Samstag, 14. Februar 2009

Making of „weiberleben“ - oder: Der Rechtfertigungszwang




Es begab sich also zu der Zeit, als das Land regiert wurde von der Dame im Abendkleid +3 auf Decolleté, dass ein Gebot ausgehe, dass ein jeder sich vergleiche mit seinen Geschlechtsgenossen.

Die ExBraut und eure euch zutiefst Verbundene gingen daraufhin in der Mittagspause in einen lokalen Schönheitstempel (aka Parfümeriekettenzweigstelle).

Sowas ist eine Prüfung, unter Umständen, und hat sich auch gestern als solche erwiesen.

Kaum da, und soeben erst eingetaucht in das, was Parfümeriekettenpublicrelationeers als corporate fragrance konzipiert haben, also das besondere Aroma, das jedem dieser Läden eigen ist (und vermutlich wirklich ein speziell entwickelter D*uglas-Duft ist) sank mir schon das Herz.

Ins absolut Bodenlose, ich hätte auf der Stelle losheulen können.

Mental schwebte über mir ein roter Pfeil, auf und ab hüpfend, der signalisierte:

DA GEHT SIE, DIE HÄSSLICHE.

Haltet Abstand, es ist ansteckend.

Um mich rum Frauen. Kleine Frauen, zierliche Frauen, geschminkt und gepflegt und geschniegelt und überhaupt.

Ich stand da, in meinen Billig-Turnschuhen, der Uralt-Jeans, dem C&A-Jäckchen, mit der Tasche in Woolworth-Design und den müden Augen. Ein rausgewachsener Haarschnitt und diverse Kilo Übergewicht machten es nicht wirklich besser.

Auch nicht das Bewusstsein, dass ich es mir definitiv nicht leisten kann, mir das zu gönnen, was man „sich was gönnen“ nennt.

„Zu Hause“ in meiner Bürozelle, umgeben von genug Arbeit bis an mein Lebensende, musste ich dann erst mal ein Ströfchen vor mich hin heulen, im Büro keine wirklich gute Idee.

Und ungeachtet der Arbeit musste ich darüber intensiv nachdenken, was ich, wie ihr alle wisst, gern schriftlich tu.

Viele Versuche, die alle im Chaos endeten, über Emanzipation, Jutesäcke, Birkenstocks, Bodylotions, das Konzept von Schönheit, die irre Idee, dass Frauen sich gegenseitig (und sich selbst) runtermachen, weil die eine das Köpfchen hat und die andere das Frisürchen trägt.

Über die Schubladen, in die wir uns gegenseitig stecken, und an denen wir uns (beim aggressiven Schließen derselben) doch immer nur die Finger einklemmen. Die eigenen Finger.


Der vierte oder fünfte Versuch trug den Titel: Mädchen, Mutter, Matrone. Und dazu spukte mir eine Textzeile von Ina Deter im Kopf herum: „Die Hexe, die Hure, die heil’ge Madonna...“

Das schrie nach einer Liste, der guten Ordnung halber einer alphabetischen Liste.


Et voilà.

Womit hoffentlich auch die Frage nach der Quelle beantwortet ist, die ich übrigens als Tritt auf den Zeh empfunden habe.


Stets die eure,




Lily



Kommentare:

Frau Vivaldi hat gesagt…

Ich kenne das Gefühl.. wenn ich mit meiner schönen, strahlenden, großen, mitreißenden Freundin (die dazu noch nicht unerheblich wohlhabend ist) "shoppen" gehe (was heißt, sie kauft ein und ich stimme zu.. *g*)..
Sche** drauf, was Du anhast! DU bist ein schöner Mensch - auch wenn ich Dein Äußeres nicht kenne, Du strahlst Schönheit aus.
Ich hab inzwischen gelernt, diese Shoppingtage zu genießen, weil ich eigentlich reicher bin als sie, denn ich kenne ihr Leben. Also haben wir einen ganzen Tag lang Spaß zusammen, fühlen uns miteinander wohl und ich reflektiere ihr Strahlen (das ist jetzt etwas Off-topic, sorry..),
danach müssen wir beide ins normale Leben zurück. Diese ganzen Frauchen, denen nichts Wichtiger ist als ihr Äußeres - weißt Du, wie ihr Leben aussieht? Was für einen Grund es gibt, so zu sein? (Ich meine nicht die Exbraut - und auch ich gehe gern mal in eine Parfumerie oder eine Boutique und vor allem liebe ich Schuhläden.. *g*) Wir sind schon alleine darum schön, weil wir geliebt werden.. wir haben Familie, Freunde, Partner, Katzen, Vögel, Spielgefährten!
Hab ein schönes Wochenende, liebe Grüße!

Kate hat gesagt…

Ich bin so stolz auf dich!!!!
Ich zieh den Hut (den kaputten mit dem Loch, nicht das pinke Hütchen mit Federn drauf) für deinen Mut und deine gnadenlose Ehrlichkeit!!!

Das Gefühl, dass man sich absolut scheiße fühlt und alle um einen rum eh 1000x toller sind kennen bestimmt viele Frauen, aber das zuzugeben schafft wahrlich nicht jede!!!
Ich bin froh, eine so tolle Frau in meinem Leben zu haben! "Wahre Schönheit kommt von innen", platter Spruch aber es ist so! Und ich hätte auch gar keine Lust mich immer mit dir über abgebrochene Nägel zu unterhalten! ;-)

Lily hat gesagt…

Liebste Frau V... es ging mir genau um diese Bewertungen, die wir fein (aber bisschen boshaft?) unternehmen, wenns ums Vergleichen geht. Warum tun wir uns so oft gegenseitig weh, wenn wir Frauen, die jeweils mehr Wert auf ihr Äußeres legen, fast schon automatisch für hohl und oberflächlich halten? Ich weiß, dass ich auch dazu neige, meine Lieben zu trösten, wenn sie so einen Tag haben, an dem sie sich hässlich fühlen... Nach dem Motto: Die ist schön, die ist gepflegt, wie scheiße muss sie sich (hoffentlich?!) fühlen, und welche unendlichen Probleme muss sie auf anderen Gebieten haben?
Versteh mich nicht falsch, ich will *dir* nichts unterstellen, ich will nur meine eigenen Automatismen darlegen. Ich schaue mir einfach gerne schöne Menschen an,und wäre auch gern selbst einer :-) Streng genommen weiß ich, dass die Mädels bei D. an der Kasse auch ihre Probleme haben, und an arroganten Tagen denke ich, sie können vielleicht einem meiner Sätze kaum bis zum ersten Komma folgen. An nicht arroganten Tagen frage ich mich, warum wir uns das gegenseitig antun. Die eine macht die anderen als Emanze runter, und im Gegenzug knallt man ihr (innerlich, versteht sich) ein "Hohlköpfige Blondine" um die Ohren. Wer hat das Sich-Pflegen und Sich-Schönfühlen für unvereinbar oder wenigstens konfliktauslösend mit Intelligenz erklärt? Wo steht geschrieben, dass man als Professorin nicht auch Prinzessin sein darf?
Klar kann man nicht alles haben, und frau schon mal gar nicht. Aber trotzdem... als wäre das Leben nicht schon unerfreulich genug, machen wir uns auch noch gegenseitig die Hölle heiß. Was für eine Verschwendung von Brennmaterial.
Wenn man genug über eine Person weiß, dass man sagen kann- okay, sie ist attraktiver, aber sie hat deshalb kein besseres Leben, sondern ein schlechteres, dann ist das eine Sache. Aber ich höre zu oft, dass sowas unterstellt wird, und das finde ich einfach nur traurig.
Warum sollte man nicht auch mit einem IQ über 130 einen Bustier wie meine Lootwiga sich zu tragen trauen?
(Vermutlich weil die Läden, in denen man Bustiers der Klasse "Schwere Rüstung" findet, dünn gesät sind:-))
Ach, ich weiß es selbst auch nicht so genau, was mich da eigentlich umtreibt.
Und ich hoffe, ich hab dir jetzt nicht auf den Schlips getreten, das war nämlich nicht meine Absicht.
*seufz*

L

Kate hat gesagt…

Ich glaub, sowas können nur "richtig gute Menschen", die mit sich und allem im Reinen sind!
Ich bin das nicht und deshalb brauch ich das um mich nicht gänzlich scheiße zu fühlen! Wenn ich nen guten Tag habe, an dem alles stimmt (und die gibts erstaunlicherweise) freu ich mich über Leute, bei denen alles super ist. Wenns mir scheiße geht macht es das nicht besser, "Macken" an nem anderen zu entdecken, aber es baut mich etwas auf nach dem Motto "Siehste, nicht nur du hast Probleme"
Ich find das menschlich. Es ist ja nicht so, dass man denen das wünscht, man entdeckt halt und nimmt zur Kenntnis und sieht dadurch, dass es "normal" ist!

Klapsenschaffner hat gesagt…

Nur kurz: Ihr Damen seit mit gefühlten Komplexen dieser Art nicht allein. Uns ...mir geht es oft genauso.

Kate hat gesagt…

Dann herzlich Willkommen Herr Schaffner! ;-)

Steffen hat gesagt…

Oh. *beschämt zu Boden blick*

Paula hat gesagt…

Es war einmal eine Schönheit vor ungefähr 30 Jahren, der alle Männer und Frauen in der Umgebung hinterhersahen. Sie hatte lange Beine, war sehr schlank mit wunderbarem knackigen Po, hatte blonde lange Haare, einen sinnlichem Schmollmund und wunderschöne große blaue Augen. Alle Freundinnen beneideten sie. Aber, das wussten nur ihre Liebhaber, sie war dennoch kreuzunglücklich,tieftraurig, ohne Selbstvertrauen und versteckte sich hinter der wunderschönen Fassade und benutzte diese als Macht, ihre Umgebung zu bezaubern und zu manipulieren. Denn sie wusste nicht, was Liebe ist.

Sie hatte Glück, ein Prinz wurde auf sie aufmerksam und ließ sich nicht von ihr blenden, sondern liebte sie einfach. Jetzt durfte sie endlich wirklich leben und nicht mehr nur schön sein, sich entwickeln, wachsen, ein Kind bekommen, krank, alt, dick und hässlich werden, er liebte sie trotzdem. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute...

Nachtrag: Und sie möchte um keinen Preis der Welt mehr jung und schön sein.

Frau Vivaldi hat gesagt…

Liebe Lily - nein, ich fühl mich nicht auf den Schlips getreten, nur ein bisschen missverstanden.. ;-) Sooo hab ich das nämlich nicht gemeint.
Ich wollte eher ausdrücken, dass ich für mich selbst meine eigene Schönheit und mein Selbstbewusstsein entdeckt habe und darum gar nicht nötig habe, auf andere schöne Frauen neidisch zu sein.. oder mich schlecht zu fühlen, wenn ich mal ungeschminkt in Parka und Jeans durch Aldi renne, weil ich kurz vor 7 gemerkt hab, dass die Milch alle ist. Ich bin trotzdem schön, auch wenn ich Ringe unter den Augen habe und einen dicken Pickel auf der Stirn.
Nein, der Fraktion, die hämisch auf "Blondchen" schielt und den IQ taxiert, der hab ich noch nie angehört... *lach*
Und zuletzt noch eine Frage: wo verdammt krieg ich dieses blöde Bustier her...?!?!?!?

Lily hat gesagt…

Das tut mir leid, missverstehen war nicht meine Absicht... Eigene Schönheit entdecken hört sich gut an.
Mit dem Bustier kann ich dir nicht helfen. Wo mans kriegt, weiß ich auch nicht... aber ein Tipp: Kilo Stahlwolle kaufen und selbst häkeln.. Kratzt nur vermutlich ziemlich, hat aber außergewöhnlich formende Eigenschaften ;-))

LG
L

Frau Vivaldi hat gesagt…

..ops.. kann nicht stricken - geht häkeln auch?

Lily hat gesagt…

Häkeln, klöppeln, weben, sticken, was du willst.
Hauptsache, du erwischst rostfreie Stahlwolle.

Etosha hat gesagt…

Es sind imho die eigenen Grenzen, die wir unserem Sein stecken, an die wir in solchen Situationen zuweilen schmerzhaft stoßen, und nicht die beneidenswerte Schönheit oder Klugheit anderer; wenn die Mengen "was ich sein kann" und "was ich nicht sein kann" keine Schnittmenge bilden dürfen.

Die flammenden Plädoyers hier finde ich sehr schön. :)