Donnerstag, 11. Juni 2009

Voodoo

Ich bin eine lichtausschaltende, türenschließende, wasserabdrehende, spritsparende Besessene.
Wenn ich nicht das Licht ausschalte, die Türen schließe, das Wasser abdrehe, Sprit spare, dann wird mit Sicherheit irgendetwas ganz Furchtbares passieren.
Was auch immer.
Das hat eine lange Tradition.
Als Kind hat mir die große Schwester meiner besten Freundin erzählt, die kleinen Risse im Asfalt (sieht das scheiße aus!) kämen daher, dass darunter Vulkane brodelten und alles für einen Ausbruch vorbereiteten. Ganz besonders galt das für die kleinen Erhebungen, mit einem Loch ganz oben. Jahrelang bin ich im Zickzack zur Schule gelaufen.

Ich war der festen, durch keine Realität gedeckten Überzeugung, dass lange Zugreisen zwangsläufig zu Eisenbahnunglücken mit Gedächtnisverlust und Kindesvertauschung führen (danke auch, blödes Buch, das mir meine Oma geschenkt hat- es hieß „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ und enthielt genau diesen kruden Quatsch).
Was für ein Glück, dass wir nicht in den Urlaub fuhren, vor allem nicht mit der Bahn.

Auch glaubte ich an den Atticus (damals dachte ich noch, es schriebe sich Ettikuss- aber ich war jung und hatte Harper Lee noch nicht gelesen). Der A. war ein Wesen, das bei verschiedenen Gelegenheiten für harmlos im Garten einer Freundin herumspringende Kinder alldorten Spielzeug versteckte. Heute glaube ich, dass es der Vater jener Freundin war, dem es einfach Spaß machte, Kinder zu verwirren. Ich habe jedenfalls so ein merkwürdiges Stofftier bekommen, es lag unter dem Hochspannungsmast in dem Garten. So ein haariges Stofftier, ähnlich wie ein sitzender Yorkshire, in grün-weiß, mit einer Schlaufe auf dem Kopf und Wackelaugen. Er muss es irgendwo billig geschossen haben, und dann sich diese Geschichte mit dem Atticus ausgedacht haben, von der ich nicht mehr weiß, wie sie ging.
Naja, er war Künstler.
Aber vielleicht war das auch der Elektrosmog wegen des Hochspannungsmastes.
Wobei- kann der schon schädlich gewesen sein? Man hatte ihn ja noch nicht erfunden. Den Elektrosmog, nicht den Hochspannungsmast.
Was mich dazu bringt, zu bekennen, dass bizarre philosophische Fragestellungen mich auch schon als Kind bewegt haben.
Sind wir nur Wesen, die ein Atom in einem Molekül in einem Stuhl in Gottes Esszimmer bewohnen?
Und wenn ja, was passiert, wenn der Sperrmüll kommt?
Es geht doch nichts über eine Kindheit voller sinnloser Schrecken.

Hattet Ihr auch welche?


Stets die Eure,

Lily


PS: Die Vulkane waren nichts schlimmeres als Baumwurzeln, die sich ihren Weg durch den Straßenbelag bahnten. Asfalt mag ich nicht noch mal schreiben, das sieht zu gräßlich aus.

Kommentare:

Paula hat gesagt…

Ja, klar hatte ich auch welche:

Z.B. der "Buschemann", eine art "schwarzer Mann", der sich unten im dunklen Keller aufhielt, so dass man auf keinen Fall Expeditionen in den Keller unternehmen durfte, oder überhaupt. Mit dem wurde wahrscheinlich schon meine Oma in Schach gehalten (wenn Du das machst, kommt der Buschemann). Jedenfalls hat sich ein schwarzer Wohngemeinschaftsmitbewohner 20 Jahre später gar nicht mehr darüber gewundert, wieso einige Weiße Angst vor Schwarzen haben.

Und dann im Kindergarten, die netten Tanten haben zum Nikolaustag einmal ein wenig mit roter Farbe präparierte Watte am Stacheldraht der Umzäunung angebracht und behauptet: "seht ihr, der Nikolaus war heute Nacht hier und ist mit seinem Bart am Zaun hängen geblieben. Und wenn ihr nicht brav seid, kommt er wieder und schimpft mir euch!" GRUSEL! Der arme Kerl tat mir furchtbar leid.

Tja, das waren die subtilen Erziehungtricks der fünfziger und sechziger Jahre!

Falcon hat gesagt…

"Trittst Du auf den Spalt und Deine Mutter wird nicht alt" - der Grund, weswegen ich heute noch über Risse im Straßenbelag hüpfe.
Richtig gegruselt hat es mich aber vor der Abendmutter - die hauste irgendwo im Wald hinter dem Haus der Oma eines Freundes und erschien abends nach sechs, um die Kinder zu verschleppen, die dann noch nicht brav zuhause waren.
Ich hab ja irgendwann herausgefunden, das das Waldstück gerade mal 500 Meter breit war und wenig Platz für darin hausende Schreckgestalten bot - aber weiß man es?

Frau Vivaldi hat gesagt…

So schlimm war's bei uns nicht, aber noch heute pule ich das Weiße an den Mandarinen bis aufs Letzte ab, weil meine Oma behauptete, davon bekäme man eine Darmverschlingung. Und verschüttetes Salz bringt Unglück. Grimassenschneiden ist übel, denn wenn man erschreckt wird, bleibt das Gesicht so.. das Übliche eben.
Leider keine Familienlegenden..
aber im Türenabschließen, Wasserabdrehen und so weiter bin ich genauso pingelig. Und auch wenn ich nun wirklich nicht DIE Super-Hausfrau bin - wenn die Handtücher im Bad nicht farblich sortiert sind und die Kissen auf dem Sofa nicht so arrangiert wie ich das möchte, werd ich zu Mrs. Monk, wie mein Schatz dann gern zu mir sagt... woher DAS kommt, müsste man mal tiefenpsychologisch ausgraben - oder lieber doch nicht..?

Klapsenschaffner hat gesagt…

Ich mach den Kram heute noch. Mein Hirn hat erstaunlich viele Kapazitäten für folgendes freigeräumt:
Es erfindet Aberglauben und merkt sich solch urbane Legenden um meinen Alltag zu beeinflussen.
Ich bin Sklave eines Hirnes, dass seinen Spaß mit mir hat.
...bitte ein wenig Mitleid.

Aber das Posting hat mir den Tag gerettet ;)

Martin Rath hat gesagt…

Hüstel, räusper,

im Wahrig steht "Asphalt" (8. Aufl., 2006), im Duden (24. Aufl.) ebenfalls. Selbst im schlimmen Reform-Duden von 2001 steht keine "f-"-Variante, also alternativlos "Asphalt". "Asfalt" könnte höchstens mal 2000 in der schnell vergessenen ersten Reform-Duden-Variante aufgetaucht sein. Merkwürdig, wenn sich ein Orthografieprogramm daran noch orientieren sollte.

Sieht für mich eher nach dänischer Schreibweise aus ("filosofi").

Ich neige sonst frühmorgens nicht zu solchen Kommentaren, aber vielleicht trägt's ja zur Beruhigung bei ;-)

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Ich konnte als kleiner Dötz Eisenbahnschienen nicht ausstehen; es war immer ein Problem, mich zu Fuß über einen Bahnübergang zu schaffen. Den Blick auf die Stahl-Stränge fixierend konnte ich die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Schranken unverhofft absenken oder ein Zug unangekündigt vorbeidonnern würde nicht in den Kinderkopf "hochladen".