Montag, 30. Januar 2012

Die Geschichte von David





Ich bin in mich gegangen, nach dem letzten Kommentarreigen, einerseits, weil ich ohnehin ständig wenigstens halb in mir bin, andererseits weil ich mal nachhören wollte, ob das, was ich da als unterstellt empfand, nämlich Nähe zu denen, die freche Kinder mundtot machen wollen, damit  alles so schön in die Zucht und Ordnung bräunlicher Wunschvorstellungen passt, ob ich also tatsächlich mich darunter einordnen würde.

Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich eine solche Unterstellung, so sie denn beabsichtigt war, ebenso wenig verdiene wie meine Leser. Georg, Womble und Falcon kenne ich, ebenso wie Kate persönlich (der/die erste Kommentator/in lässt mich unsicher sein), und weiß, dass sie sämtlich keinesfalls zum Anbräunen neigen. Ich weiß aber auch, dass sie alle keine Idealisten (mehr) sind, was die Menschen und ihren Nachwuchs betrifft.

Und um noch mal was klarzustellen: Timo ist nicht frech. Timo ist verhuscht, altklug, schwatzhaft, zwanghaft, distanzlos und insgesamt vermutlich gestört- Täte er mir nicht so leid, hätte ich schon was gesagt. Tatsache ist aber, dass er nervt, und zwar gewaltig. Ein freches Kind würd ich mal anranzen, wenns mir zu weit ginge, Timo kann man nicht anranzen. Deshalb nervt er so.

Prügeln, Anbrüllen, Verhauen- alles nicht die richtige Antwort. Das muss hier niemand extra betonen, das versteht sich für alle von selbst.


Grenzenloses Verständnis  hingegen ist, meiner Meinung nach, ebenso auf keinen Fall geeignet, irgendwem auf Dauer zu helfen, in seiner Umwelt zurecht zu kommen.

Und da kommt die Geschichte von David ins Spiel.

David, der natürlich nicht David hieß, sondern auch nicht Kevin, lernte ich gegen Ende der Neunzigerjahre kennen, und zwar in meinem alten Arbeitsgebiet, einem Jugendamt.

David hatte tatsächlich das, was man eine miese, trostlose und von Üblem geprägte Kindheit nennen kann. So ziemlich alles, was man sich vorstellen kann, hat der Junge kennen gelernt noch bevor er 10 war. Ich gehe hier nicht ins Detail, das würde erstens den Datenschutz und zweitens euren Nachtschlaf gefährden.

David hat auf klassische Weise reagiert. Im Gegensatz zu seinem großen Bruder, dessen Intelligenz unter Hungerzeiten gelitten hatte, war er nicht dumm. Er schlug den Weg der Delinquenz ein, und hatte, schon bevor er das reife Alter von elf Jahren erreichte, bereits eine nicht mehr sehr handliche Akte bei seiner freundlichen Bezirkssozialarbeiterin.

Auch die Leute in dem Vorort, in dem er aufwuchs, kannten ihn bald- das war doch der Junge, der immer die Schuppen und Ställe anzündete, nicht wahr?

Kind nach Kind wurde aus dem elterlichen Haushalt geholt, die ersten wegen Misshandlung und Vernachlässigung, und David irgendwann, weil man seiner Straffälligkeit mangels Lebensjahren nicht per Gefängnis oder Arrest begegnen konnte.

Auch in einer Jugendhilfeeinrichtung kam der Junge nicht zurecht. Und bevor man da falschen Vorstellungen ausgesetzt ist: Er war in keiner Jugendhilfemaschine, wo 120 Kinder stromlinienförmig eingenordet werden, sondern in einer Spezialeinrichtung, klein und überschaubar, aber auch dort nicht mehr zu halten, als er immer öfter auch jüngere Kinder angriff, verletzte und bestahl.

Man überlegte lange. Die zuständige Kollegin, selbst ein Kind aus einer großen Familie, mochte den Jungen und schätzte gerade das Freche, Unbezähmbare an ihm. Sie suchte lange, und fand schließlich eine Profipflegefamilie, also Menschen, die über viel Erfahrung mit Kindern verfügten, eiserne Nerven hatten, und mithilfe von Supervision und engmaschiger fachlicher Beratung sich um David kümmern wollten.

In dem Leben kam David endlich zurecht. Der kleinräumige Rahmen mit nur zwei Bezugspersonen und der (Kleinst-)Schule ermöglichte die klare Setzung von Grenzen, die Leute konnten sich absprechen und schon ziemlich bald ging es aufwärts mit dem Knaben. Begünstigt wurde das durch die Tatsache, dass diese Einrichtung/Pflegefamilie so weit weg von allen Verlockungen der Großstadt war, dass David keine Chance hatte, diesen Verlockungen zu erliegen.

Alles wunderbar?

Nein.
Dann kam nämlich die Sozialarbeiterin zu Besuch. Die musste ein Hilfeplangespräch führen, und dachte, dass sie das in der schönen Gegend, in der der Knabe nun lebte, auch mit einem Urlaub verbinden könne. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Der Urlaub wurde komplett privat gezahlt, nur die Stunde für das Hilfeplangespräch konnte als Überstunde ausgewiesen werden.

Die zweite Idee, mich zu bitten, mitzufahren, kam direkt vor dem Gedanken, den Jungen mal wieder mit seinem Bruder in Verbindung zu bringen- die beiden hatten sich seit einiger Zeit nicht mehr gesehen.

Also packten die Kollegin und ich unsere beiden Kinder ein, und fuhren zusammen in den Urlaub, und den großen Bruder des kleinen David nahmen wir mit.

Bei dem Hilfeplangespräch wurde dann vereinbart, dass der Junge für die zwei Wochen, die wir Urlaub machten, bei uns bleiben solle… Die Pflegeeltern konnten sich auf diese Weise mal etwas erholen, und bei uns konnten die Brüder mal ein bisschen Zeit miteinander verbringen.

Was soll ich sagen…? Die Idee war eine Scheiß-Idee.

Aus lauter Sorge, das arme, geschädigte Kind nicht noch weiter zu schädigen, ließ die Kollegin zu, dass er wirklich und wahrhaftig mit ihr Schlitten fuhr. Nach zwei Tagen war er nicht mehr zu bändigen- griff ihr beim Autofahren ins Steuer, haute ab und ließ uns stundenlang nach ihm suchen, fraß alles, was nicht eingeschlossen war und musste sich ständig körperlich mit den beiden fast erwachsenen anderen Jungs messen, die anderthalb mal so alt - und doppelt so schwer- waren wie er.

Anstelle eines klaren Aufzeigens von Grenzen ließ sie ihn geschehen… Ein Beifahrer, der mir während der Fahrt ins Lenkrad greift, wandert sofort nach hinten, und falls er das nicht mit macht, kriegt er zwei Euro für die Straßenbahn. Jemand, der andere kontinuierlich angreift, provoziert, ihr Eigentum versteckt oder zerstört, muss sich, wenn seine „Gegner“ 18 Jahre alt sind, auf Keile gefasst machen. Das wäre sicherlich heilsam gewesen, scheiterte jedoch an der Glashaube, mit der die Kollegin den Jungen schützte. Er war off-limits für uns alle- und ich hab da meine Angewohnheit, häuslichen Spannungen durch lange, einsame Autofahrten zu entfliehen, so richtig Zucker gegeben.

Nachdem ein „Ausflug auf eigene Faust“, den der Knabe mitten in der Nacht unternahm, dazu führte, dass die Gespräche mit ihm im Auto stattfanden (ins Haus wollte er nicht) und nachdem er während dieser Gespräche ständig auf die Hupe drückte, kriegten wir Ärger mit der Leitung der Ferienhaussiedlung, in der wir wohnten.

Da dieser „Urlaub“ über Ostern stattfand, dürft ihr nun alle raten, wer sämtliche Ostereier und -Nester leer- bzw. auffraß und die gefärbten Eier durch rohe Eier (eilig und heimlich nachts nachgefärbt) ersetzte… Ha, ha. Sehr witzig, morgens ein rohes Ei zum Frühstück sich über die Sonntagsklamotten zu kippen.

Dann kriegten wir raus, dass er nächtelang seine Eltern, die weit entfernt in seiner Heimatstadt lebten, anrief- über das Telefon im Ferienhaus, auf unsere Kosten.

Anlässlich dieser Gespräche versprachen die Eltern ihm das Blaue vom Himmel, so dass, nach den 14 Tagen bei uns, kein Gedanke mehr daran verschwendet werden konnte, den Jungen zu den Pflegeeltern zurück zu bringen.


Was nun?

Nach einer kurzen Zwischenparkung in einer Notaufnahmestelle entschied die Kollegin, was zu tun sei.

Sie nahm ihn zu sich als Pflegekind.


Anderthalb Jahre später ging er direkt von ihrem Haushalt in den Knast.

Ich traf ihn wieder, 2006 in der Straßenbahn in der Nachbarstadt.


Er berichtete mir, dass er inzwischen drei Kinder habe, von zwei Frauen, das vierte sei unterwegs, und er müsse wieder in den Knast, weil sie ihm die Bewährung widerrufen hätten.

In den letzten fünf, sechs Jahren hab ich nichts von ihm gehört, und auch bei aufmerksamer Zeitungslektüre nichts gelesen, was auf größere kriminelle Unterfangen hätte schließen lassen. Immerhin.- Er hatte Potenzial!

Ich mag nicht behaupten, dass die Kollegin diese ganze Geschichte alleinverantwortlich in den Teich gesetzt hat. Bestimmt nicht.

Aber ihr Verzicht auf alle Verbindlichkeit, alle Regeln und alle Stringenz hat den Knaben mit Sicherheit einer seiner größten Chancen beraubt, nämlich der, bei seiner Pflegefamilie zu bleiben.

Abgesehen von der gruseligen Kindheit, die David hatte, hat ihm diese Sorte  nachgiebige Zuwendung wohl am zweitmeisten (das ist ganz bestimmt ein Wort!!) geschadet.

Und auch für alle Menschen, die ganz normal mit dem ganz normalen Irrsinn unserer Gesellschaft aufwachsen, gilt, dass man nicht unentwegt nur fördernd und lobend und liebend auf sie eingehen kann.

Niemand ist der Nabel der Welt, und es ist sehr ungerecht, unfair und vorwerfbar, seine Kinder in dem Glauben aufwachsen zu lassen, es würde sich ihr Leben lang alles nach ihren Wünschen richten.

Daran zerbricht ein Mensch genau so wie an Schlägen.

Kommentare:

Kate hat gesagt…

Ich hab schon damals den Kopf über diese Geschichte geschüttelt...

Das Problem ist, dass viele heute meinen, dass Grenzen setzen etwas mit ungerechtfertigter Strenge zu tun hat und lehnen das deshalb ab. Dass sie ihren ach so süßen Kleinen keinen Gefallen damit tun, wird locker übersehen, bis es irgendwann zu spät ist und man sich fragt, was man sich da rangezogen hat (im Idealfall, manche merken das vielleicht auch gar nicht mehr)

Wie auch immer: ich hab wahrlich mit vielen Kindern unterschiedlicher Intelligenzstufen zu tun und eins weiß ich: Kinder brauchen und wollen Grenzen! Auch wenn sie moppern (das ist ja auch ihr Job) aber sie akzeptieren das wenn es sinnvolle Grenzen sind!

Und dazu gehört eben auch, dass man nicht jeden zutextet und meint, jeder würd sich brennend dafür interessieren, was man zu erzählen hat oder/und sich dreist vordrängelt! Das finde ich ungehörig und respektlos und das ist genau das, was die Probleme bringt! Rücksichtlose Kinder werden rücksichtlose Erwachsene und davon gibt es wahrlich schon genug!

Ich hab bei dem anderen Kommentar nichts mehr gesagt, weil ich es nicht für nötig empfunden habe, mich dazu zu äußern! Ich habe wahrlich keine rechten Gedanken und möchte alle Aufsässigen und nicht ins Raster passende in die stille Kammer sperren (da würde ich mir auch meinen Job kaputt machen) noch muss ich mich rechtfertigen, weil ich auch Menschen unter 18 Jahren, die sich scheiße verhalten, scheiße finde! Punkt und sogar Ausrufungszeichen!

Anonym hat gesagt…

Sie haben Recht, dass falsch verstandenes Gutmenschentum, zu laxe Erziehung und übergroße politische Korrektheit meist das Gegenteil dessen bewirken, was intendiert ist.
Dieser Timo aber ist aber mit all seinen Zwängen und Stereotypen so offensichtlich krank/behindert,dass ich ihre Darstellung aus der Genervtheit des direkten Kontaktes heraus noch einigermaßen verstehen konnte, nicht jedoch die Kommentare dazu. Diese waren - sorry - menschlich einfach erbärmlich.
Inken

Kate hat gesagt…

Warum? Weil man zugibt, dass man auch von Menschen mit Handicap genervt ist? (Wobei das hier auch alles bloße Unterstellungen sind oder hat jemand eine Diagnose von Timo?) Ich muss also alle Menschen, die eine Behinderung haben oder krank sind lieb haben und alles tollerieren? Sie in Watte packen weil sie ja ach so bemitleidenswert sind???
Ich wage hier mal zu unterstellen, dass das von Menschen kommt, die wenig mit eben diesen besonderen Menschen zu tun haben! Ja, ich bin auch genervt von Menschen mit Handicap wenn diese sich entsprechend verhalten, genauso wie ich das von Menschen ohne Behinderung bin, wenn sie mich nerven. Alle Menschen sollen gleich behandelt werden, steht schon im Grundgesetz!

Behinderung bedingt nicht, dass man einfach so durch die Gegend poltern kann und auch Menschen mit Einschränkungen können -wenn sie es lernen- Rücksicht nehmen.

Und wenn sie das nicht tun, bin ich genervt, so!

(dazu die passende Worterkennung: grantelf)

Lily hat gesagt…

@alle:
Sämtliche Eigenheiten sämtlicher Menschen können sämtlichen Anderen auf den Wecker fallen. Rücksicht kann man da verlangen, wo jemand dazu fähig ist, sie auch zu üben. Das schließt natürlich Menschen aus, die keine Kontrolle über ihre Äußerungen oder ihr Verhalten haben. Von diesen war allerdings weder in meinem Posting von Timo, noch in den Kommentaren dazu die Rede- es ging immer um Mitmenschen, die die Möglichkeit haben, sich zu kontrollieren, oder deren Eltern diese Möglichkeiten haben/hatten.
Das nur zur Klarstellung. Es ist NICHT so, dass mir die besagten und gemeinten Kinder/Jugendlichen nicht auch leid täten. Ich hab tiefes Mitgefühl für sie, auch weil mir schwant, was ihnen blüht, wenn sie keinen Welpenschutz mehr haben.
Ich möchte nur darum bitten, dass es sich hier nicht einbürgert, Etiketten an den jeweils Anderen zu pappen, das macht keinen Sinn.

Paula hat gesagt…

D'accord, keine Unterstellungen von bräunlichen Gedankengut mehr,und einverstanden, dass grenzenloses Verständnis in der Erziehung furchtbare Folgen hat. Danke für Deine ausführliche Klarstellung, liebe Lily.

Nun sind Kommentare leider nur Worte, die als Einziges so im Raum stehen, die Person dahinter ist nicht immer deutlich zu erkennen.

Bin froh, dass ich damals nicht Lehrerin geworden bin, sonst wäre ich inzwischen wahrscheinlich zum Zyniker mutiert, was Kinder und Jugendliche angeht.