Samstag, 7. November 2009

Privates

Als ich acht Jahre alt wurde, hatte ich das erste Mal mehr als hundert Bücher. Meine Güte, war ich stolz auf das Regal, das mein Vater mir anbrachte. Weiße Wandhalter (oder eigentlich besser Bretthalter, denn die Wand steht ja von allein) und mit dunkelblauem Kunststöff überzogene Regalböden unbekannter Zusammensetzung.
Drei Böden insgesamt. Und alles voll mit Büchern, mit MEINEN Büchern.
Eigentum und Privatsphäre waren in den sechzigern für Kinder in großen Familien nicht so modern. Es herrschte eine Art Kommunismus- keiner hatte wirklich was, und was er hatte, musste er teilen, sonst gab’s Mecker vom obersten Sowjet von Muttern. Was man von dieser Erziehung hat, sind vier futterneidische Kinder, die sämtlich all die Dinge, die die ihren sind, eifersüchtig hüten, denn irgendwer droht immer, ihnen das schwer erkämpfte Gut wieder streitig zu machen. Mein eigenes Regal bedeutete somit doppelt und dreifach, dass alles, was darauf stand, MEINS war. Es hing erst überm Nachttisch, und später dann über einem Schreibschrank, so einer von denen mit einer Klappe, die man herunterklappen kann und auf der man dann seine Hausaufgaben nicht machen kann.
Diese Klappe war höchst ungeeignet für Hausaufgaben, weil viel zu klein, um zum Beispiel Bücher drauf zu lagern, wenn man was erledigen wollte. Aber: Sie war abschließbar. Deshalb war sie mir sehr lieb und teuer, denn das war das einzige Verschließbare, das ich hatte. In bestimmten Lebensaltern ist so etwas wirklich wichtig.

Bei den sonstigen Dingen in dem Zimmer, in dem ich schlief, handelte es sich um

a) zwei Schlafzimmerschränke, einer von Oma, einer von irgendwelchen anderen Leuten

b) einer Chaiselongue höchst suspekter Abkunft, auf der der Familie überschüssiges Bettzeug unter einer olivbraun-grün gescheckten Tagesdecke lagerte (ich hab heut noch diesen staubigen Geruch in der Nase...)

c) einer Frisierkommode, womit nicht so ein frivoles Möbel aus den Fünfzigern mit Spindelbeinen und geschwungenen, femininen Formen gemeint ist- nein. Eiche „ruhrschwarz“, weiße Marmorplatte, ein ordentlich rechteckiger Spiegel (mit geschliffenen Kanten, immerhin) darüber, und das ganze ungefähr so groß wie anderthalb Waschmaschinen. Oben drauf: Eine altmodische Waschtischgarnitur, also Kanne und Schale aus Porzellan. Ein braves Möbelstück aus den Dreißigern, dem Design nach zu schließen. Klobig, klotzig, aber „Stauraum“.

d)Ein Bett. Aaaaber nicht etwa nur ein Bett, nein. Eine Doppelbettscheußlichkeit von Oma. Mit Sprungrahmen (ihr jungen Leute wisst nicht mal, was das ist, wette ich :-)), Roßhaar-Matratzenschonern auf denselben, unterhalb der dreiteiligen Matratzen, und auf der einen Seite Lily, auf der anderen Seite – Oma.

Jawoll. Als ich so ungefähr 7 war, quartierten meine Eltern mich aus dem bis dato mit vier Kindern schon dezent überfüllten Mini-Kinderzimmer aus und bei Oma, die auf derselben Etage eine Wohnküche, ein Bad und ein Schlafzimmer hatte, ein. Es war wirklich, wirklich eng in dem Kinderzimmer, das neben den knapp 12 m² Grundfläche auch noch schräge Decken hatte. Aber bei Oma einzuziehen?
Das bedeutete, niemals wieder eine Freundin (oder, Gott bewahre, einen Freund) einladen zu können, denn wo sollte man mit denen hin? Ins elterliche Wohnzimmer? Im Kinderzimmer hockte der Haufen Geschwister, und ansonsten waren auch überall Leute. Also hab ich mir früh angewöhnt, meine gesellschaftlichen Bedürfnisse außerhalb meiner vier Wände zu befriedigen.

Das bedeutete auch, dass man nicht mal einen Kleiderschrank hatte, den man nicht mit Omas Wäsche teilen musste (und mit ungefähr 7 Jahrgängen der Zeitschrift „Eltern“, soweit ich mich erinnern kann, lagerte man diese ebenfalls in diesem Schrank). Da war so eine miese Klappe vor dem Schreibtisch echt was wert- jedenfalls so lange, bis ich eines Tages nach Hause kam, und meine Mutter samt Putzeimer damit beschäftigt fand, meinen Schreibtisch aufzuräumen.
Dafür hasse ich sie noch heute. Ganz offen.

Auf Befragen meiner Mutter über das Ausmaß an Überlegung, welches dieser Einquartierung zugrunde lag, konnte sie keine befriedigenden Angaben machen (im Verlauf dieser Befragung kam es zu keinen körperlichen Schäden bei beteiligten Müttern, aber nur so gerade eben). Sie findet heute, dass das wirklich keine sehr gute Idee war. Sagt sie zumindest, aber ich bin auch 20 Zentimeter größer als sie, und habe eine größere Reichweite.
Seltsam, nicht wahr, dass einen nach beinahe 40 Jahren so eine Sache immer noch so furchtbar wütend machen kann. Das ist irrational und sinnlos, aber es spiegelt in ganz hervorragender Weise wider, warum ich heute noch genau so irrational darauf bedacht bin, meine Privatsphäre zu wahren, und auf kaum etwas allergischer reagiere als darauf, dass jemand in meinen Sachen kramt. Das macht mich derart schnell derart zornig, dass ich mich nur mit Mühe davon abhalten kann, körperliche Gewalt auszuüben. Außerdem erklärt es, warum ich hier allein auf 94 m² wohne, und mich keinesfalls verloren fühle. Ein Zimmer mehr würde mich nicht stören. Dabei ist die Wohnung nicht mal besonders voll.

Okay, die Giraffe im Schlafzimmer muss langsam mal raus. Aber ich will sie vorher fertig machen. Wenn die Nichte sie nicht will, dann nehm ich sie selbst. Irgendwie hat sie was :-)


So, und mit diesen Worten begebe ich mich wieder ins Bett, nachdem dieser frühmorgendliche Schreibanfall auf den ihm zustehenden Platz gewandert ist.



Und wer weiß? Vielleicht gibt’s morgen mal wieder ein Lilyskop? Es wird  Zeit.

Bis dahin macht et joot,


Kommentare:

Mary Malloy hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Mary Malloy hat gesagt…

Danke für diesen doch sehr privaten Einbick in eine Kindheit lange vor meiner Zeit. Ich weiß, das ist uncharmannt, aber ich hab während des Lesens ganz oft am meine Frau Mama denken müssen, die ist dann etwa in deinem Alter und teilte sich ihr Jugendzimmer mit der Großtante, was wohl ähnliche Ausmaße annahm.

Lily hat gesagt…

So und gezz würd isch gäääärn wissen, wie alt du denn bist- besser unter dreißig :-)

Bea, Kiel hat gesagt…

Kenn ich, kenn ich, kenn ich!

Georg hat gesagt…

@ Mary: Heeeeiiiisssseeee Socken, dünnes Eis...

Hihi

Mary Malloy hat gesagt…

*lach* Mitte Zwanzig, Mama Malloy ist Jahrgang '66. :)

Lily hat gesagt…

Okay, Baby- ich könnte deine Oma sein^^ :-) Nicht ganz, bin Jahrgang 63. Dein Schreibstil hat mich vermuten lassen, dass du älter bist. Also, auf eine gute, gar nicht staubige und seltsame Art älter, versteht sich :-)
L

Mary Malloy hat gesagt…

Oma? So ein quatsch! :D Aber ich nehms mal als Kompliment für mich und freu mich früber, dabei bin ich noch nichtmal genau "Mitte" zwanzig, sondern erst fast! *lach*