Sonntag, 5. Juni 2011

Früh übt sich.

Wenn man nach so langem Schweigen wieder die Tasten in die Hand nimmt und versucht, was zu schreiben, dann ist es zu allererst mal schwierig, die Textverarbeitung auf dem unübersichtlichen Desktop zu finden. Dann fehlt, natürlich, das Thema. Hätte ich welche, hätte ich geschrieben- was nicht bedeutet, dass ich nicht ungefähr zehn Mal am Tag einen Gedanken hätte, den ich gerne teilen würde.

Oft reicht es nicht, mehr als eine Zeile zu schreiben. Und ich denke nicht, dass ich damit einen Hund hinterm Ofen hervorgelockt hätte.
Daher hab ich ein bisschen gesammelt. Mal sehen, was davon blogtauglich ist.

- Eine Liste hab ich wieder gefunden, die ich von Anne mal bekommen habe: Die „Liste möglicher Gefühle“.
Hört sich seltsam an, hat aber was mit Depressionen zu tun. Denn diese können durchaus den Focus des Fühlens auf die negativen Seiten der Dinge richten, und alles so grau in grau abbilden, dass man auch diese negativen Gefühle nicht mehr scharf trennen kann. Das ist aber wichtig, denn nur so kann man gut einschätzen, welche Sachen tatsächlich schlecht laufen, und welche sich einfach bloß scheiße anfühlen. Derzeit mischt sich bei mir ein gebremster Tatendrang mit einer dezenten Erbostheit, weil dieses aufdringliche Hilfe-Glühlämpchen mir unterstellt, ich wüsste nicht recht, was ich hier schreibe. Oder wenigstens, wie ich es formatieren soll. Wie soll ich es sagen? Fuck off, Hilfefunktion.

Die Liste trennt positive, neutrale und negative Gefühle, und ich finde es hilfreich, mir ab und zu mal diese Reihen anzuschauen. Zwar ist die Aufstellung der negativen Gefühle wesentlich länger als die beiden anderen Spalten, aber das liegt, glaube ich, daran, dass diese Sammlung von Patienten aufgestellt wurde.

- Menschen hab ich wieder gefunden. Als Spezies, wobei diese Phase schon länger andauert. Als Individuen, wobei sich in den letzten Tagen da ein gewisses Grauen breit macht. Denn eine Mitpatientin aus der Klinik hat vor einigen Wochen versucht, sich das Leben zu nehmen. Für uns alle ist der Suizid nie weit weg gewesen, trotzdem ist der Anblick zweier breiter Narben an schmalen Handgelenken nichts, was die Stimmung fördert. Aber es ist nicht ihre Aufgabe, meine Stimmung zu fördern, sondern weiter zu leben. Wenn ihr auch derzeit die Überzeugung, was das betrifft, eher chemisch suggeriert wird. Ein bisschen erweckt das den Eindruck, als habe jemand auf eine Amputationswunde ein Pflaster geklebt- hat was von Kosmetik. Ich weiß nicht, ob ihr angemessen geholfen wird. Ich selbst bin komplett hilflos, was ich nicht gern bin, und möchte sie am liebsten mit nach Hause nehmen und mich um sie kümmern. Das wäre aus mehreren Gründen falsch. Auch diese Erkenntnis nimmt mir aber nicht das Gefühl, hilflos dabei zuzusehen, wie jemand komplett steuerlos und ohne Perspektiven durch die Reste seines Lebens treibt.

- Es gibt noch andere Dinge, die ich aus der Psychiatrie mitgenommen habe: Das Malen, zum Beispiel. In 14 Tagen hängen einige meiner Bilder zum ersten Mal in einer Ausstellung. Ein bisschen aufgeregt bin ich schon- andererseits ist es nicht so schlimm, weil sie da nicht allein hängen, sondern weil wir als Ateliergemeinschaft ausstellen. Da ich, trotz einer großen Anzahl von erzeugten Bildern, noch immer nicht sicher einen Stil entwickelt habe, ist das ein echtes Abenteuer. Dem Malen, vor allem aber Elena, verdanke ich eine neue Qualität in meinem Leben: Die Geduld. In den Anfängen habe ich bei einer Ergotherapie-Sitzung manchmal drei bis vier Leinwände gebraucht, die alle in Windeseile mit einer entsprechenden Menge Farbe versehen und flugs für fertig erklärt wurden. Ich hab immer noch mehrere Sachen gleichzeitig in Arbeit, aber brauche viel länger, bis ich was zu Ende gebracht habe. Viel öfter hab ich einen Plan, den ich verfolge- was nicht bedeutet, dass die Spontaneität leidet. Die findet statt, wenn ich die Grundierung für ein Bild mache. Da lasse ich nur die Farben und mein Bauchgefühl sprechen. Es kommt oft etwas Überraschendes dabei heraus, und das inspiriert dann wieder zu den Feinarbeiten, die sich durchaus über Wochen hinziehen können. Hört sich langweilig an, ist es aber nicht. Dieses Ausarbeiten, vom Groben ins Feine, fordert Konzentration und Stille, und das tut beides gut. Einmal in der Woche male ich immer noch bei Elena, dafür nehme ich die 140 Kilometer Hin- und Rückfahrt gerne in Kauf. Und oft sitzen wir da stundenlang und schweigen, und malen. Hier zu Hause ist das immer noch schwieriger, weil es mir an geeignetem Platz fehlt. Aber in Bälde, so hoffe ich, hat mein Sohn eine Wohnung und dann kann ich hier die nötigen Änderungen durchführen, so dass Arbeitsflächen fürs Malen und Nähen und sowas vorhanden sind. So langsam werde ich ungeduldig.
Wenn ich mir meinen Sohn so anschaue, hat das Aufgeben des Studiums ihm sehr gut getan. Abgesehen von einer erheblichen Gewichtsabnahme (weniger Zeit zum Essen, mehr Bewegung!) hab ich seit Monaten keine schwarzen Ringe mehr unter seinen Augen gesehen.

- Der jüngste Haushaltszuwachs hier chez Lily ist klein, eifrig und schnüffelt in allen Ecken herum. Die Katzen mögen ihn nicht, und beobachten sein oft etwas unsensibles Vorgehen mit Argusaugen. Emily lässt sich da weniger stören als die anderen drei, vermutlich, weil sie ihn nicht hören kann. Eine gewisse Eigenwilligkeit akzeptiert die Felidensippschaft offenbar nur bei ihresgleichen. Es wird noch eine Weile dauern, bis sie ihn machen lassen, so wie er will- derzeit wird gefaucht, gehauen und geflohen, was das Zeug hält. Zum Glück zeigt er keine Neigung, auf die Couch, den Tisch oder, Gott bewahre, auf Eddies Lieblingsfluchtschrank zu klettern. Denn er ist an den Boden gebunden, ich hab strikte Order, ihn keinesfalls auf das Sofa zu lassen. Die Rede ist von ihm hier.

- So, und jetzt gehe ich raus, fotografieren. Irgendwas Positives muss ja dran sein, wenn man schon nicht schlafen kann.



Schönen Sonntag,

wünscht dieLily

Kommentare:

Paula hat gesagt…

"Blog like nobody is watching", ihr Motto (www.ankegroener.de) hat was Ermutigendes, finde ich. Was spielt es für eine Rolle, ob bedeutend oder tiefgründig oder nicht. Die Hauptsache ist doch das Schreiben selbst, oder das Zeichnen und Malen. Und dass es Spaß macht. Hab ich auch grad wieder entdeckt.

Immer im Fluss bleiben, mitschwimmen oder gegen den Strom, egal.

Schönen Sonntag auch.

Georg hat gesagt…

Navibot rockt.

Das ist echt klasse.
Ich freue mich immer wenn ich von dir lese. Egal.

Vor zwei tagen gab es übrigens wieder mal einen Stau. Am Moersenbrucher Ei. Genau. (Oder wie das Ding geschrieben wird...)


Das mit den Suizidalen kenn ich. Wenn ich dienstlich so einem über den Weg laufe und dann sehe wie nah ich dem ganzen immer noch bin. Puh da wird einem schon anders. Ich denke aber Du bist auf dem richtigen Weg. Schon das Du erkennst das Du nicht für alles verantwortlich bist ist ein guter Schritt.

Ich muss mich immer zusammenreissen das diejenigen welche dann nicht mehr leben wollen mich nicht zu sehr runterziehen. Wenn sie das tun werde ich immer sehr böse und damit ist dann auch niemandem geholfen.
Mir schon gar nicht.

Dir einen schönen Sonntag.

Meise hat gesagt…

Kein Wunder, dass deine Katzenbande den Bot anfauchen, aus ihrer Sicht ist der bestimmt gruselig.

Ich bin übrigens noch immer sehr glücklich mit deinen zwei Bildern!
In zwei Wochen ist die Ausstellung?
Wann genau und wo?

Citara hat gesagt…

Und dann gleich so ein umfangreiches Posting, schön, von fir zu lesen.

Und Bilder in einer Ausstellung - toll!

Eine schöne Woche *wink*

Anonym hat gesagt…

Ich freue mich auch über Dein Schreibpausenende ! ;-))

In Dorsten eröffnet im Sommer eine kleine Galerie. Dort können Menschen dann Bilder und Gardasee-Wein kaufen. Die Betreiberin kenne ich. Da kannst Du dann gerne auch mal deine Bilder zeigen ! Ich habe schon gefragt !

Beste Grüße !