Wieder ein Post aus der Reihe „Lily
gegen das Schicksal“. Diesmal geht es um Fahrzeuge, jeglicher Art.
Wie ihr alle wisst, bin ich im Besitz
der silbernen Fee, auch Mimi-Nö genannt (von dem Geräusch, das sie
macht, wenn sie mal wieder nicht anspringt - „ Mimimimimi - nö!
Mimimimimi - nö!“)
Sie ist ein sensibles kleines Wesen,
nicht mehr die Allerknackigste (immerhin 22), und außerdem geht es ihr beschissen,
steht sie doch während meiner Bürozeit auf einem Parkplatz unter
einem Baum, der von allerlei Fluggetier bewohnt ist. Im Frühling lag
die Vogelsch... beinahe daumendick auf dem Heckfenster. Ich sag ja
nur.
Im Januar schickte ich sie zu einem
Sprachkurs, damit sie sich das „Nö“ am Ende ihrer Startsequenz
abgewöhnt. Damals hatte ich die Befürchtung, dass sie bald in die
ewigen Jagdgründe eingeht. Ihre Sprachtherapeuten versicherten mir
jedoch, dass sie noch längst nicht auf dem letzten Loch pfeift, und
so schritt ich frohgemut dahin, rollte in das Frühjahr und
bewunderte hinfort die Darmtätigkeit der heimischen Fauna.
Kurze Zeit später, die Temperaturen
pendelten sich so langsam im Plusbereich ein, zeigte sie eine neue
Störung. Immer dann, wenn die Drehzahl sich dem Leerlauf näherte,
ging sie mir aus.
Zu Anfang war es nicht „immer“,
sondern eher am Ende meiner morgendlichen Tour. Das hatten wir dann
so gut getimt, dass ich auf die Ampel vor dem Büro zufahren konnte,
sie ging aus und ich hab sie mit abgestelltem Motor bis auf den
Stellplatz rollen lassen können.
Je wärmer es wurde, desto ärgerlicher
gestaltete sich die Fahrt in der Guten. Niedrige Drehzahlen? Nicht
mit ihr. Was dazu führte, dass ich an jeder Ampel mit dem Gas
spielte oder so tat, als hätte ich eins der neumodischen Autos mit
Start/Stopp-Automatik. Nur mit dem Starten, das hatte sie nicht immer
so schnell raus. Liegengeblieben sind wir nie, aber einmal hat uns
eine Schar Radfahrer angeklingelt, weil wir nicht schnell genug los
fuhren.
Als es so langsam wirklich nervig
wurde, schaltete ich einen Sachverständigen ein. Also eher so eine
Art Schrauber, denn eine Fachwerkstatt hätte sich wahrscheinlich
schlapp gelacht. Zudem hatte ich keinen Bock auf die „Das lohnt
sich nicht“-Diskussion. Der Schrauber sprach die gefürchteten
Worte „Keine Ahnung, woran das liegt. Da muss ich suchen“. In
Werkstattsprache heißt das: Kratz schon mal die Kohle zusammen, das
kostet mehr als Ersatzteile und Einbau. Viel mehr. Suchen= Stunden =
teuer.
Ich bat mir ein bisschen Sparzeit aus,
und wir vertagten uns für ein paar Wochen bis zum Monatsende.
Dann, es wurde schnell immer ätzender,
entwickelte sich ein ominöses Klappern. Der Keilriemen kreischte.
Der Schrauber fuhr in den Urlaub für vier Wochen.
Als er sich dann endlich zurück
gemeldet hatte, machten wir einen Termin. Der Wagen wurde bei ihm
abgestellt, und er schritt frohgemut zu Werke...
...und das ist jetzt drei Wochen her.
Er behauptet, dass er immer noch auf Ersatzteile wartet, von denen
ich inzwischen befürchte, dass sie von den berühmten einäugigen
tibetanischen Bettelmönchen zu Fuß über die historische
Seifenstraße geliefert werden (nein, ich meine nicht die Seidenstraße.
Die ist ja gut dokumentiert. Die Seifenstraße kennt kein Mensch, und
die Bettelmönche verlaufen sich ständig, daher die Lieferzeiten).
Zudem fehlt dem Schrauber eine Public-Relations-Abteilung, die mir
von Zeit zu Zeit eine sms schickt, um mich auf dem Laufenden zu
halten. Es ist wie im Krankenhaus. Man schleppt ständig Obst und
Blumen und Zeitungen als Opfergaben für die Götter hin, und nie
sind die Damen und Herren in den weißen Kitteln zu sprechen.
Situationsbewertung: Rote Alarmstufe,
was meinen Blutdruck betrifft.
Aber, so sagt ihr, liebe Lily- fahr
doch mit dem Bus! Öffentlich! Nah! Verkehr!
Nix da. Das unerforschliche Schicksal
hat dieses Jahr dazu ausersehen, die komplett marode Straße, an der
ich wohne, dem Tiefbauamt zu übergeben, und die haben sie gesperrt.
Im oberen Teil, da wo man Schnellkochtöpfe in den Schlaglöchern
aufbewahren kann, ist eine Baustelle, die laut Ankündigung bis Ende
November dort sein wird. Wie man weiß, dauert sowas immer länger
als geplant- und für diese Zeit hat man mal kurz den Busverkehr
eingestellt. Man kommt hier nur noch weg, wenn man vorher eine halbe
Stunde zu Fuß bis zur nächsten noch angefahrenen Haltestelle läuft.
Von da aus braucht der Bus 20 Minuten bis zum Busbahnhof, und dann
müsste ich noch mal 15 Minuten laufen bis zum Büro.
Aber der liebe Gott hat Kollegen
wachsen lassen, die ein Stück weiter die Straße hoch wohnen und ein
paar Häuser weg von meinem Büro ihren Arbeitsplatz haben. Die
gesegnete, geduldige, liebenswerte Brigitte aus dem Rathaus fährt
hier jeden Morgen vorbei. Und wenn ich um halb sieben vor dem Haus
stehe, hält sie an, lädt mich ein und lässt mich an meinem Amt
wieder raus.
Natürlich fährt sie nicht nach
Kirchhellen hinaus, wo ich in der letzten Woche den Sprachkurs hatte-
das hab ich mit einer Mischung aus Taxi und Bus gelöst. Und es war
teuer, aber machbar. Zudem war in der Woche mein lieber Bruder hier,
der mich einige Tage lang nachmittags eingefangen und
heimgebracht hat, so dass ich nur einen Teil der Strecke bei den
tropischen Temperaturen Bus fahren musste.
In dieser Woche jedoch, nach der
Rückkehr an den Arbeitsplatz, sollte alles wieder takko sein. Oder?
Nein, ist es nicht... meine Brigitte ist krank. Definitiv keine gute
Idee wäre es, jeden Morgen mit dem Taxi zu fahren. Die
Eine-Stunde-Unterwegs-Option mit dem Bus geht mir auch auf den Nerv.
Daher musste ein andere Lösung her.
Die hat zwei Räder und heißt Fahrrad,
und ist bei den gesunkenen Temperaturen auch für mich machbar. Ich
hatte, vielleicht verständlicherweise, Hemmungen, als komplett
untrainierte Person bei über 40 ° in der Sonne loszustrampeln.
Hauptproblem ist der Diabetes, der übel und unvorhersehbar auf
ungewohnte Bewegung reagiert.
Leider ist das Fahrrad platt. Erst war
nur etwas zu wenig Luft drauf, dann hab ich versucht, es aufzupumpen.
Jetzt ist es komplett platt. Und hat ein Autoreifen-Ventil. Ich
dagegen habe eine Pumpe, die so ein Ventil aufpumpen könnte, wenn
sie nicht so billig wäre. Überall pfeift die Luft durch, nur das
Ventil kriegt nix davon ab.
Also hab ich mich gestern auf den
Weg gemacht zum nächsten Fahrradladen, der nur eine halbe Stunde zu
Fuß entfernt liegt. Dort wollte ich eine Standpumpe kaufen, die mit
einem Adapter für Autoventile versehen ist- ham se abba nich! Also
nicht für unter hundert Euro (= Taxikosten für eine Woche).
Kriegense abba nächste Woche wieder rein! Alles takko...
Ich hab dann eine normale Pumpe
gekauft, mit dem Adapter für die Ventile. Die ist so winzig, die
passt in euer Handtäschchen, jawoll. 13 Zentimeter lang ist sie –
und sieht sehr stylisch aus. Sie pumpt auch ganz ordentlich... nein,
sie würde pumpen, wenn ich genug Kraft in den Armen hätte. Das ist
nicht der Fall. Ich hab eine halbe Stunde gepumpt, bis mir bald der
Arm abfiel, und hab gerade genug Luft reingekriegt, dass die Felge
nicht mehr den Boden berührt.
Ich schwöre: Hätte jemand mich schräg
angequatscht, als ich da pumpte, hätte ich ihn erschlagen, kalten
Herzens.
Was hab ich dann gemacht? Ich hab mein
anderes Fahrrad genommen, das 15 Jahre alte Drahteselchen, mit der
5-Gang-Nabenschaltung, und hab das 32-Gang-Leichtmetallmonster da
stehen lassen, wo es hin fiel. Auch das alte Möhrchen war platt, hat
aber Sclaverandventile, die selbst ich überwinden kann. So konnte
ich wenigstens einkaufen fahren, was mich sonst eine weitere Stunde
zu Fuß gekostet hätte, plus Schleppen. Katzenfutter ist ganz schön
schwer.
Und obwohl das Möhrchen so alt ist,
hat es mich gestern wieder erfreut. Auch, weil es so bequem ist. Das
andere Rad ist empfindlich, hat einen relativ hohen Schwerpunkt und
neigt durch die schmalen Reifen dazu, in Rillen zu landen. Das
irritiert, weil man nie ganz sicher ist, ob man die Kurve dann
trotzdem kriegt. Dieses Rad ist auch nicht ganz neu, aber technisch
besser ausgestattet als das alte - ich hab es für kleine Mark
gebraucht gekauft, nachdem man mir kurz hintereinander zwei wirklich
gute Räder geklaut hatte. Leider war es ein Fehlkauf, weil ich mich
drauf nicht so richtig sicher fühle. Der Besuch im Fahrradladen hat
dann wieder Bedürfnisse geweckt, muss ich sagen. In dem Laden haben
sie wirklich tolle Dinger, High-Tech-Teile, die so außerirdisch
wirken, dass man kaum glauben kann, dass es Fahrräder sind. Aber
auch welche, die sehr handfest und tauglich und bequem aussehen.
Bis ich im Lotto gewinne, hab ich aber
nur eine Investition getätigt... Einen Kompressor hab ich mir
gekauft, zum Anschluss am Zigarettenanzünder. Und falls das Auto
nicht bald wieder da ist, oder irgendwo fern der Garage liegen
bleibt, auch noch einen Adapter für den Netzbetrieb. Und
Anschlussstücke für das Aufblasen von Fahrradreifen, jeglicher
Ventilart.
Und in einer halben Stunde kriegt mein
Autoschrauber die obligatorische Sonntags-Sms.
Drückt mal die Daumen, dass meine
Brigitte am Montag wieder ganz gesund ist.
 |
Fig. 1: Die Lily, ohne die Mimi-Nö. |