Freitag, 4. April 2008

Kommt ein Posting geflogen

Hier: Was witziges



And now to something completely different:



In den vergangenen Tagen hat ein Post in meinem Hirn gebrütet. Manchmal ist das so, da kommt ein Bruchstück zum anderen, und irgendwann, wenn ich Glück habe, ergibt sich ein Gesamtbild. Oder zumindest kommt mir das wie ein solches vor.

Diesmal hat sich folgendes zusammengetan:

Der Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst.
Eine Meldung in der gestrigen Tagesschau.
Ein Blick auf meinen Kontostand.
Noch eine Nachrichten-Meldung.

Die beiden Nachrichten waren
a) ein Urteil vom Europäischen Gerichtshof über die Nichtzulässigkeit der Beschränkung von Ausschreibungen im Bereich Vergabe von öffentlichen Aufträgen (in Niedersachsen war eine Beschränkung der Bieter auf Betriebe vorgenommen worden, die Tariflöhne zahlen)
und

b) eine Meldung, dass die PIN-Gruppe (privater Postzusteller) nach Einführung der Mindestlöhne einen Haufen Leute entlassen hat, weil die an der Gruppe beteiligten Unternehmen ihre Finanzmittel zurückgezogen haben.

Der Tarifbeschluss für die Beschäftigten in Bund und Gemeinden (das, was früher Arbeiter und Angestellte waren) umfasst zwei prozentuale Erhöhungen der Entgelte in mehreren Stufen bis Ende 2009, sowie zwei Einzelerhöhungen. Im Gegenzug wird die Arbeitszeit erhöht.

Der Abschluss wird von der Tarifgemeinschaft der Länder nicht übernommen.
Ebenso bleiben naturgemäß die Beamten von dieser Erhöhung verschont.
Im Anschluss an die Tarifrunde war von Seiten des Beamtenbundes und Verdis zu hören, dass damit nach langer Zeit mal wieder die Möglichkeit für die Teilhabe der Arbeitnehmer am Aufschwung geschaffen worden sei.
Nun ist das eine rein rechnerische Teilhabe, die vermutlich die offizielle Inflationsrate ausgleicht. Dass die gefühlten Preiserhöhungen in den letzten Jahren deutlich höher lagen, ist kaum bestreitbar.
Aber.
Aber.
Aber:

Der Bürger muss diese Erhöhung bezahlen, -Skandal!!!- erklingt jetzt schrill der Chor der Kommunen, unterstrichen vom „Ruin! Ruin!“ des basso continuo der Städteverbände.

Natürlich muss er das- und das musste er immer. Schließlich bietet die Kommune die Infrastruktur, mit deren Hilfe unser Müll weg geschafft und die Straßen erhalten werden, auf denen wir morgens zur Arbeit fahren. Der öffentliche Dienst betreibt die Kindergärten, die Schulen und andere Zuschussbetriebe. Wer sie nutzt, soll zahlen, und nicht gedeckte Kosten für gesellschaftlich zu begrüßende Vorhaben oder Einrichtungen sind von der Gesellschaft zu finanzieren. Punkt.

Die gewinnbringenden Sparten, das sind andere.

Zum Beispiel die Bahn.
Hartmut „Bahnchef“ Mehdorn ließ verlauten, die Bahn sei „so gut aufgestellt“ wie noch nie.
Vor ein paar Wochen hörte sich das noch anders an. Da war, glaubte man ihm, das freie Abendland (sowie naturgemäß das freie Unternehmertum) bedroht von Horden marodierender Lokführer, die hart arbeitenden Aktionären das Kapital abluchsten.
Beinahe jedes Großunternehmen, wie sie auch heißen mögen und wo sie auch herkommen, schämt sich nicht mehr, gleichzeitig mit vielnulligen Gewinnzahlen zu verkündigen, man würde weiteren lästigen Beschäftigtenballast bei der nächsten Gelegenheit in die Landschaft kippen- alles im Sinne der Maximierung der privaten Einkünfte der Großaktionäre.

Die Kosten für die soziale Absicherung dieser ehemalig Beschäftigten darf dann gern der Steuerzahler begleichen. Vielleicht bietet ein Sozialplan noch kurzzeitig Erleichterung.
Auffanggesellschaften hingegen werden oft bereits unter finanzieller Beteiligung der öffentlichen Hand gegründet.

Die sekundären Kosten, aus wegbrechenden Steuern, ausfallenden Beiträgen für die Sozialversicherung, sinkenden Einnahmen aus Mehrwertsteuer und einkommensabhängigen Beiträgen trägt der Steuerzahler zu einhundert Prozent.

Dafür erhöht sich die Rendite für Großaktionäre und die Bezüge der CEOs und Manager ins Irrwitzige.

Und sobald die Kosten für die Sozialkassen untragbar werden, und die Beiträge zur Kostendeckung nicht mehr ausreichen, müssen die Lohnnebenkosten angehoben werden. Selbst bei einer fast auf Null geschrumpften Personaldecke in Unternehmen bedroht so etwas die potenzielle Rendite- und führt beinahe reflexartig zu Verlagerung von Produktion ins Ausland. Womit hierzulande erneut Menschen auf die Straße geschickt werden.

Mal ehrlich- geht’s noch?


Die USA haben derzeit eine Nachfragekrise. Der amerikanische Konsument, Weltmeister im Geldausgeben, kann das nicht mehr. Die Hypotheken steigen, die Kreditrahmen bei den Kartengesellschaften sind ausgeschöpft, selbst mit Zweit- oder Drittjobs sind die irren Kosten für die Krankenversicherungen nicht mehr zu bezahlen. Also wird der Konsum drastisch eingeschränkt. Es kauft keiner mehr was. Die Malls sind leergefegt.
Schlichter Geldmangel hat den Mittelstand erreicht, und das Internet ist voll mit Tipps zur sparsamen Lebensführung. Die Hersteller von Waren können diese nicht mehr loswerden, und entlassen ihre Arbeiter.

Wenn man sich hier mal umschaut, sind wir nicht mehr weit davon entfernt. Ein-Euro-fünfzig-Kräfte und Teilzeitpersonal ersetzen ehemalig Vollzeitbeschäftigte. Ein Job reicht nicht, um davon zu leben, also muss ein zweiter her… ohne Sozialversicherung, versteht sich.
Aus einem Vollbeitragszahler in die Sozialkassen wird ein halber. Oder auch keiner.

Die Differenz mehrt die Profite irgendeines Geldsacks.

Die Kosten für den Wegfall des Beitragszahlers zahlen die anderen Beitragszahler.
Deren Einkünfte dadurch sinken. Deren Nachfragemöglichkeiten damit auch sinken.

Und wieder ist die Schere zwischen dem Normalmenschen und den Reichen ein Stück weiter aufgegangen.

Womit offenbar auch ein steter Realitätsverlust verbunden ist. Bei den Entscheidern, und sofern man „Realität“ mit dem Leben eines Großteils der Menschen gleichsetzt.
Offensichtlich gibt es schon lange keine wirkliche Verbindung mehr zwischen den Leuten, die im Monat eine Million „machen“ (von Verdienen kann da für mich keine Rede sein) und den Anderen. Diese Welten sind genau so voneinander abgekoppelt wie es die Löhne von den Profiten sind.

Einen Unternehmer hat früher interessiert, dass die Menschen sich sein Produkt leisten konnten (damit er es verkaufen kann), dass die Mitarbeiter zufrieden waren (zufrieden = arbeiten besser) und eine Bindung an das Unternehmen hatten.

Damit verfolgte er langfristige Ziele, wie zum Beispiel dass seine Kinder sein Unternehmen mal weiterführen könnten, und eine Langzeit-Einkommensquelle für die Familie geschaffen wurde.

Wenn es natürlich nur noch darum geht, seine eigene Platinum-Kreditkarte zu kriegen, dem Porsche noch einen Hummer beizugesellen, damit er sich nicht langweilt, und man sich, nur weil man Kohle scheffelt, schon als Elite betrachten kann, dann ist „langfristig“ auch mit uncool und dämlich gleichzusetzen.

Ich glaube, dass es Zeit wird für Politik, ihren Blickwinkel zu ändern. Großunternehmen weiterhin Zucker in den vom Steuerzahler bereits hinterhergetragenen Arsch zu blasen ist kein dauerhaft gangbarer Weg. Es geht um mehr als um Macht. Es geht um die Menschen hier.
Bürgert die Arbeitsplatzvernichter aus, wenn sie ihre Produktionsstätten ins Ausland verlegen. Nix mehr Deutschland- wenn schon, denn schon.

Sorgt dafür, dass die Leute, die ihr Einkommen sofort in Konsum umsetzen müssen, welches zur Verfügung haben.

Belohnt das Gesocks, das mit echtem Geld Monopoly spielt nicht auch noch- eine Abschreibung von 4,3 Milliarden Euro bei der Bayern LB bedeutet, dass 4,3 Milliarden Euro die Bilanzen und damit die Steuerforderungen des Fiskus’ drücken. Das ist echtes Geld- auch wenn „Abschreibung“ davor steht.

Untersagt Lohndumping und Billigstentlohnung. Sobald es bundesweite Vorschrift ist, dass nur tariflich bezahlende Unternehmen sich für öffentliche Aufträge bewerben dürfen, ist es auch zulässig, das so festzulegen in einer Ausschreibung. Ich wünsch mir, dass ihr so eine Gesetzesänderung mal genau so zügig durchfechtet wie die letzte Diätenerhöhung.









Schönen Freitag,







Lily

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es dauert nicht mehr lange und irgendeiner schiesst auf die Bosse. Dann sind alle verwundert. Ich sage nur: Es wird Zeit...

Lily hat gesagt…

Wetten, dass dann kein Schild mit "Warum?" am Straßenrand steht?