Sonntag, 9. Juni 2013

Drei


Ziemlich genau drei Jahre ist es jetzt her, dass ich zu meinem 12-wöchigen Aufenthalt in der Klapse aufgebrochen bin. Kaputt und vollständig fertig nach vielen Jahren Depressionen und ausgebrannt von mehreren Jahrzehnten des gleichen, mittlerweile sehr unbefriedigenden Jobs, trat die Lily an, die Welt zurück zu erobern.
Und, fragt man da, hat sie? Hat's was gebracht, die viele Kohle, die lange Zeit, die vielen Tränen?

Wisst ihr was? Das frag ich mich oft auch.

Die Antwort lautet ja - manchmal.

Ich hab dort so einiges gelernt. Unter anderem, wie man mit Komplimenten umgeht (nicht meine Standard-Ansprache durch andere, aber just in case kann man das ja mal lernen), Kontakte zu knüpfen, ein bisschen Umgang mit Farbe und Pinsel, die eher theoretische Wertschätzung von Routinen und Struktur. Die Praxis bei letzteren hat sich bisher nicht so recht ergeben, aber ich arbeite dran.

„Dran arbeiten“ ist der Allgemeine Seinszustand seit diesen 12 Wochen, hab ich festgestellt.

Sicherlich geht es mir verflixt viel besser, vor allem war das direkt danach der Fall, weil ich einfach total erholt war von der Zeit, in der ich mich um nix als mich selbst kümmern musste. Das war zwar super anstrengend, aber es entfielen Dinge wie Büro, Einkaufen, Kochen, Alleinsein. Eine Menge gutes Essen, serviert von netten Leuten, und ich bin sogar bereit, ein Frühstück zu mir zu nehmen.

Entlassen wurde ich mit der Diagnose „mittelgradige, chronische Depression“ und der Empfehlung, weiter Therapie in Anspruch zu nehmen. Aus verschiedenen Gründen sind alle meine Versuche, das zu verfolgen, gescheitert. Nicht zuletzt, weil mich die Qualität und Diversität der Angebote in der Klinik echt verbrannt haben für die übliche Tiefenpsychologisch orientierte Gesprächstherapie. Im Endeffekt musste ich nämlich erkennen, dass die Jahre der Gespräche selten zu den Ebenen geführt haben, in denen sich bei mir die innerpsychischen Knoten finden. Kunsttherapie und Musiktherapie waren die Mittel, um da was zum Knacken zu bringen, und haben zu sehr weitreichenden Ergebnissen geführt, sind aber nicht so einfach zu bekommen.

Was mir keine Therapie bisher zurück bringen konnte, sind die Jahre, in denen die Krankheit mich für Lernen und Erwachsenwerden blockiert hat. Mir fehlen beinahe alle Gefühle und Erinnerungen bis ich so schätzungsweise 15 Jahre alt war, außer bei schulischen Dingen. Schule war immer sehr positiv besetzt, daran liegt das vielleicht. Das wirklich üble bei diesen verlorenen Jahren ist, dass man nicht weiß, was passiert ist, sondern nur raten kann. Ich vermute also, dass meinem wachsenden und sich entwickelnden Gehirn die Störungen im Stoffwechsel nicht sehr gut getan haben und dass ich auch damals bereits sehr viel Zeit dort verbracht habe, wo ich es noch heute tue, wenn ich mich nicht zusammenreiße: Abseits der Realität. Nicht im Jetzt, nicht im Hier, sondern einfach woanders. Teilweise versponnen in irgendwelche Bücher, Filme, Spiele, aber wahrscheinlich mehr als häufig in Grübelhausen und Sorgenbrunn. Positiv ist, dass mir wer auch immer Schwänke aus meiner Jugend erzählen kann, die mir tatsächlich neu sind, negativ ist, dass man mir erzählen kann, was man will - ich kann es glauben oder auch nicht.

Die üblichen Dinge, die so ein Mensch zwischen 0 und 15 lernt, blieben also außen vor. Mein Verhalten in bestimmten Situationen ist daher oft etwas unangemessen, meist das einer überangepassten 8-Jährigen, deren Hauptanliegen ist, zu beobachten und nicht aufzufallen. Natürlich sind da auch 14-jährige Großmäuler unterwegs, und mit denen kann man sein blaues Wunder erleben.
Bis ich z. B. merke, dass mir Menschen nicht gut tun, ist der Schaden schon da, und die Konsequenz für mich lautet dann, mich zu verpissen und in meiner Burg einzuigeln. Inzwischen weiß ich das aber, und versuche manchmal, das nicht zu tun, denn das Ergebnis in Zeiten des Erwachsenseins ist leider, dass man Kontakte abbricht und keine neuen mehr bekommt, weil man einfach nicht mehr so viele neue Menschen trifft. Offensiv bestimmtes Verhalten einzufordern wird mir aber immer fremd bleiben, fürchte ich. Oder einfach nur entschieden meine Grenzen zu verteidigen... was nicht heißt, dass niemand merkt, wie es „da drin“ aussieht. Das merkt wahrscheinlich jeder, spätestens bei einem meiner seltenen aggressiven Durchbrüche, die dann leider oft soviel Porzellan zerschlagen, dass es nicht mehr kittbar ist.

Meist ist meine Umgebung aber vor mir sicher, weil es dann doch einfacher ist, Aggression gegen sich selbst zu richten- auch so ein doofes Kapitel. Ich hab mir selbst und meinem besten Freund versprochen, niemals Hand an mich zu legen- das kann ich versprechen. Nicht zusagen kann ich, wirklich alles selbstschädigende Verhalten einzustellen. Aber wer kann das schon?

Momentan arbeite ich gezielt daran, meine Angewohnheit, grübelnderweise Horror-Szenarien zu entwickeln, abzulegen und offener gegen das zu sein, was sich tatsächlich abspielt. Das geschieht mittels Atemübungen, meditativen Körperübungen und viiiiiiel Geduld. Des weiteren arbeite ich gegen das Verdrängen und gegen neurotische Voreinstellungen an. Das ist ziemlich spannend, weil es mir schon schwer fällt, überhaupt festzustellen, was eigentlich genau die Trigger sind, die bestimmte Verhaltensmuster und Reaktionen auslösen.

Aber wie dem auch sei: Ich bin mit den letzten drei Jahren zufrieden. Manchmal war ich sehr unglücklich, verwirrt und schief drauf, aber meistens ließ es sich aushalten und das ist doch auch schon mal was.

Oder?

Schönen Sonntag!!
Vonne Lily.

Kommentare:

Frau Vau hat gesagt…

Nix oder.
Dir auch einen schönen Sonntag!
(Wenn ich mal die wirklich passende Gelegenheit habe, schreibe ich dir was "richtiges" dazu, heute aber eher nicht..) Liebe Grüße!

Paula hat gesagt…

Gutes Resumée (Resumme, Rehsumme, Restsumme?) Was haben die da bloß mit Dir gemacht von 0 - 15?

Komme gerade wieder von einem Ausflug zum Landkreis, wo ich meine Kindheit verbracht habe. Bei mir sind da wenigstens auch ein paar paradiesische Erinnerungen dabei von lieben Großeltern und heißen Sommern auf dem Land. Auf der Rückfahrt habe ich mich gefragt "was haste eigentlich bisher geschafft in Deinem Leben? Und was muss unbedingt noch anders werden?"

Dranbleiben, auch wenn die Jahre immer schneller ins Land ziehen.

dat Bea hat gesagt…

Danke für diesen Post.

In vielen Punkten erkenne ich mich wieder...darüber denk ich jetzt mal nach...

Dir einfach einen lieben Gruß, kluge Worte hab ich nicht...

Paula hat gesagt…

Hast Du diese Erklärungsversuche schon mal weiter verfolgt?
http://www.randomhouse.de/Buch/Seelische-Truemmer/Bettina-Alberti/e324620.rhd

Die seelischen Trümmer unserer Eltern haben nach dem Krieg auch unsere Seelen mehr oder minder zertrümmert. Das wurde mir gestern am Grab meines Vaters auch wieder klar.

Meise hat gesagt…

Hach, das "dran arbeiten" kenn ich verdammt gut. Klappt sogar hier und da mal. Für fünf Minuten oder so. ;)
Mir bringen die Gespräche einmal die Woche aber was - eine ganze Weile haben nur sie es ermöglicht, dass ich den Rest der Woche überhaupt klar kam. Mittlerweile helfen sie mir, die Spur zu wahren, weil ich schnell, schnell (nach fünf Minuten?) schon wieder vergesse, woran ich habe arbeiten wollen. Trotdzem klingt da noch was nach, auch wenn mein Hirn ziemlich gut darin ist, Ungemütliches auf die lange Bank zu schieben (zusammen mit dem Riesenhaufen an anderen Digen, die schon dorthin geschoben wurden...).

Übrigens schaue ich jeden Tag auf die beiden Bilder von dir und freue mich an ihnen. Das nur mal so am Rande.

Lily hat gesagt…

@Frau Vau: Mach das mal, ich freu mich drauf:-)
@Paula: Ich glaube nicht, dass da "was gemacht" wurde- ich glaube an die falsche Dekade zum Großwerden und an eine ziemlich aufgemischte Hirnchemie, sowie zuviel Kinder in meiner Familie. (Nix für Ungut, Georg!) Aber, wie auch schon im Posting geschrieben: Es bringt mich nicht (mehr) weiter, wenn ich weiß, was ich verpasst habe. Entscheidend ist aufm Platz, bzw. entscheidend ist, was ich jetzt tun kann, um mit mir umzugehen.
Die Kriegsfolgeschäden sind nur eine Facette dessen, was ich oben das "Aufwachsen in der falschen Dekade" genannt hab.

@Meise: Den Stressabbau durch die Gespräche hab ich auch lange gebraucht. Um das zu lernen, was mir ein Rudel Therapeuten aber empfohlen hat (sich selbst annehmen und so), musste ich erst wieder raus aus der Therapie und mich mir selbst zuwenden. Vieles von dem, was ich in den Gesprächen von mir gegeben habe, war auch an die Adresse des Therapeuten gerichtet. Man will sich ja auch "gut verkaufen" bzw. sich die Anerkennung der projizierten Elternfiguren abholen. Manche Übertragung blieb da dann doch eher an der Oberfläche- rückwirkend betrachtet.