Dienstag, 1. März 2016

Viel zu lang.



Inspiriert hat mich Nicola. Die vom Lied der Dicken Dame. Und zwar dazu, mich mit dem Thema Diät und Dick und so noch mal gründlich auseinanderzusetzen.So richtig gründlich ist das hier jetzt nicht, eher eine argumentative Reise... 


Nach herkömmlichen Maßstäben klinischen Zahlen ergibt mein Gewicht auf der Waage nur ein Ergebnis: Übergewicht. Nix dran zu deuteln, Herrschaften.
Nach meinem persönlichen Empfinden bin ich inzwischen halbwegs normalfigurig. Das mach ich daran fest, dass ich in Standard-Läden Standard-Sachen kaufen kann. Ihr, die ihr nie über Größe 46 hinausgekommen seid, macht euch keine Vorstellungen, wie ätzend, mühsam, deprimierend und teuer es ist, etwas zum Anziehen zu finden, das nicht nur zu schließen ist, sondern sitzt. Das nicht nur den Erfordernissen des Wetters Rechnung trägt (und, vor allem im Sommer, oft nicht mal dem), sondern ein bisschen schön aussieht. Das dem Anlass entspricht (Büro, Freizeit, Feste). Mit dem man sich nicht mit Mitte Dreißig schon fühlt wie auf dem Weg ins Altenheim.

Es gibt für ein und dieselbe Figur so viel verschiedene Beurteilungskriterien… Da ist das Gewicht in Kilos. Das sagt erst mal gar nix, das ist nur eine Zahl. Das ist so wenig aussagekräftig, dass es sogar einige Methoden und Formeln gibt, um diese Zahl zu bewerten. Broca, zum Beispiel. Dann den BMI, in seinen Varianten. Da gibt es noch mehr, aber die könnt ihr selbst googeln, Dass auch diese Methoden und Formeln eigentlich nicht allgemeingültig sind, weil z. B. eine sehr aktive Sportlerin, bedingt durch die Schwere der Muskelmassen, einen ziemlich hohen BMI haben kann, aber keinesfalls dick ist, ist inzwischen bekannt.
Hat man die Kilogramm hinter sich gelassen, kommt noch mehr Subjektivität ins Spiel, nämlich Ästhetik. Da wahre Schönheit ohnehin im Auge des Betrachters liegt (was vor mir schon diverse Leute gesagt haben) ist ab hier der Markt für Bewertungen eröffnet. Ästhetik ist ganz klar eine Zeiterscheinung. Ihr wisst das alle, schätze ich :-)
Von den Bildern, mit denen wir bombardiert werden, und die uns laufend präsentiert werden, kann ich selbst mich nur schwer lösen. Spontane Reaktionen passieren mir manchmal. Die sind dann oft weder für mich noch für die Person schmeichelhaft, die da gerade zufällig unterwegs ist. Übergewicht ist da nicht das, was Reaktionen auslöst. Meist ist es Kleidung, die mich  zu der Frage führt (die ich im Übrigen für mich behalte…), ob die Person keinen Spiegel hat.
Das ist böse. Ich weiß nämlich, dass selbst ein Spiegel niemals der Betrachterin das zeigt, was vor ihm steht. Anders formuliert: Selbstwahrnehmung is a bitch, Herrschaften. Und sie geht nach. Was man an Fotos merkt, die einem plötzlich in die Hand fallen. Da ist ein Schnappschuss, den man damals, nach der Party, wo man das super schöne rote Kleid getragen hat, ganz toll fand. Zwei Jahre später sieht man dann, dass es viel zu groß war (das Kleid). Oder zipfelig. Oder nicht saß. Oder dass die Brüste (für dieses Kleid) knapp unterm Kinn hätten montiert sein müssen.  Genau so kann es sein, dass man sich für megadick hielt. Nur um Jahre später festzustellen, dass man das gar nicht war. Umgekehrt natürlich auch.
Das entschuldigt nicht solche absoluten Faux-Pas wie ihn die Frau gelandet hat, die vor ein paar Jahren mal durch die Fußgängerzone lief, im Ultra-Mini. Ohne was drunter, was die gesamte Innenstadt sehen konnte, als sie sich bückte. Ja, sie ging nicht in die Knie. Und es war komplett egal, dass sie dünn war.

Aber zum Thema: Was sind (zu) viele oder (zu) wenige Kilos? Wer bestimmt, wo das „zu“ anfängt, und das „noch“ aufhört? Und die einzig akzeptable Antwort ist: Nur die Person selbst kann und darf sagen, dass es ihr zu viel oder zu wenig ist. Wessen Ästhetik sich dran stört, der soll als erster  wegschauen. Welche Gründe die Person hat, um an irgendeinem Punkt die Überschreitung der „zu-Grenze“ festzustellen, ist auch ihre Sache. Niemandem steht ein Urteil zu. Und auch jeder, der vor gesundheitlichen Schäden warnt, sollte nicht glauben, dass er heutzutage irgendwem was Neues erzählt. Er oder sie kann sich also genau so gut den Atem sparen.  Das ist auch meist nur ein Versuch, Kontrolle auszuüben.

Was den Moment des Überschreitens der Zu-Grenze betrifft: Ich habe im vergangenen Jahr diesen Moment gehabt. Und der hatte nix mit Ästhetik zu tun, sondern einfach nur damit, dass ich Schmerzen beim Gehen hatte. Und nicht mehr von der Couch hochkam. Jedenfalls nicht mit Schwung. Und dass ich mich gefragt habe, ob das Leben so weiter gehen sollte – und wie lang es wohl noch dauert, das Leben, mit den konzertierten Wirkungen von Älterwerden und Übergewichthaben in der meinigen Ausprägung. Dazu kommen meine gesundheitlichen Einschränkungen durch den Diabetes und die Essstörung. Letztere verbietet mir eine Diät sowieso, und der Diabetes macht, dass ich mich nur schwer daran halten kann. Der ist nämlich das, was man brittle nennt, also schwer einstellbar. Mit Diät nicht zu beeindrucken. 

Davon mal abgesehen kotzt mich dieser Figur-Faschismus so an… Ästhetik ist eine Sache, Gesundheit eine andere. Beide Haltungen sind m. E. zweifelhaft.
Die dritte Haltung ist besonders verwerflich: Menschen pauschal für dumm oder faul oder eine Mischung aus beidem zu erklären, nur weil sie nicht dem eigenen Bild von Schönheit oder Attraktivität entsprechen, ist faschistoid. Der Irrsinn dieser Haltung kann einfach betrachtet werden, wenn man sich eine x-beliebige Zeitschriftenauslage in diesem unserem Lande anschaut. Yellow-Press, Autozeitschriften, Computerjournale, Dekopostillen. Und in Greifhöhe eine Mischung von „Frauenzeitschriften“, die eins gemeinsam haben: Abwechselnd schick gestylte Fressblättchen oder ebenso bunt bebilderte Diätwerbung-cum-überflüssige-Tipps. Samt amtlich genehmigter Rezepte für kalorien- und genussfreie Knechtschaft für immer. Den wahnwitzig unterernährten Vorbildern, die man in vielen dieser Publikationen sieht, kann man nur nacheifern, wenn man den Rest seines Lebens auf jede Kalorie verzichtet, die nicht unbedingt zur Aufrechterhaltung basaler Lebensprozesse nötig ist.
Das hab ich nicht vor. Essen hat, und das nicht nur für Essgestörte wie mich, viele, viele Facetten und Funktionen. Die schlichte Ernährung ist nur eine davon. Genuss und Wohlbehagen, Trost und inneres Aufwärmen, sozialer Kontaktanlass, kulturelle Errungenschaft, alles das kommt zu kurz, wenn man Essen nur unter dem Kalorien-Aspekt sieht. Und ganz besonders kommt natürlich alles das zu kurz, was Essgestörte wie ich vom Essen erwarten. Ausgleich für Leere, Besänftigung von Zorn und Ausübung von Kontrolle, Protest, Widerstand gegen was auch immer. Jede merkwürdige Verhaltensweise hat ihren sehr realen Gewinn. Zumindest mal gehabt.
Ich für meine Person futtere auch immer noch gerne mal, weil es grade lecker ist, mehr, als ich brauchen würde, um satt zu sein. Ein bisschen hat mir das vergangene Jahr aber dabei geholfen, nicht nur Hunger und Appetit wahrzunehmen, sondern auch Zustände wie „keinen Hunger“ und „noch satt von gestern“. Es gibt also Tage, an denen ich nicht oder nicht viel essen muss, und inzwischen kann ich das bemerken und darauf dann ebenso Rücksicht nehmen wie auf meine Vorliebe für vollfetten Käse. Ein paar Tricks hab ich mir angewöhnt, die mir helfen, nicht wieder in Essräusche zu verfallen. Die haben nix mit Diät zu tun, sondern mit einer Balancierung von Input und Output.
Diese Balance für mich zu finden und zu behalten, das ist mein Ziel. Beim Erreichen des Ziels hilft es mir, den Output zu erhöhen durch die Bewegung, die ich inzwischen sehr zu schätzen weiß. Sport hat in meinem Leben keine große Rolle gespielt, meine beiden Eltern sind nicht sportlich unterwegs und es gab bei uns  nicht das, was man eine Sportkultur nennen könnte. Manche Dinge hab ich trotzdem gerne gemacht, Schwimmen zum Beispiel, oder Radfahren, und wenn es sich ergab, Tischtennis. Und ins Studio bin ich auch immer gern gegangen. Nur das Aufraffen… Oh je.
 Es hat mich aber dann doch gefreut, zu entdecken, dass mein innerer Schweinehund dressierbar ist. Und es hat mich gefreut, das Laufen zu entdecken. Die positiven Wirkungen von Bewegung wie mehr Ausgeglichenheit, ein höheres Energielevel, mehr Motivation für alle anderen Dinge im Leben, haben einen gewissen Mitnahmeeffekt, von dem ich bis dato nur gelesen hatte. Und geglaubt hab ich das sowieso nicht.
Ziemlich viel Hilfe hatte ich durch den Sport bei den sekundären und tertiären Gewinnen des Essens. Also bei deren Abwendung bzw. bei deren Ersatz. Nämlich zum Beispiel bei der Reduzierung meines Grundlevels an Aggressivität (Zorn und Trotz ist bei mir ein Standard-Auslöser für Binge-Eating-Attacken). Ausgetobt sein ist eine gute Basis für das Nicht-gleich-Ausflippen, und manchmal auch eine Gelegenheit, um sich aus allem heraus zu ziehen und mal eine Runde ungestört nachdenken zu können. Kontakt und solche Dinge bekommt man auch, wenn man mit einer Freundin um die Häuser rennt, nicht nur, wenn man sich einen schönen Abend mit einem leckeren Essen gönnt oder ausgeht. Der Sport hat also mein Verhaltensspektrum erweitert, was mir sehr gut gefällt. Kein anstatt, sondern ein sowohl-als auch.
Was ganz selten geworden ist, ist das Binge-Eating-Ergebnis des „Essens bis absolut nix mehr reingeht“. Das passiert nur noch, wenn ich rausgehe zum Essen und nicht darauf achte, ob ich satt bin oder nicht. Weil ich mich gerade ärgere, zum Beispiel. Der „angenehme“ Zustand des Suppenkomas ist nicht mehr so präsent und er gefällt mir auch nicht mehr. Wirklich gefallen hat er mir auch früher nicht. Aber er war das, was der angenehme Rausch für den Alk ist. Ist nix dran zu deuteln, und genauso ein Selbstbetrug.
Und spätestens hier kann natürlich jemand, der mit entsprechenden Urteilen um sich wirft, sich komplett bestätigt fühlen in allem, was er/sie so über Menschen mit Übergewicht denkt. Darf er oder sie auch gerne tun, da die Gedanken ja bekanntlich frei sind. Solange er oder sie aber nicht eigene entsprechende Erfahrungen gemacht hat, sollte er/sie schön den Ball flach und seine Gedanken für sich behalten. Ebenso bitte sehr seine/ihre Blicke. Über einige Menschen die ich kenne, die sich mit sehr viel Gewicht plagen, mache ich mir große Sorgen, weil ich sehen kann, dass sie Schmerzen haben und dass es ihnen nicht gut geht. Die gleichen Sorgen mache ich mir auch bei Menschen, die aus anderen Gründen leiden. Die versuche ich jedoch, ihnen nicht auf die Nase zu binden. Das wäre genau so unerträglich wie jemanden, der schwer krank ist, mit Stories über eigene Erlebnisse trösten zu wollen. Nicht hilfreich. Fragt jemand, wo die dreißig Kilo geblieben sind, geb ich gern Antwort.

Was ich nie mehr tun will: „Frauen“blättchen lesen. Die mit den Fress- und- Hunger- Tipps. Warum, oh Göttin, geht das nicht ohne? Wollen wir als Frauen heutzutage auf diese Themen beschränkt werden? Wollen wir uns wirklich für so dumm verkaufen lassen? Haben wir nix anderes, was uns wirklich als Gruppe bewegt und interessiert? Keine politischen, sozialen oder humanitären Themen? Interessiert uns Wissenschaft, Forschung, Technik nicht? Was ist mit unseren Töchtern, welche Werte sind uns für sie wichtig? Wollen wir uns von der Werbebranche auf zwei Gebiete fokussieren und zur Profitmaximierung zwischen den Extremen hin- und herschubsen lassen?
Nö.
Nicht wirklich. Wirklich nicht.

Kommentare:

Paterfelis hat gesagt…

Gelesen und für gut befunden. :-)

Lily hat gesagt…

Ich danke dir;-)

Nicola Hinz hat gesagt…

Insbesondere die Sorge um die Töchter - die ist offenbar mehr als berechtigt. Die Chancen, dass sie inmitten eines wirklich massiven "Backlashs" erwachsen werden, stehen ziemlich gut. Ich lese gerade ein Buch über den "neuen Sexismus" und die Pornographisierung der Schönheits- und Modeindustrie, die in den letzten Jahren immer weiter auf dem Vormarsch zu sein scheint. Da reicht es dann schon lang nicht mehr, "nur" schlank und hübsch zu sein. Seufz.
Liebe Grüße
Nicola

Lily hat gesagt…

Der üble Witz ist ja in dem Zusammenhang, dass die Standards von schlank, geschmeidig, blond und so mal sexuelle Verfügbarkeit zu Fortpflanzungszwecken signalisieren konnte. Mit den verschobenen Bildern und Maßen, die heute präsentiert werden, ist das jedoch sicher nicht mehr verbunden... Denn unterhalb bestimmter Körperfettanteile ist bekanntlich Fortpflanzung schlicht nicht mehr drin. Wie denn auch, wenn der Körper gegen das Verhungern kàmpft. Ein böser Witz.

Frau Vau hat gesagt…

Zum Glück hat sich meine Tochter noch nie für irgend eine 'Frauenzeitschrift' (oder als Kind/Jugendliche für BRAVO und Konsorten) interessiert. Sie isst normal und mit Freude. Vielleicht auch, weil ihre beste Freundin magersüchtig ist und sie daher hautnah mitbekommt, was eine Essstörung für fatale Folgen haben kann.
Auch sonst stimme ich dir absolut zu. Und da ich grade in die Wechseljahre komme, ist es für mich sogar positiv, nicht ganz schlank zu sein. Wichtiger ist, sich wohl zu fühlen und gesund zu sein als dürr.
(Slow cooker ist gestern angekommen. .. ich freu mich aufs Ausprobieren )

Lily hat gesagt…

Sei froh- ich finde es beklemmend, in einer Zeit zu leben, in der nicht nur das goldene Kalb angebetet wird, sondern auch das magere...

Paula hat gesagt…

Ganz schön raffiniert, wie Du hinter Deine eigenen Zwickmühlen und Fallen gekommen bist. Respekt! Ich bleib auch dran, zumal ich genau weiß, dass ich um mehr Bewegung nicht herum kommen werde, der Winter wird da bald keine Entschuldigung mehr sein, und dass das bisschen Fahrradfahren, was ich seit Jahren mache, auch nicht.

Gut, dass ich keine Tochter habe,um die ich mir Sorgen machen müsste, wie einige Kolleginnen von mir. Und um die (zukünftige?) Schwiegertochter brauche ich mir keine Sorgen zu machen, die isst gern, hat was im Kopf und ist nicht vom Schlankheitswahn besessen.

Ein passender Kommentar von Roger Willemsen zu Heidi Klum und ihrem Beitrag zum Schlankheitswahn: "Man möchte.....sechs Sorten Scheiße aus ihr herausprügeln, wenn es nur nicht so frauenfeindlich wäre!" (https://www.youtube.com/watch?v=AAeNJ3ZveUM)