Samstag, 5. Dezember 2009

Ich hab dich nicht gewollt, Teil 2





Das schreit nach einer Fortsetzung, findet ihr nicht auch? An so ziemlich jeder Ecke könnte ich einhaken, und weiter berichten- was ich hiermit tue. (Alle Verwendungen von „tun“, die für sich allein stehen, tun mir weh <---diese hier zwar nicht, aber da heißt das ja auch „weh tun“)


Ich erhoffe mir so viel von der nächsten Zeit mit meinem Sohn- ein bisschen Gelegenheit, was wieder gut zu machen, ein wenig die Chance, etwas Positives in unserer beider Leben zu bringen, in mancher Beziehung etwas Nachreifen, für uns beide.
Wir fangen jetzt schon mal an- morgen treffen wir uns zum Plätzchenbacken. Das haben wir nur einmal gemacht, vor 18? Jahren, und ich fands schrecklich. Wahrscheinlich, weil ich das nur getan hab, weil „man“ es so mit seinen Kindern macht. Wegen der guten Erinnerung und so. Oh Mann, was glaubt man doch für eine Scheiße.
Natürlich ist es wichtiger, eine gute aktuelle Beziehung mit seinen Kindern zu haben als ausgerechnet mit Ende 20 Plätzchen zu backen und Weihnachtsrituale zu etablieren.
Die Bäckerei wird jedoch veranstaltet, weil ich ganz gern mal backe, und er was lernen soll, und weil wir beide Lust auf Spritzgebäck haben.
(Btw: Weiß wer, wie man einen angerosteten Fleischwolf wieder backtauglich kriegt? Spülmaschine hat nicht viel gebracht, und eingefettet hab ich ihn- ohne sinnvolles Ergebnis. Ich glaub, ich schieb da nachher mal ordentlich Probeteig durch)


Eine gute Beziehung haben wir, das hat mir das Nachdenken über das letzte Posting gezeigt- sofern das bei uns beiden überhaupt geht, ist das sogar eine vertrauensvolle Beziehung. Denn obwohl wir beide gern und viel reden, erfährt man von uns nicht ohne weiteres, was wirklich wichtig ist, und da sind wir unglückseligerweise erstgradig verwandt.
Also, jede Menge zu tun :-)


On a totally unrelated basis gibt’s da noch die Beziehung zu meinen Eltern.
Weiland vor einem Jahr, nach dem Vorfall, den ich in Teil eins geschildert hab, war ich so unglaublich sauer- ein bisschen was davon spiegelt sich sogar in einigen eurer Kommentare :-). Ich hab einige Zeit geschäumt vor Zorn. So- und dann hab ich mir überlegt, was ich mit dem Zorn anfange? Wohin mit der Wut? Bomben werfen? Riesenfamilienkrach vom Zaun brechen? Nie wieder mit meiner Mutter sprechen?
Nach und nach, mit dem allmählichen Sacken der Geschichte, hab ich ein bisschen Gas rausgenommen.
Denn- zu dem Zeitpunkt, als die ganze Geschichte geschah, war ich 17, und meine Mutter war 39. Neununddreißig- sieben Jahre jünger als ich es heute bin, die Lily, die ich mir hier auch herausnehme, mir über vieles im Unklaren zu sein, Fehler zu machen und Emotionen und Bedürfnissen die Zügel schießen zu lassen. Die manchmal laut jammert, dass das Leben keine Stützräder mehr hat (Danke, S :-))
Dass sich Erwachsene bedürftig wie die Kinder verhalten, ist heute normal. So furchtbar normal, dass man es heute als sein gutes Recht ansieht, seinen infantilen Erwartungen an das Leben gnadenlos nachzugeben, und zum Beispiel vielfach gern den Arsch nicht mehr hochkriegt, um auch nur die Basics für seine Kinder sicherzustellen.
Das fängt beim Aufzeigen von Grenzen an. Das nicht zu tun, ist ein Nachgeben gegen die Faulheit des Augenblicks, notdürftig kaschiert durch „Wir sind ja so gute Freunde, mein Kind und ich“. Es rächt sich, spätestens wenn die Kinder keine Autorität mehr respektieren. Aber es beruht ursprünglich darauf, dass die Eltern einfach nicht in der Lage sind, ihre Bedürfnisse nach „liebgehabt werden“ auch mal nicht erfüllt zu kriegen.
Kinder finden ihre Freunde im Kindergarten, in der Schule und auf dem Spielplatz. Zu Hause brauchen sie Eltern, die auch mal Verantwortung übernehmen, die was aushalten, die stabil und verlässlich Liebe und Werte und so einen Kram vermitteln.
Dass ich das so gut weiß, liegt daran, dass ich während der gesamten Kindererziehungszeit mit meinen eigenen kindlichen Bedürfnissen im Clinch gelegen habe. Wie oft hätte ich dies oder jenes tun, sagen oder durchsetzen sollen- aber es war wichtiger, eigenen Dingen Raum zu geben.
Klar, ein gesunder Egoismus bei Eltern ist auch wichtig, denn Kinder sind keinesfalls der Mittelpunkt des Universums. Wenn sie das nicht zu Haus lernen, dann spätestens in der Schule- wer sein Kind liebt, macht es schon vorher mal damit vertraut.
Ein vermeintlich egoistisches „Jetzt erfülle ich erstmal meine eigenen Bedürfnisse nach Ruhe und Schlaf, sonst dreh ich durch“ ist für mich okay.
Ein „Geh Fernsehen, ich will nicht gezwungen sein, mit dir zu spielen“ ist nicht okay.
Dazwischen kommts auf die Situation an.
Wo war ich? Ach ja.
Mir selbst hab ich also all diese Rechte eingeräumt, auch das des Irrtums, auch das der Bequemlichkeit (oft genug...), und meine Mutter soll sehen, wo sie bleibt?
Das ist schon irgendwie ungerecht... Das hat sie definitiv nicht verdient. So, wie ich sie kenne, wie ich sie als Erwachsene kennen gelernt habe, hat sie ihr Bestes getan. Jahrzehntelang, für vier Kinder und ein Enkelkind. Mehr war nicht möglich. Das habe ich zu akzeptieren- ob es mir passt oder nicht.
Und im übrigen: Ab einem gewissen Alter muss man leider die Verantwortung für sein Leben selbst übernehmen, sofern man nicht derart intellektuell herausgefordert ist, dass man kaum seinen Namen buchstabieren kann.
Das kann ich nun nicht ins Feld führen. Ich hab dreimal meinen Namen gewechselt, und kann sie noch alle schreiben, und es waren komplizierte Namen dabei. Also. Für alles das, was ich nicht erreicht habe, sollte niemand den Kopf hinhalten, außer mir selbst- ich bin nicht das Opfer wirklich schwerer kindheitlicher Traumata. Es war nicht alles optimal. Aber das ist es bei niemandem.


Das gehört auch zum Loslassen können: Den Eltern nicht länger die Verantwortung zu schieben für das, was wir selbst in der Hand haben.
Wenn das klar ist, kann man auch klarer sehen, was die Verantwortung für das Leben der eigenen Kinder angeht, und sich irgendwann daraus verabschieden.




In diesem Sinne:
Einen schönen zweiten Advent.
Und danke fürs Zuhören :-)









Kommentare:

Georg hat gesagt…

So habe ich es noch nicht gesehen. Eine sehr versöhnliche Sicht auf die Dinge.

Danke

Lily hat gesagt…

Gleiches Recht, für alle :-)

Paula hat gesagt…

Was auch immer, backen oder am Abendbrottisch stundenlang quatschen, oder zusammen einen Krimi angucken. Oder auch mal jeder in seinem Zimmer am Rechner sitzen - mit halb geöffneter oder auch geschlossener Tür.Oder keinen Bock haben zu reden und nur mal kurz einen Tee vorbei bringen...

Das ist Zuhause, das fühlt sich gut an, egal ob mit Kind, Freund, Freundin oder sonstwem.Auch wenn man sich dazwischen tagelang nicht sieht.

Nur nicht zuviel erwarten. Und Absichten und Wünsche aussprechen.Und Abmachungen treffen und wieder ändern.

Seitdem ich unser Kind nicht mehr erziehen möchte und ich mich nicht mehr unbedingt verantwortlich für sein Leben fühle, macht es wieder richtig Spaß die gleiche Wohnung zu bewohnen. Und mit der Wäsche und dem Müll runterbringen klappt das auch besser.Neulich hat er uns sogar mal wieder bekocht, wir waren eingeladen zu Backfisch, Reis und Sahnesauce.

Unsere Abmachung: solange Du das Gefühl hast, dass Du uns brauchst, kannst Du bei uns wohnen bleiben, natürlich ist jederzeit ein Essen oder ein Bett für Dich frei, auch danach noch. Und das Ergebnis: er würde gern ausziehen, geht aber nicht, weil das Geld nicht reicht, aber wird schon, sobald er soweit ist.

Ob 28 oder 22 oder 30, egal.

Ich wünsche mir, dass er nicht zu weit wegzieht, am liebsten in unser Viertel, aber wenn er nach Australien auswandern muss, wäre das natürlich auch o.k.