Fortsetzung folgt.
Sonntag, 13. September 2009
Marleen: Sonntag, 04:30 Uhr
Fortsetzung folgt.
Donnerstag, 3. September 2009
Marleen
was bisher geschah
*
Emma schlief; erschöpft und verwirrt, der Streit zwischen ihren Eltern und den Hoffmanns setzten sich in ihrem Traum fort, und immerzu hielt sie Ausschau nach Johanna.
*
Im Untersuchungsgefängnis hatte Johanna den Lichtschalter gesucht und die Notfallklingel gefunden.
Die Beamtin warf nur einen Blick auf ihre Gesichtsfarbe und rief sofort einen Kollegen. Gemeinsam brachten die beiden Johanna in die Krankenstube.
Nach einer kurzen Untersuchung wurde die Platzwunde auf ihrem Kopf genäht, sie bekam eine Kopfschmerztablette und ein paar Ratschläge. Nur Minuten später lag sie wieder auf ihrer Pritsche und schloss die Augen.
*
Marleen lief.
Wie ihr schien, lief sie immer schon, seit Beginn aller Zeit.
Über stoppelige Wiesen und sandige Wege führten sie ihre Füße, und sie war dankbar dafür, dass die Sonne aufging und sie wieder sehen konnte, wohin sie trat.
Ihre Schuhe, flache Tennisschuhe ohne Absatz (und auch ohneProfil, wie es schien), waren schmutzverkrustet und hatten inzwischen Löcher in den Sohlen, aber sie machte sich nicht mehr die Mühe, sie auszuziehen und die Steinchen herauszuschütteln. Statt dessen lief sie einfach immer weiter. Ein paar Mal war sie gestürzt, einmal in einen mit Wasser gefüllten Graben, öfter hatte sie sich an Dornen zerstochen und die Haut an Händen und Knien war längst abgeschürft.
Ihre Füße hatten, zusammen mit der Angst, längst die Regie übernommen und schleiften das, was von Marleen übrig war, nur noch mit.
Ihr war klar, dass sie irgendwann schlafen musste, sie konnte sich jedoch nicht entscheiden, wann.
Tagsüber zu schlafen würde bedeuten, dass sie zwar schutzlos im Hellen irgendwo liegen würde, aber dafür nachts im Dunkeln sicherer war, sicherer vor dem, was ihr auf dem Fuß folgte. Nachts hingegen würde sie vermutlich besser schlafen, und bei Tageslicht eher ihren Weg finden- wenn sie erst einmal wüsste, wo sie hingehen sollte.
Sie war geweckt worden von lautem Geschrei und Gebrüll. Das Haus schien zu klein zu sein für solchen Lärm, und neben ihr hatte Johanna gelegen, bleich und in tiefem Schlaf, wie es aussah. Es war bereits dunkel gewesen, und durch das Fenster mit dem blasigen Glas schien ein verzerrter Mond.
Der Lärm war von unten gekommen, aus dem muffig riechenden Wohnzimmer, vielleicht auch aus der kleinen Küche mit den klebrigen, verschmierten Schränken darin.
Sie war vorsichtig zur Tür gegangen, und hatte sie einen Spalt geöffnet- der Streit hatte ihr Angst gemacht.
Auch so hatte sie kein Wort verstanden. Mindestens drei Leute stritten sich da, und sie überlegte gerade, ob sie die Treppe hinunter schleichen und lauschen sollte, als das Gebrüll in einem Klatschen und einem Schrei, lautem Stöhnen und einem Poltern unterging.
Hastig und auf Zehenspitzen war sie in das Bett zurück gekehrt und hatte die Augen geschlossen. Und gebetet hatte sie, wie schon seit Jahren nicht mehr.
Eine kleine, endlose Weile später hatte sie die dritte Stufe der Holztreppe knarren hören, sonst war alles still geblieben. Dann hatte jemand die Klinke heruntergedrückt und die Zimmertür eine Handbreit weit geöffnet.
Johannas schwere Atemzüge und ihr eigener Herzschlag waren das einzige, was zu hören war. Dann hustete Johanna, und sie war dankbar dafür..
Die Tür schloss sich wieder, sehr langsam.
Das nächste, was zu hören war, waren zwei Autotüren, die zugeknallt wurden und ein sich rasch entfernendes Motorgeräusch.
Erst eine Ewigkeit später hatte sie genug Mut gefasst, um die wacklige Treppe hinunterzusteigen. Automatisch mied sie die dritte Stufe.
Die Tür zum Wohnzimmer war nur angelehnt.
Drinnen lag ein Mann, dessen Kleidung aussah wie Manuels, dessen Gesicht aber niemals mehr an einen Menschen erinnern würde.
Langsam, wie eine Katze, die in eine Wasserlache getreten ist, ging sie rückwärts auf die Tür zu, schnappte sich ihre Jacke vom Haken im Flur und rannte aus dem Haus.
Weg, nur weg hier, weg von dem gruseligen... Ding auf dem wüst gemusterten Teppich, weg von der schlafenden, teilnahmslosen Johanna, weg von Männerstimmen und Streit und stumpfbraunen Tapeten.
Würgend, nach Atem ringend und mit revoltierendem Magen hielt sie irgendwann an, unter freiem Himmel.
Sie wusste nicht mehr, wo sie war.
Fortsetzung folgt.
Dienstag, 25. August 2009
Johanna
was bisher geschah
Johanna setzte sich auf.
Autsch. Alles tat ihr weh…
Verdammte Scheiße.
Schweinemäßig hart, dieses Bett.
So hart, dass sie sofort genau wusste, wo sie war.
Im Gefängnis.
Sie war verhaftet. Und Manuel war tot.
Das hatte trotz der Nacht auf dem harten Bett etwas Irreales, etwas von Film, etwas von falschem Film.
Noch falscher fühlte sich aber die Verbindung zwischen den Sätzen an: Sie war verhaftet, allen Ernstes verhaftet, sie saß im Knast, weil Manuel tot war.
Das machte ihr Gehirn lahm, und ließ sie sich wieder in die Nacht zurück wünschen.
Lieber das harte Bett… als dieses kleine Wort weil.
Sie hatte Mühe, mit ihrem lahmen Hirn beim Thema zu bleiben, und kniff sich in den Arm. Das hier war wichtig, so wichtig wie noch nie etwas in ihrem ganzen Leben.
Denk nach, Johanna. Denk nach, streng dich an, mach schon.
Aber in ihrem Kopf war nur Brei. Watte und Brei. Nichts ließ sich fassen.
Wo Marleen jetzt wohl war? Vermutlich auch in einer Zelle, und vermutlich schlief sie noch.
Marleen konnte immer und überall schlafen, nicht nur in Zellen.
Auch auf Bahnhofsbänken, an Bushaltestellen, in Straßengräben hatte sie schon geschlafen, in der Schule auf dem Klo und auf wilden Partys in irgendeiner Ecke, egal, wie laut es war.
Marleen… chaotisch, versessen auf Neues, ganz wild darauf, was zu erleben, und dann wieder wie ein kleines Mädchen, das sich am liebsten verkroch.
Schon ganz schön schräg drauf. Ach, Marleen.
Johanna kratzte sich am Hinterkopf, und zuckte zusammen.
Irgendwas tat da weh, und zwar gewaltig.
Eine Beule?
Sie betrachtete ihre Hand- die Fingernägel waren voller Blut. Dunkles Rot und helles hatten sich vermischt, und auch die komische Schlummerrolle auf dem Bett hatte ein paar Schmierflecken.
Wo kam das denn her?
Sie stand auf und ging zu dem Metallspiegel über dem Waschbecken in der Ecke.
Sinnlos. Das zerkratzte Ding zeigte nur einen Umriss, eine Art Nachtgespenst. Bei ihren dunklen Haaren sah man nichts von Blut und noch weniger von einer Wunde.
Sie tastete ein bisschen auf dem Kopf herum.
Fühlte sich fast an wie vor sechs Jahren, als sie das Loch im Kopf hatte. Von damals wusste sie auch noch, dass man so was schnell nähen lassen musste, oder es gab eine richtig fiese Narbe, weil alles so dick angeschwollen war.
Naja, zwischen den Haaren sah man das eh nicht.
Richtige Kopfschmerzen hatte sie auch keine, eher so ein Katergefühl. Ihr Nacken schmerzte, und richtig denken ging schon gar nicht. Eben wie nach einer durchgesoffenen Nacht.
Was tat man in so einem Fall, wenn man im Gefängnis war und ein Loch im Kopf hatte? Klingeln, wie im Krankenhaus?
Johanna sah sich um, konnte aber keine Klingel entdecken, und ein Notfall war das ja auch nicht gerade. Nach irgendeinem Menschen rufen? Nach wem? Waren das Wärter, oder wie nannten die sich? Wächter? Aufseher?
Sie hatte mal das Wort Schließer gehört.
Ein Öffner wäre ihr jetzt lieber, dachte sie, und unterdrückte ein hysterisches Lachen.
Wie es hier wohl weitergehen würde? Gestern Abend hatte die Polizei sie mitgenommen, daran erinnerte sie sich noch, und da war auch ein Richter gewesen. Sie wusste nicht genau, was man ihr vorwarf, obwohl viele Leute viel geredet hatten, und sie auch etwas unterschrieben hatte.
Aber sie war so müde gewesen, so entsetzlich müde, und hatte kaum mitgekriegt, was um sie herum vorging.
Brauchte sie jetzt einen Anwalt? Und wer würde den besorgen? Was kostete das? Es gab Pflichtverteidiger, hatte sie mal irgendwo gelesen. Wer bezahlte die?
Ihre Mutter hatte kein Geld, und ihren Vater konnte man auch nicht fragen.
Der saß immer nur da über seiner Musik und die richtige Welt interessierte ihn wenig.
Aber man würde sie hier bestimmt nicht verrotten lassen, nur weil sie kein Geld hatte.
Schließlich war das hier Deutschland. Ja, das war Deutschland, und das zu-Hause-Gefühl war etwas Neues für sie.
Was für ein Glück, dass sie nicht nach Mallorca geflogen waren- da würde sie nicht mal die Sprache verstehen.
Was für ein Glück. Sie beschloss, vor allem Marleen dankbar zu sein, die sich durchgesetzt hatte mit ihrem Wunsch, an die Nordsee zu fahren.
Aber da war noch Manuel. Wäre Manuel auf Mallorca mit dabei gewesen? Wäre er jetzt auch tot, wenn sie nach Spanien gefahren wären? Sie wusste es nicht. Den Deal mit den Jungs hatte Marleen eingefädelt. Und sie, Johanna, hatte immer noch nicht ganz kapiert, wo Marleen die beiden eigentlich aufgetrieben hatte.
Marleen… das dumme Huhn. Wie hatte sie es geschafft, sie beide in die Scheiße zu reiten?
Ach, Marleen, dachte sie, Marleen, wo bist du? Und warum lässt du mich hier alleine?
Fortsetzung folgt.
Montag, 24. August 2009
Sonntag, 14 Uhr 50
Tatsachen, wie die, dass Johanna gar nicht nach Mallorca gefahren war sondern in ein Haus an der Nordsee, und auch nicht mit Marleen allein, sondern mit zwei Männern, die Emma und auch ihre Mutter nicht kannten.
Tatsachen wie die, dass jemand zu Tode gekommen war- Emma wusste nachher nicht genau zu sagen, welcher von den beiden Männern, aber einer war tot.
Tot.
Wie die Fliege, und die Ameise- einfach tot.
Tatsachen wie die, dass Johanna und Marleen nicht nach Hause kommen würden, jedenfalls nicht so bald, weil sie verhaftet waren, wegen der Vermutung, dass sie etwas zu tun hätten mit dem Tod dieses Menschen.
Während die Mutter berichtete, immer wieder unterbrochen von Weinen und Schimpfen, immer wieder rot werdend oder blass, klingelte das Telefon, lange, und hörte dann wieder auf, weil niemand abhob.
Dann klopfte es an der Tür, und die Mutter ging hin um zu öffnen.
Im Treppenhaus standen die Hoffmanns aus dem dritten Stock, die Hände von Marleens Mutter ineinander verkrampft, die des Vaters zu Fäusten geballt, mit weißen Knöcheln.
Die Mutter ließ sie schnell in die Wohnung, als stelle die offene Tür eine Bedrohung dar, und Emma wusste sofort, dass die drei schon miteinander gesprochen hatten an diesem Morgen, bevor die Mutter ins Bad geplatzt war und sie geschlagen hatte.
Die Erwachsenen gingen ins Wohnzimmer, und Emma sah von der Tür aus, wie Hoffmanns sich nebeneinander auf dem großen Sofa niederließen, und ihre Mutter ganz allein ihnen gegenüber auf dem Sessel Platz nahm.
Niemand sagte etwas, und Emma wünschte sich plötzlich ihren Vater dazu, oder Johannas Vater- irgendjemanden, der das Gleichgewicht wieder herstellen würde.
Dann sagte Herr Hoffmann „Sollte Emma...?“ und die Mutter sah sich nach ihr um. Emma schaute sie nur starr an, und setzte sich langsam zu ihr auf die Sessellehne. Die Mutter nahm ihre Hand, und Emma war froh, nicht gegangen zu sein.
Herr Hoffmann fing an zu reden, von einem Anwalt aus der Verwandtschaft, der Marleen ja so gut kenne, vom Staatsanwalt und von der Polizei, und die Mutter nickte immer nur und drückte Emmas Hand, so dass die ganz taub wurde, aber Emma blieb sitzen und rührte sich nicht, als könnte ihre Anwesenheit das Gewicht der Mutter vergrößern und ihre Schultern verbreitern.
Denn, so fand Emma, irgend etwas stimmte nicht an dem, was Herr Hoffmann erzählte, und wie er es erzählte.
Irgendetwas gefiel ihr ganz entschieden nicht.
Anwälte, ja, das verstand sie noch. Polizei, das verstand sie auch.
Aber er dröhnte weiter, und es fielen Worte wie Psychiater und Schuldfähigkeit, schlechter Einfluss und sensibel und Altersunterschied und Jugendstrafrecht.
Die Hand ihrer Mutter war heiß und feucht, und ihre Ringe drückten, die Hoffmann-Vater-Stimme, tonlos und laut, machte lange Sätze und verwirrte Emma, bis sie es nicht mehr ertrug.
„Was heißt das denn- Schuldfähigkeit? Haben die beiden denn wirklich was gemacht? Ich meine, haben sie den Mann da überhaupt umgebracht? Das ist doch noch gar nicht klar, oder?“
Herr Hoffmann, der schon bei der Kaution war, und bei Dingen, die Emma nur aus den Abendkrimis im Fernsehen kannte, unterbrach sich mitten im Satz und schaute sie an wie eine Ameise oder eine Fliege.
„Mein liebes Kind, ich glaube nicht, dass deine Meinung hier gefragt ist!“
Frau Hoffmann nickte, wie immer, wenn ihr Mann etwas sagte.
Emmas Mutter streckte sich ein wenig, wie morgens, wenn sie aufwachte. Dann räusperte sie sich.
„Ich finde... ich finde, Emma hat recht. Es ist doch wirklich noch nicht klar, wer da was getan hat, oder? Vielleicht sollten wir erstmal mit den Anwälten und mit den Mädchen sprechen, und mit der Polizei“ warf die Mutter ein.
Zu schüchtern, fand Emma. Nicht cool genug, bei weitem nicht cool genug. Sie überlegte.
„Mama? Ich finde, du solltest erstmal Papa anrufen, oder Johannas Vater“ sagte sie dann leise.
Die Mutter zögerte und nickte, ihre Hand wurde einen Moment schlaff, und drückte dann zu, so fest, dass Emma beinahe aufgeschrien hätte.
Hoffmanns schauten sich an, unbehaglich, wie Emma fand- sie wusste von Marleen, dass sie ihre Mutter für etwas hielten, was sie Flittchen nannten, nur, weil Johanna und sie unterschiedliche Väter hatten.
Aber vor Emmas Vater hatten sie sich immer ein bisschen gefürchtet, der nahm es nämlich nicht so genau mit Mittagsruhe und so einem Kram, da hatte es oft Streit im Haus gegeben.
Hoffmanns hatten auch etwas dagegen, dass Marleen und Johanna soviel Zeit miteinander verbrachten, aber die Beiden hatten sich durchgesetzt- und im Notfall einfach gelogen, so wie jetzt.
So wie jetzt.
Emma fiel wieder ein, dass die Beiden eigentlich auf Mallorca sein sollten. Wobei Johanna nach Mallorca gewollt hatte, und Marleen nicht...darüber hatten sich die zwei beinahe zerstritten.
Johanna war zu oft an der Nordsee gewesen, um das noch spannend zu finden, und hatte überhaupt nicht kapiert, was Marleen, ausgerechnet Marleen, an der Nordsee so toll fand.
Emma nahm sich fest vor, das nicht zu vergessen, wenn sie jemand danach fragen würde.
Sie zog ihre Hand aus der Umklammerung der Finger ihrer Mutter, ging in die Küche, wählte die Nummer ihres Vaters und ging wieder ins Wohnzimmer. Besser, man ließ die drei da nicht alleine.
„Papa? Hier ist Emma. Ich geb dir mal die Mama...“
Stumm hielt sie ihr das Telefon hin, die Mutter stand auf und ging hinaus.
Emma hörte sie leise reden.
Draußen knallte die Sonne, und es war immer noch unerträglich heiß. Frau Hoffmanns zerknittertes T-Shirt hatte mitten auf der Brust einen Fettfleck.
Schließlich kam ihre Mutter zurück, legte das Telefon sehr langsam auf den Tisch und setzte sich wieder. Sie zog den Rock glatt, fummelte an ihren Haaren herum und rutschte im Sessel hin und her.
„Jemand was zu trinken? Wasser, Kaffee, Tee?“ fragte sie dann in den Raum, ohne Hoffmanns anzusehen, die beide den Kopf schüttelten, fast ein bisschen empört.
„Machst du mir denn bitte einen Kaffee, Emma?“ ihre Mutter schaute sie an, als wollte sie ihr stumm etwas Wichtiges mitteilen. Emma hatte zwar keine Idee, was das sein konnte, stand aber gehorsam auf und ging in die Küche.
Ein Zettel lehnte an der Kaffeemaschine, auf den ihre Mutter etwas gekritzelt hatte. Er war schlecht zu lesen, aber da stand:
Wenn Papa kommt, mach ihm auf, bis dahin lass mich da nicht alleine!!
Emma stellte die Tasse vom Frühstück unter die Maschine, schob eine Portion von dem Kaffeezeugs in das Gerät, drückte auf den Knopf und hoffte, dass dabei wirklich ein Kaffee heraus käme- bisher hatte sie die Maschine noch nie bedienen dürfen.
Ein bisschen musste sie grinsen bei dem Gedanken, dass ihre Mutter wahrscheinlich auch Badezusatz oder Duschgel trinken würde, solange das bedeutete, nicht alleine mit diesem Blödmann und seiner doofen Frau reden zu müssen.
Sie schaute auf die Uhr. Eine Viertelstunde würde ihr Vater brauchen. Fünf Minuten waren erst um.
Als sie ins Wohnzimmer zurück kehrte, stand ihre Mutter am Fenster und ließ die Rollläden ein Stück herunter, damit die Sonne nicht den Raum noch weiter aufheizte. Emma war ihr dankbar, denn das erleichterte so einiges.
Dann ging sie, vorsichtig die heiße, gefüllte Tasse vor sich her tragend, auf den Wohnzimmertisch zu, stolperte über den Teppich und schleuderte die Tasse im hohen Bogen von sich.
Sie landete mitten auf dem Glastisch, zersplitterte und verspritzte den Kaffee im ganzen Raum. Eine ganze Menge pladderte auf den doofen Hoffmann, der aufsprang und brüllte wie ein verbrühter Stier, und so tat, als hätte sie ihn mit kochendem Öl übergossen.
Die beiden Frauen sprangen auch auf, Frau Hoffmann zog ein zerknülltes Papiertaschentuch aus der Hose und fing an, unter lautem Gejammer an ihrem Mann herum zu tupfen und zu zupfen, während Emmas Mutter in die Küche nach Geschirrtüchern rannte.
Emma sammelte stumm die Scherben in ein Tuch und machte sich klein- der Hoffmann sah aus, als wolle er sie beißen.
Sie schielte auf die Uhr.
Es klingelte.
Fortsetzung folgt.
Freitag, 21. August 2009
Sonntag, 11 Uhr 30
Es war Sonntag, und so heiß, dass ihr Hirn beinahe im Schädel Blasen schlug. Emma saß auf den Stufen der Hintertür. Bei diesen Temperaturen konnte sie es riskieren dort zu sitzen, ohne dass ihre Mutter sie warnte, dass sie sich auf den kalten Treppenstufen eine Blasenentzündung holen würde.
Kalte Treppenstufen wären jetzt toll, fand Emma.
Auch hier, im Schatten des Hofes, war es fast unerträglich, und sie dachte ein bisschen traurig daran, dass sie sonst um diese Jahreszeit irgendwo im Urlaub gewesen war. Zwar immer in langweiligen Gegenden, mit langweiligen Erwachsenen, aber alles war besser als sich zu Hause zu langweilen. Johanna hatte Glück. Ihre große Schwester war mit einer Freundin, mit Marleen aus dem dritten Stock, nach Mallorca geflogen und hatte bestimmt jede Menge Spaß.
Im Rücken spürte sie die Kante der nächsten Stufe, und die kleinen Steine im Beton. Zwischen ihren Sandalen krabbelte eine aufgeregte Ameise herum, und Emma scheuchte sie mit dem Finger mal nach rechts und mal nach links, bevor sie sie tot machte.
Den Finger wischte sie an ihrem Shorts ab.
Langweilig.
Sie überlegte, was sie tun könnte, und kam wieder zu keinem Ergebnis. Mist, so ein Mist, Mist, Mist. Öder Mist. Scheiß Mist. Doofer Mist. Arsch Mist.
Ferien zu haben und sich so zu langweilen, dass sie sich schon fast wieder auf die Schule freute, war absoluter scheiß Obermist.
Ihre Mutter würde wieder nur sagen, dass sie schwimmen gehen solle, oder in die Bücherei, oder in den Club. Oder bei Verena anrufen solle, die wäre ja vielleicht schon wieder aus Madeira zurück.
Die blöde Kuh. Die würde ja bloß angeben, weil sie so braun geworden wäre, und mit den ganzen neuen Klamotten, die ihre Eltern ihr für den Urlaub gekauft hatten.
Ihr Hintern wurde taub vom Sitzen, und sie stand auf und ging ins Haus.
Drinnen war es kühler, aber es stank, nach den Katzen der Alten im ersten Stock, und nach Babypisse. In der zweiten Etage stand wie immer ein Müllsack mit Windeln auf dem Treppenabsatz. Ihre Mutter würde eine Attacke kriegen.
Obwohl- vielleicht auch nicht. Sie war gerade echt mies drauf, ihre Mutter. Johanna hatte sich schon drei Tage nicht gemeldet, und das konnte Mama überhaupt nicht leiden.
Emma seufzte theatralisch, und ging die letzten Stufen zu ihrer Wohnung hinauf.
Die Tür stand einen Spalt breit offen, die Matte klemmte zwischen Tür und Rahmen.
Oh. Gut. Dann brauchte sie nicht zu klingeln.
Drinnen dudelte ein Radio. Ansonsten war es still.
In der Küche stand noch das Frühstücksgeschirr auf dem Tisch, und mittendrin eine Untertasse mit zwei ausgedrückten Zigarettenkippen. Eklig.
Emma nahm sich eine Scheibe Schinken, und rollte sie zusammen, bevor sie sie in den Mund schob. Hmm. Schinken.
In ihrem Orangensaft von morgens schwamm eine dicke Fliege. Emma schaute interessiert zu, wie sie im Saft strampelte und immer wieder erschöpft innehielt, dann nahm sie das Glas und leerte es in den Ausguß. Sie drehte das heiße Wasser auf und spülte gründlich nach, stellte das Glas wieder ab und ging in ihr Zimmer.
Dort zog sie die Shorts und das Top aus, und baute sich vor dem großen Spiegel in der Schranktür auf.
Vielleicht würde sie bald einen BH brauchen, überlegte sie, und wand sich ein bisschen hin und her. Wie das wohl sein würde? Sie stemmte die Hände in die Hüften und winkelte ein Knie an. Irgendwie doof, so ohne Busen... Sie schaute sich um.
Aus der Schublade der Kommode kramte sie ein Bikini-Oberteil, ein altes von Johanna, und zog es an. Jetzt nur noch- ja, da lagen zwei Paar Sneakersocken. Genau das Richtige.
Sie stopfte die Socken in das Oberteil, und drehte sich vor dem Spiegel.
Nicht übel, aber man sah die Socken.
Sie zog das Top wieder an -schon besser!-, und ging ins Bad.
Dort stand das Makeup ihrer Mutter.
Sie hatte oft genug zugesehen, wenn die sich zurecht machte.
Ein paar Minuten später hatte sie, gekonnt, wie sie fand, Lidschatten und Rouge aufgetragen und begann, sich die Wimpern zu tuschen.
Das Wimpernbürstchen landete in ihrem Auge, als sie die Stimme ihrer Mutter hörte.
„Emma? Wo steckst du?“
Autsch, das brannte.
Bevor sie antworten konnte, stand ihre Mutter hinter ihr.
Sie sah sie im Spiegel, mit entsetztem Blick und leichenblass.
Emma drehte sich um.
„Was ist denn...?“
Schneller, als sie ausweichen konnte, holte ihre Mutter aus und schlug zu.
„Zieh das sofort aus, und wasch dir das Gesicht- aber zügig!“
Noch während Emma sich schluchzend das Gesicht abwusch, stand ihre Mutter schon wieder hinter ihr, und unwillkürlich duckte sie sich tiefer über das Waschbecken.
„Ach Kind...“ auch die Mutter weinte, sackte auf dem Klodeckel zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen.
Emma legte ihr zögernd eine Hand auf die Schulter.
„Was ist denn los, Mama?“
Blind tastend griff ihre Mutter nach ihr und zog sie in eine Umarmung, zu eng und zu heiß, sie roch nach kaltem Rauch und zuerst wollte Emma sich wehren, aber dann gab sie nach und ließ zu, dass ihre Mutter ihr das Top voll heulte.
„Mama? Mama, was ist denn?“
„Johanna...“
„Was ist mit Johanna? Hat sie sich gemeldet? Ist sie krank, oder was ist los?“
Statt einer Antwort nur lauteres Weinen.
Im Spiegel sah Emma, dass sich auf ihrer Wange ein roter Handabdruck abmalte, und dass die Wimperntusche verlaufen war und schwarze Spuren hinterlassen hatte.
Sie rüttelte versuchsweise an ihrer Mutter.
„Mama?“