nicht, ohne mich der Sprunghaftigkeit zu bezichtigen, die in der Skandalliste eines ordentlichen Haushalts direkt hinter schmutzigen Fenstern rangiert.
So manchen Vorwurf hab ich auf diese Weise eine ganze Zeit locker herumjongliert, bis gnädiges Vergessen es ermöglichte, etwas neues, z. B. einen neuen Versuch im Sportstudio, zu starten.

Bei den Dingen, die man als zentrale Bereiche seines Lebens einordnet, war ich hingegen überhaupt nicht sprunghaft, sondern eher jemand, der sein ganzes Geld auf ein bereits ziemlich totes Reittier setzt.
Fünf Jahre ambulante Therapie, bis ich begriffen habe, dass ich so nicht weiter komme.
Dreiundzwanzig Jahre in einem beruflichen Einsatzgebiet verbracht, das ich nach zwei Jahren hätte verlassen müssen, wenn ich etwas klüger gewesen wäre.
Zwei Jahre die toten Reste einer Ehe in meinem Leben gelassen, nur, um- tja, was eigentlich?
Alle diese Dinge haben eins gemeinsam:
Da stand die Lily, und vor ihr das Problem. Das wurde beschnuppert, bekaut, mit Fingernägeln, Fäusten und Tritten beharkt, gekrault, gehätschelt, diskutiert, beweint, begrübelt, hinwegverdrängt, ignoriert, mit durchwachten Nächten bestraft, mit Alpträumen, Fressanfällen und suicidal Sundays bestickt und trotz aller internen und externen Diskussionen nicht beseitigt.
Meist, weil ich einfach nicht zugeben wollte, dass eine Sache, die ich mit Herzblut betrieben habe, einfach nichts für mich ist. Oder, schlimmer noch, dass ich alleine damit nicht (mehr) fertig werde.

Übersehen habe ich dabei, dass ich mich regelrecht einmauere hinter diesen Problemfeldern. Bis sie meinen Horizont komplett einnehmen, und dahinter nichts mehr sichtbar ist.
Meine neurotische Psyche hat dann auch noch die Angewohnheit, diese Sachen zeitversetzt zu problematisieren.
Thema a), ein berufliches Problem zum Beispiel. raubt mir nachts den Schlaf. Ich kann in dieser Zeit jedoch nichts daran machen, weil ich einfach zu Hause bin, und nicht im Büro.
Übernächtigt betritt man dann selbiges, und kann sich den ganzen Tag nicht auf den Job konzentrieren, weil Thema b), die Dinge, die man zu Hause hätte erledigen müssen, wie ein Köder vor der eigenen Nase herumtanzen.
Nicht gut.
Ich habe im letzten Jahr zwei wichtige Entscheidungen getroffen: In die stationäre Therapie zu gehen, und um Versetzung aus meinem Arbeitsbereich gebeten.
In der letzten Woche habe ich noch eine gefällt. Das Problem selbst ist hier nicht wichtig. Wichtig ist aber, dass es mir sehr lange sehr schwer gefallen ist, mich ihm zu stellen und die nötigen Schritte zu unternehmen, und mit jedem verspätet, zögernd und verängstigt unternommenen Teillösungsversuch wurde es schlimmer.

Ich habe so oft gebetet und mir gewünscht, dass dieser Problembereich endlich aus meinem Leben verschwindet, und zwar auf eine Weise, die mir erlaubt, mich weiterhin im Spiegel ansehen zu können. Gleichzeitig habe ich nicht einen Schritt unternehmen können, der mich diesem Ziel näher gebracht hätte. Ich weiß, wie sich das Karnickel fühlt, wenn sich vor ihm die Schlange aufbaut, das könnt ihr mir glauben.

Offenbar ist dieser mein Wunsch angekommen, und zwar in der richtigen Abteilung beim lieben Gott, beim Universum oder wer sonst fürs Wünscheerfüllen zuständig ist (huhu Kate :-)))

Ich habe eine Entscheidung gefällt, eine für mich noch vor vier oder fünf Tagen undenkbare Entscheidung, die sich so wunderbar anfühlt- die mich in die Lage versetzt, wieder handeln zu können. Ungefähr so muss sich ein Alkoholiker fühlen, wenn er endlich vor sich selbst und seiner Umwelt zugibt, dass er allein nicht mehr zurecht kommt.

Wie gesagt: Das Problem selbst ist absolut unwichtig. Wichtig ist, und das will ich hiermit sagen, dass es sich lohnt, ehrlich mit sich selbst zu sein. Auch wenn das heißt, dass man vielleicht befürchten muss, sein Gesicht zu verlieren- keine Angst, das findet sich wieder.

Es ist besser, ein anonymer Alkoholiker zu sein (und damit seinem Thema ins Auge zu schauen) als ein stadtbekannter Säufer, der sich vormacht, er wäre ein guter Kerl, der nur ab und zu zu tief ins Glas schaut.
Also, Alkohol ist absolut nicht meine Baustelle, muss ich sagen- aber ich kann sehr gut nachvollziehen, wie befreiend es ist, endlich die Existenz eines Problems anzuerkennen. Zuzugeben, dass man nicht der große Zampano ist. Sondern nur ein ordinäres kleines Würschtchen, das noch dazu in einer zugigen Ecke hängt.
Jedem anderen verzeiht man das, ohne Frage. Warum nicht auch sich selbst?

Das war so ne Art Wort zum Samstag, ihr Lieben.
Und das nächste Mal sehen wir uns wieder wenn es heißt: Fragt Tante Lily, wenn ihr was wissen wollt.

Schönen ersten Wochenendtag
wünscht
DieLily

Kommentare:

uschi CA hat gesagt…

ja, ne? ich versteh Bahnhof. aber, ich kann dich verstehen.. klingt auch komisch.
anyways, good luck!

Frau Vau hat gesagt…

Fantastisch, Lily!! Alles Liebe!

dat Bea hat gesagt…

Schön, dass du es schaffst, in Worte zu fassen, was so lange in mir (und wahrscheinlich vielen) gebrodelt hat.
Danke dafür.
Ich wünsch dir einen guten Weg. Vielleicht geht es dir wie mir und du stellst fest, dass unser Gesicht ganz schön fest an uns angewachsen ist und im Gegenteil durch die Spuren der Erleichterung eher gewinnt.

Meise hat gesagt…

Bin mal wieder beeindruckt und auch mal wieder sprachlos.
Liebe Grüße vom Rhein,
Meise

Paula hat gesagt…

Glückwunsch! Das klingt nach Veränderung und Fortschritt.

Schönen Sonntag!

Kate hat gesagt…

Ich sag doch, ich steh auf diese Wunschgeschichte! ;-)

Freut mich, dass du wieder mal an eine Sache rangehst! Ich bewundere deinen Einsatz, und dass du nach und nach sämtliche Baustellen angehst!!!

Fröhlichen Wochenstart!!

dieexvonunten hat gesagt…

Ich verstehe zwar auch nur Bahnhof, aber es klingt gut was du da schreibst.

Und P.S. Ich war wirklich positiv überrascht als ich dich wiedergesehen habe, du bist wie ausgewechselt. Klasse!

Lily hat gesagt…

@ Alle zusammen,
ich weiß, dass ich mich kryptisch ausgedrückt habe, aber es geht um etwas, was im Internet keinen Platz hat- obwohl man es kaum glauben kann, dass es sowas noch gibt :-)
Im Grunde ging es mir nur darum, dass ich froh bin, erkannt zu haben, was zu tun ist. Und dass das, was zu tun war, ein Abschied war. Wenn auch nur von einer Überzeugung.
Danke euch allen für eure lieben Worte.