Mittwoch, 4. September 2013

Ein Porträt

Die Augen der Frau sind Schaufenster mit Blick auf die Schlachtfelder ihres Lebens. Zuviel Schweiß und Tränen sind an ihnen vorbei gezogen, und haben beinah jedes Gefühl davon gespült. Blut war sicherlich auch dabei, und bestimmt nicht immer nur ihres. Dafür wirkt sie zu eckig. So, als könnte man sich an ihr blaue Flecken und ordentliche Schrammen holen. Die Ecken sind gut versteckt unter dem weich werdenden Fett des mittleren Alters, und die herabgezogenen Mundwinkel glätten das, was von Lachfältchen übrig geblieben ist. Sie muss einmal gut ausgesehen haben, und nicht nur in der üblichen Spanne zwischen 13 und 17, bevor die ersten Ahnungen des Scheiterns die Jugend in die Defensive drängen. Ein bisschen von der Arroganz der gut Aussehenden ist noch zu erkennen, und man kann vermuten, dass der Mund auch lächeln könnte.

Da ist auch etwas anderes, auf das sie immer noch stolz ist. Intelligenz vielleicht, oder etwas anderes, nicht durch die Zeit Verwitterndes. Direkt daneben jedoch steht, mindestens ebenso groß, die verlorene Schlacht, die den Krieg gleich mit beendete. Ein Denkmal, trüb rostfarben und jedem Frieden widersprechend. Die Erkenntnis vielleicht, dass sie ihre Waffen nicht wirksam genutzt hat, die Strategie und Taktik ihrer nicht würdig, verwässert, abgemildert und ihrer Schärfe beraubt waren. Die Potenziale jedoch scheinen ausgeglichen und verleihen ihr Tiefe. Sie lassen spüren, dass da jemand ist, der Jemand hätte sein können, aber auch, dass sie vollständiger ist mit dem Scheitern, dreidimensional, eine Persönlichkeit.
Ob sie eine gute Freundin ist, eine präsente und liebevolle Mutter?
Sicher gibt sie nur ungern auf, verbeißt sich gern in Dinge und ist gut darin, die Fäden zu entwirren, die über ihren Weg gespannt sind. Vielleicht hat sie gelernt, sich ihre Kämpfe gut auszuwählen, darauf wetten sollte man jedoch nicht. Eine Kriegerin, oft und oft auf verlorenem Posten. Kein Mensch für ein Team, sondern eine, die die Rollen auf sich selbst verteilt, obwohl sie weiß, dass sie sie nicht alle gut spielt.

Hinter den Schranken und den bewehrten Türmen ahnt man, wenn man nah genug heran geht, die Gärten und Teiche eines friedlichen Landes. Sonnenauf- und -untergänge in einem Spektrum kräftiger Farben, bunt bemalte Skulpturen und schwarzweiße Jongleure in den Schatten der Bäume.

Und dort an der Brücke steht sie und blinzelt in den blauen Himmel.

Kommentare:

Paula hat gesagt…

Hmm, interessante Frau, schöne Bilder, gut gewählte Worte. Man kann sie sich vorstellen. Ist die Kriegerin ungefähr fünfzig?

Einen Satz finde ich irgendwie nicht stimmig: "Zuviel Schweiß und Tränen sind an ihnen vorbei gezogen, und haben beinah jedes Gefühl davon gespült."
Schweiß und Tränen ziehen nicht an den Augen vorbei (oder an den Schaufenstern?). Vielleicht: Tränen sind aus ihnen geflossen, haben sich mit Schweiß vermischt und haben beinah jedes Gefühl davon gespült o.ä..

Lily hat gesagt…

Ich vermute mal, dass sie über fünfzig ist, ich kenn sie nicht.
Schweiß zieht aber dran vorbei, an den Augen (sonst brennts :-) ) aber es ist schon ein Bruch drin im Bild, das stimmt.
War nur eine Fingerübung:)

Womble hat gesagt…

Wär's ein Bild, würde ich es mir an die Wand hängen. Vielen Dank!

Lily hat gesagt…

Danke dir, mein Freund.