Freitag, 10. Dezember 2010

Präsentierteller

…nennt man die Art Arbeitsplatz, die ich derzeit innehabe. Erdgeschossig-un-gardin-t, innenstädtisch-hell-erleuchtet.

Vor dem Haus eine Rutschbahn, bzw, gegenüber, denn mein Arbeitgeber nimmt seine Räumpflicht sehr ernst und schickt jeden Morgen ein armes Schwein mit einem Maschinchen den Berg hoch, und der räumt und streut ganz erheblich.

Heute Morgen hab ich schon unfreiwillig gegrinst über den Typ, der an der Bushaltestelle zwischen seinen zwei sehr überraschten Golden Retrievern saß. Beide Hunde strebten voneinander (und von Herrchen, der ihnen so plötzlich so nahe kam) weg, und ihr Mensch saß hilflos auf dem glatt gefrorenen Stück Ausfahrt zwischen ihnen (tiefgekühltes Kopfsteinpflaster und darauf tropfender Regen = schweinerutschig).

Ähnliches Gehampel spielt sich heute mehrmals täglich vor meinem Fenster ab, aber, wie gesagt, auf der anderen Straßenseite.

Gewagtester Mitspieler in der „Wer fällt den Fußgänger“-Runde in dieser Woche ist der Kinderarzt eine Ecke weiter: Da wurde seit Beginn des Schneefalls letzte Woche Mittwoch weder geräumt noch gestreut- ich umgehe die Stelle weiträumig, denn abschüssig ist sie auch noch.

An sich hat sich das Busfahren als eine prima Sache herausgestellt. Der Bus, den ich kriegen will, fährt zuverlässig um 6.25, die Frontscheiben sind frei, der Wagen selbst geheizt. Kein Mensch außer mir für die ersten drei, vier Haltestellen, dann allerdings eine kleine Gruppe allein reisender Jugendlicher, die, wie gestern ausgeführt, an einem geheimen Programm teilzunehmen scheinen. Die meisten schlafen noch, daher ist es recht leise im Bus, bis auf das Klacken der künstlichen Fingernägel auf den Handytastaturen.

Im Bus selbst sitzt man nicht auf dem Präsentierteller, weil mein Busunternehmen nicht an freie Sicht für Passagiere glaubt. Viel eher glaubt es an eine Mischung aus Werbefolie und Dreck auf den Fenstern. Um diese Jahreszeit ist der Dreck wohl obligatorisch.

Die Philosophie dieses Nahverkehrsunternehmens kann man bei langjährigen Kunden schon an der servilen Haltung und dem vorab-um-Pardon-bittenden Tonfall erkennen, mit dem sie einen Busfahrer etwas fragen, oder, ganz allgemein und Gott bewahre, den Bus benutzen wollen. Da wird vorab gelächelt, ge-guten-morgen-sagt, geschleimt und so, bis man auch darauf beinahe ausrutscht.
Oft kann man beobachten, dass der Bus am Bahnhof steht, eine Viertelstunde den Motor im Leerlauf röhren lässt, während der Fahrer Kaffee trinkt. Hinter dem Steuer. Und das, wo der Pausenraum grad mal eine Minute zu Fuß entfernt ist. Den Kunden so deutlich zu sagen, dass deren kalte Füße einem scheißegal sind, traut man sich vermutlich wirklich nur als Busfahrer.

Kaffeepausen in allen Ehren, das ist mir ein bisschen zu plakativ. Ebenso demonstratives Rauchen im Bus, wenn die Passagiere ausnahmsweise wegen erheblicher Minustemperaturen schon mal reingelassen werden.
Auch auf das freundliche „Guten Abend“ einer Kundin mit „Fahrschein!11elf“ zu antworten, muss nicht sein. Der liebe Gott und Konrad Duden haben sich was dabei gedacht, als sie die Höflichkeitsform und die Befehlsform als zwei grundsätzlich unterschiedliche Formulierungen aufgefasst haben.
Aber ich seh schon: Ich werde alt und grantelig. Jeden Tag ein bisschen mehr.
Gehabt euch wohl an diesem Wochenende, grüßt mir die Freizeit und die Unterhaltung, legt euch nicht auf die Nase, und so weiter.

Lily

Kommentare:

Kate hat gesagt…

Ich hab heute auch ganz erstaunliches bei der "wegendeswettersfahrichdochlieberbahn"-Session erlebt:

Ich hatte KEINE nervigen Menschen neben mir

Die Schaffner (die mich in den letzten 5 Minuten meiner insgesamt 3stündigen Reise kontrolliert haben) waren sehr freundlich

Die Züge kamen ALLE pünktlich und jetzt der Knaller: der Zug in Münster stand schon 20 Minuten VOR der Abfahrt da und man konnte rein und saß im Warmen!

Ich hab die ganze Zeit die versteckte Kamera gesucht und tu es noch...verrückte Welt! :-)

Paula hat gesagt…

Hoffentlich machst Du einen bürgerfreundlichen Dienst, so auf dem Präsentierteller. Ich rätsle immer noch über Deinen neuen Job: Annahmestelle für Viertelsjahressteuererklärungen des Finanzamts oder Bürgerbeschwerdestelle oder Verkehrsamtsanmeldung oder Beratungsstelle für Kulturschaffende im Ruhrgebiet.....ich glaub ich frag Dich mal per mail.

Dass ich bei dem Wetter lieber siebeneinhalb Minuten zu Fuß zur Arbeit gehe als das Fahrrad zu nehmen (dreieinhalb Minuten, erwähne ich lieber nur so am Rande.