Freitag, 24. Februar 2012

Zu Unrecht



aus der Mode geraten - das ist das Schicksal, welches so vielen nützlichen und hervorragenden Dingen zuteil wurde.
Nehmen wir nur mal den guten, alten Phonowagen. An sich stellt er eine Weiterentwicklung des gemeinen Phonomöbels dar, nur mit Rollen. Nicht weiter bemerkenswert, es sei denn, man hat einen ähnlichen Haufen Kabelspaghetti dahinter liegen wie ich- das liegt nur zum Teil am schlechten Feng-Shui, sondern hauptsächlich an dem bunten Mix an Geräten, die damit verbunden werden müssen.
 Denn siehe: Mein Fernseher ist recht neu, nicht jedoch die Geräte, die den Raum beschallen sollen. Die Dolby-Surround-Angelegenheit besteht aus einem Haufen kleiner und großer Kisten, die alle energisch nach Kabeln verlangen, und mein bester Bruder Georg weiß noch sehr gut, wie wir geschwitzt haben, bis auch was raus kam aus den Lautsprechern. 

Was also tun, wenn man die Zimmer umräumt? Rrrrichtig. Fernseher abkabeln und dann das ganze Möbelstück zwei Zimmer weiter rollen. Das kann man vergessen, wenn man das ganze Zeug in irgendeinem stylischen Gerät abgestellt hat. Neu verkabeln ist die Hölle, und wird mit Funkstille nicht unter zwei Stunden bestraft. Bis vor kurzem teilte sich das Möbel samt Inhalt eine Kabelsammlung mit der Router-Modem-Splitter-Familie. Dem habe ich mit dem Umzug in den anderen Raum einen Riegel vorgeschoben. Seither ist die Ecke, in der bisher Kabel und Netzgeräte und allerlei Elektronik sich breit machten für die Katzen komplett uninteressant. 

Früher war das wohl eine Mischung aus Elektrosmog und Wärme, die da herrschte. Sehr begehrt, und von mir sehr misstrauisch beobachtet, denn das Gekatze hat sich dort auch schon mal heftigst um die besten Plätze gekloppt. Nicht weiter tragisch, so lange ein fetter Röhrenfernseher über dem ganzen thronte. Leider ist das seit einem knappen Jahr nicht mehr der Fall, seither gibt’s hier einen Flachbildschirm, der mir sehr kippgefährdet vorkommt. 
Daher steht das Phonowagendings jetzt mit dem Rücken so zur Wand, dass nicht mal mehr der magere Eddie dahinter kann. Irgendwann schaff ich es auch, den Fernseher an die Wand zu dübeln, da bin ich mir sicher.
Überhaupt. Kabel. Meine Güte. Letztens hab ich einen geruhsamen Samstag morgen damit verbracht, aus der ganzen Wohnung Kabel, Drähte, Mehrfachstecker, Netzteile, Akkulader, alte Telefone und so weiter zusammen zu suchen, hab alles nach sinnvollen Kriterien sortiert, in Tüten gepackt und in einer Kiste verstaut. Jede Tüte trägt außerdem eine Aufschrift, was im einzelnen darin ist. Ich kam mir vor wie die Mutter Teresa der Kabel. Jedem sein eigenes Häuschen, und nie wieder Suche nach dem passenden Ding! Allein die Sammlung an USB-Kabeln ist beachtlich. Leider ist trotzdem selten das wirklich richtige dabei. 
Neuester Familienzuwachs ist das Ding, mit dem man den Kindle am Rechner anschließt. W-lan hab ich abgeschaltet, also brauche ich das Kabel. Wieder ein neuer Standard, dachte ich- bis letztens eine Besucherin ihr Handy aufladen wollte, und ihr Kabel vergessen hatte. Und siehe da... Was mich auf dem Sektor (und auf meinem Schreibtisch) immer wieder entzückt, ist das Kombi-Gerät aus Tesa-Abroller und USB-Hub. 
Die beste Erfindung seit der externen Soundkarte (nie wieder im Dunkeln unterm Schreibtisch nach dem passenden Loch für die Lautsprecher suchen!!). Das zeigt natürlich auch, wie hoffnungslos veraltet meine Hardware ist, habe ich doch manchmal den Eindruck, dass ich eine der wenigen bin, die kein Notebook ihr eigen nennt, bei dem man ja auch nicht unterm Tisch rumkriechen muss. 

Mein Rechner ist in Teilen gute 10 Jahre alt, läuft aber noch immer gut und stabil (An dieser Stelle: Toi, toi, toi). Zwischendurch bin ich immer mal versucht, aufzurüsten und irgend ein megageiles Gerät zu kaufen, bisher konnte ich das aber abwenden. Schließlich läuft er noch, und das ist die Hauptsache. Und er läuft oft genug rund um die Uhr, denn ein Leben ohne Internet kann ich mir nicht vorstellen. Krass, eigentlich, wie viel Zeit ich damit verbringe, herum zu surfen und meine Kontakte zu pflegen. Und das seit inzwischen 17 Jahren, so lange hab ich meinen eigenen Account. 

Und trotz aller Weiterentwicklung hat sich nichts Fundamentales geändert... Brautkleid bleibt Brautkleid, und Bluescreen bleibt Bluescreen.

In diesem Sinne.


Sonntag, 19. Februar 2012

Zehn

Jahre, 520 Wochen, 3.652 Tage, und jeder davon mit 86400 Sekunden (glaube ich)- so lange ist das jetzt her, dass die Diagnose Diabetes Mellitus late-onset-Typ 1 so langsam in mein Bewusstsein kroch.
Mein zu dem Zeitpunkt gerade erst kurz zuvor erreichtes ausgeglichenes und entspanntes Verhältnis zu Nahrungsmitteln war in nullkommanix vom Winde verweht, und hat sich nicht mehr wieder eingestellt, egal, wo ich auch suche.
Die Zeit vom 5. Februar bis zum 9. März 2002 hab ich im Krankenhaus verbracht, eingeliefert als halbtoter Notfall und entlassen als ziemlich ängstliche Neuchronischkranke.
Drei Tage später habe ich mich aufgemacht zu einer sechswöchigen Reha-Maßnahme, während der man mir beizubringen versuchte, dass es nichts gibt, was man mit Diabetes nicht tun kann.
Das ist gelogen.
Man mag noch Berge besteigen, Klavier spielen, Nobelpreise gewinnen und SOS-Kinderdorf-Mutter sein können. Vielleicht kann man Opern singen, Sex haben, einen Iron-Man absolvieren, in den Urlaub fahren oder Gold schürfen in Alaska.
Was man nicht mehr kann, ist irgendwas davon spontan einfach tun.
Dein Auto springt nicht an, wenn du abends bei Freunden bist? Dumm- du musst trotzdem nach Hause, weil dein Nachtinsulin dort liegt. Viel Spaß beim Bahnfahren.
Du bist im Restaurant und das Essen schmeckt grauenvoll? Egal, du hast gespritzt, nun iss die ekligen Nudeln auch auf.
Dein Keller läuft voll Wasser? Iss erstmal was, bevor du zehn Mal mit dem Eimer die Treppe rauf und runter läufst, sonst fällst du noch um.
Sauna? Vielleicht. Honig-Aufguss? Besser nicht. Ungeplanter Sex? Nie ohne vorher was zu essen (die Zeiten, in denen meine Pumpe rhythmisch dazu vom Nachttisch alarmte, sind vorbei- das würde ich nicht wieder wollen).
Spontan ein Fläschchen Wein? Ähem. Man weiß nie.
Und so weiter, und so weiter.
Es geht mir immer noch so total auf den Wecker.
Und egal, was sie einem erzählen: Man verpasst besser keine Mahlzeit, isst nicht die ganze Tafel Schokolade, das halbe Pfund Kirschen besser auch nicht, und Cocktails vergisst man ohnehin lieber. Urlaubsreisen per Flugzeug? Nur mit einer Bescheinigung vom Arzt, damit man sein Spritzbesteck mitnehmen darf an Bord (Schon mal über diabetische Terroristen nachgedacht? Die haben so eine Bescheinigung, mit Sicherheit. Und Insulin ist ein Teufelszeug, das auch Gesunde in kürzester Zeit aus den Latschen haut).
Alles in allem wäre es mir lieber gewesen, sie hätten uns das von Anfang an so erzählt, mit allem drum und dran. Natürlich hätte das abschreckend geklungen- aber eine Wahl, ob wir das wollen oder nicht, hatten wir selbstverständlich zu keiner Zeit. Insofern ist das Belogen-worden-sein besonders doof. Und so verdammt überflüssig.

Und jetzt geh ich weiter schmollen.

DieLily

Freitag, 17. Februar 2012

Wartungs- und Pflegearbeiten


Je älter ich werde, desto länger dauert es, die morgendlichen Wartungsarbeiten ordnungsgemäß abzuwickeln. Ein wenig Zeit kann man damit sparen, manche Einzeltätigkeit durch dauerhafte Vorhaltung auszutauschen, zum Beispiel spart man potenziell sogar viel Zeit und Material, wenn man Wimpern nicht tuscht, sondern färbt.

Das erspart nicht nur das morgendliche Auftragen, sondern auch das abendliche Abkratzen der Tusche von den widerwilligen Härchen, die ob dieser Zumutung gern den Augen eine gewisse Neigung zum Tränen vermitteln. Das erspart auch das Problem, welche Sorte Mascara man sich denn nun zulegt.

Wasserfest? Ist meist erst auf der Haut wasserfest und erfordert alsdann das Auffahren schwerer Abschmink-Geschütze, die wiederum (s. o.) die Augen zum Tränen bringen. Scheidet aus.

Volumen-Mascara? Macht mir Fliegenbeine und ich hab den Eindruck, dass die Wimpern zusammenpappen, das bringt außerdem die Augen zum Tränen. Scheidet also aus.

Braun, schwarz oder blau? Egal, krümelt oder schmiert oder pappt da, wo man sie nicht haben will- scheidet aus. Weil, dann tränen die Augen… wer hätte das gedacht?

Pflegend (kriecht unter Umständen in die Augen, die tränen dann wieder, scheidet also aus) oder die Sorte, die die Weltherrschaft übernehmen würde, ließe man sie denn? Vermutlich bringt aber auch die die Augen zum Tränen, und scheidet daher ebenfalls aus.

Am liebsten ist mir farblose Mascara, denn sie hinterlässt wenigstens kein dunkles Panda-Geschmier unter den Augen. Zusammen mit gefärbten Wimpern macht sie dann auch den gewünschten schlanken Fuß, und zaubert jugendliche Frische und all so ein Zeug ins Gesicht.

Sobald man zu Wimpernfarben greift, und somit die Dauerlösung anstrebt, kann man auch gleich den Rundumschlag machen und die Augenbrauen gleich mit färben (besser einen Ton heller als die Wimpern, sonst hat man schnell dunkle Balken im Gesicht).

Meine Dauerlösungen gehen nur so weit. Es gibt allerdings Leute, die sich zum Beispiel Lidstrich oder Lippenkontur als Permanent-Make-up tätowieren lassen. Uäähhh- selbst wenn man mir garantieren würde, dass die stechende Person nüchtern ist und das gelernt hat und so: Wie kann man einen anderen Menschen mit einer Nadel in die Nähe seiner Augen lassen? Noch dazu mit Farbe dran? Bei aller Liebe zu eingesparter Zeit: Dann ginge ich lieber ohne Lidstrich raus als so. Mach ich ohnehin oft, weil das Zeug manchmal im Auge landet. Und das tränt dann.

Nicht auszudenken, was das Auge sagen würde, wenn die Tätowierinstrumente abrutschen würden. Da müsste ich dann weinen.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Bissel drauf rumspringen…




scheint ein neues Hobby in europäischen Finanzkreisen zu sein. Egal, wie sinnvoll es sein mag: Immer noch ein bisschen mehr zu verlangen von einem Land, das derzeit am Boden liegt, erweckt bei mir den Eindruck, als hätte da jemand Spaß dran, die Schrauben immer noch ein bisschen mehr anzuziehen, solange, bis Blut kommt…
Klar geht es nicht um Barmherzigkeit, wenn Kohle im Spiel ist. Aber jeder Mensch, und erst recht jede Gruppe von Menschen beißt irgendwann zurück, wenn man sie in Bedrängnis bringt. Die Leute, die sich jahrzehntelang am griechischen Staat gemästet haben, die haben eine dicke Lobby, und denen geschieht so schnell nichts. Aber all die anderen, die leiden… und die konsumierende Bevölkerung ihrer Konsummittel zu berauben, hat noch keinen Staat gerettet.
Inhaltlich kann ich nicht beurteilen, was da abläuft. Ich weiß auch nicht, wie viel von meinem derzeitigen Eindruck durch Berichterstattung hervorgerufen ist. Aber wäre ich Griechin, ich würde mir verarscht vorkommen.


Sonntag, 12. Februar 2012

Grau

Der Tod gilt als schwarzer Fürst, voller Dramatik und so- oder, wenn man Menschen mit Nahtoderfahrungen Glauben schenken darf, dann ist dort, jenseits des Lebens, ein Pfad ins Licht.
Meiner Erfahrung nach  ist der nahende Tod weder schwarz noch leuchtet er. Der Weg dorthin ist vielmehr grau, und ultimativ still und weich. Angst macht er mir nicht. Im Gegenteil, oftmals war dieses Bild sehr anziehend. Ruhe versprechend. Das Ende aller Dinge. Und auch das Ende der Angst, der Sorgen, der Mühe.
Dagegen kann nur wenig bestehen bleiben von den Dingen, die das Leben so zu bieten hat. Die wenigsten Erfahrungen sind nur positiv, wenig ungetrübte Freude herrscht auf der Welt, und es existiert kaum etwas, was die  Mühe des Aufstehens wert ist.
Ein paar Dinge und ein paar Eindrücke aber, die bleiben und die halten mich hier:
Das bepelzte Doppelkinn von Paul, wenn man ihn krault- und sein hingerissener Gesichtsausdruck. Die Art, in der Emily ihre Tatze auf meinen Arm legt, der sich an mich drückende Eddie.
Und die Freude in der Stimme eines Menschen, der offenbar gern mit mir spricht.
Solange das so ist, bleib ich.

Freitag, 10. Februar 2012

Saukalt…



ist es hier, wie in ganz Europa. Ich habe gegengesteuert, und mich mit warmem Zeug versehen, denn ein neues Auto habe ich immer noch nicht. Also nutze ich den Bus, um zur Arbeit zu kommen- spare mir aber, in dieser Woche jedenfalls, jegliches weiteres Herumstehen auf Bahnhöfen- bin schon erkältet und brauche keine Lungenentzündung). Trotz Mütze, Handschuhen, Schal, Rollkragenpullover und Strickjacke, langer Unterhose, Wollsocken und dicker Schuhe friert man sich an der Haltestelle was ab. Leider nicht den Hintern (dann würde ich den glatt mal der Kälte aussetzen), sondern eher fragilere Anhängsel, wie Ohren oder Finger. Gern leidet auch die Nase.

Kommt man aus der arktischen Luft ins Rathaus, ist dort die Luft sehr schön angewärmt und gemütlich- glaubt man zuerst. Sitzt man den Vormittag lang in seinem Büro (in dem es auch nur 18 Grad hat), und geht dann zur Toilette, friert man wieder ordentlich im Treppenhaus und im Foyer- denn eine Heizung gibt es dort zwar, diese ist jedoch abgedreht. Bei der (historischen) Bunt-, aber Einfach-Verglasung müsste man die Heizung vermutlich mit Schuldscheinen oder Haushaltskonsolidierungsplänen befeuern, um halbwegs normale Innenraumtemperaturen zu haben. Natürlich müssten die Fenster wärmeisoliert werden- aber das kann sich die Stadt nicht leisten, da sie, wegen eben der Haushaltslage, keine Bauprojekte mehr beginnen darf. Das macht die Aufsichtsbehörde nicht mit, egal, wie klug eine solche Investition auch sein könnte.

Seit ich, vor beinahe 30 Jahren, bei dieser Verwaltung meinen Dienst angetreten habe, müssen wir sparen, und tun das auch. Reine Renommierprojekte, die anderen Städten erst Ruhm und dann Ärger gebracht haben, hat es hier so gut wie nie gegeben. Der Bürger meiner Stadt ist somit nicht verwöhnt. Inzwischen erreicht das Sparen allerdings Bereiche, die selbst dem genügsamsten Einwohner zu weit gehen. Leider hilft auch da keine Empörung mehr. Selbst wenn keine einzige freiwillige Leistung mehr angeboten würde- und es gibt da wirklich nicht mehr viele, aber wichtige, z. B. Zuschüsse an Schuldnerberatung, Frauenhaus etc. sind ja auch nicht überflüssig…- selbst dann also reichen die Einnahmen nicht aus, um alle Pflichtaufgaben zu bezahlen.
Eigentlich dürfen der Bund und auch das Land den Gemeinden keine Aufgaben mehr zuschustern, die diese dann selbst finanzieren müssen. Wenn neue Aufgaben, dann gehört auch das entsprechende Geld dazu- so liest es sich theoretisch.
Fakt ist aber, dass vor allem Personalkostenanteile oft nicht ausreichend sind. Denn die Zuschüsse werden nach teils abenteuerlichen Schlüsseln verteilt. Vielleicht reichen die Beträge dann bei einer großen Stadt, die für die Bearbeitung einer Aufgabe z. B. zwei Leute einsetzen kann, die mit der Arbeit dann ausgelastet sind. Bei einer kleinen Gemeinde reicht die Fallzahl (und die Erstattung!) vielleicht nur für eine halbe Stelle- die Person, die dann die Arbeit macht, braucht aber auch eine Vertretung für Krankheit und Urlaubszeiten, und wenn in der größeren Stadt sich die zwei Stelleninhaber gegenseitig vertreten, hat die kleinere Stadt ein Problem, dessen Lösung sie nicht bezahlen kann.

Es finden sich auch wirklich merkwürdige Konstrukte bei der Bemessung dieser Zuschüsse… Ein Knaller ist die Kostenpauschale für die Aufgaben nach dem Bildungs- und Teilhabe-Gesetz (das ist die Vorschrift, nach der den Kindern von Hartz-IV-, Sozialhilfe-, Wohngeld- und Kinderzuschlagsbeziehern Mittel zur Verfügung gestellt werden, mit denen Nachhilfe, Schulessen, Fahrtkosten, Klassenfahrten etc. bezahlt werden können).
Die an die Gemeinden oder Kreise hierfür gezahlten Beträge des Bundes sind ein prozentualer Aufschlag zu dem Kostenanteil des Bundes für die Aufwendungen der Kosten der Unterkunft für Hartz-IV-Bezieher.

Andersrum ausgedrückt: Der Bund zahlt den Gemeinden einen pauschalen (Anteils-) Betrag dafür, dass die Miete von Hartz-IV-Beziehern übernommen wird (keine freiwillige Leistung, irgendwo müssen die Leute ja wohnen). Diese Pauschale wird zur Grundlage genommen, um wiederum eine prozentuale Pauschale zu bilden, aus der die Gemeinden dann die Kosten für Bildung und Teilhabe bezahlen. Da bemisst man die Kosten für Äpfel an den Aufwendungen für neue Streu im Hühnerhaus. Oder so. Man hätte vermutlich mit der gleichen Berechtigung einen Schlüssel erfinden können, der auf die Dichte von Kaugummiautomaten je laufendem Kilometer der Gemeindestraßen zweiter Ordnung  abstellt.

Apropos Straßen…
Fährt man in diesen Wochen die Straße hinunter, an der ich wohne, und hat man nicht sehr festsitzenden Zahnersatz, so kann man sich diesen auf der Zunge zergehen lassen, wenn man am Ende der Straße angekommen ist. Das liegt an der Fahrbahn-“Gestaltung“, die den Namen „Decke“ nicht mehr verdient. Auch ein Flickenteppich ist zwar bunt, aber nicht so löcherig, also ist dieser Ausdruck ebenfalls nicht korrekt. Bereits der Straßenzustandsbericht 2005 hat „meine“ Straße in die Kategorie „unbefahrbar“ eingestuft. Seither hat es sieben Winter gegeben, zwei davon lang und kalt, mit jeder Menge Niederschläge.
Man könnte den Eindruck haben, dass hier darauf gewartet wird, dass die Trümmer und das Geröll aus den oberen Straßenschichten sich langsam, aber selbsttätig in die Schlaglöcher begeben, und so eine gewisse Selbstheilung stattfindet. Dass es so was nicht gibt, ist klar. Also wurde in irgendeiner Ecke irgendeines Bauhofes so lang gesucht, bis man zwei, drei Schilder mit der Aufschrift „Straßenschäden!“ fand, und dann hat man die aufgestellt. Die Pfosten für die Schilder wurden nicht mal einbetoniert… und da ohnehin Tempo 30 ist, hat man sich auch die Geschwindigkeitsbeschränkung gespart. An und für sich ist auch dort die Durchfahrt verboten- beschweren kann sich daher niemand, wenn ihm was vom Auto abfällt, denn die meisten haben sowieso kein Durchfahrtsrecht.

Die Schlaglöcher ergänzen auch sinnvoll die Straßeneinbauten zur Geschwindigkeitsabsenkung. Insofern ist doch eigentlich alles gut, könnte man meinen… bis man mal einmal mit dem Linienbus die Straße entlang gefahren ist.
Nur so viel: Niemals aufstehen, bevor der Bus anhält. Auf zwei Beinen übersteht man diese Strecke niemals in senkrechter Körperhaltung.
Ich könnte mich stundenlang zu dieser Straße auslassen… und ich würde es auch tun, wüsste ich nicht genau, dass einfach kein Geld da ist. Alles Jammern ist müßig, und schafft auch keines her.

Erschreckend ist nur, dass so gut wie niemand das akzeptieren kann und will, sofern er selbst betroffen ist. Da streicht auch die geübte Intelligenz sofort die Segel, und dümpelt nur noch ohne Fahrt dahin… kein Geld? Wirklich nicht? Das gibt’s nicht.

Und wenn man mal so eine Bilanz der Stadtverwaltung von vorn bis hinten durchliest, dann kann man glatt den Eindruck bekommen, dass das tatsächlich so ist. Denn unsere Stadt, die in drei bis fünf Jahren die Überschuldung anmelden kann, weil sie dann nichts mehr hat, was sich versilbern oder sonst wie zu Geld machen lässt, zahlt immer noch Solidarbeiträge Ost.

Wer das verstehen kann, soll das gern tun.

Ich weigere mich.

Dienstag, 31. Januar 2012

Montag, 30. Januar 2012

Die Geschichte von David





Ich bin in mich gegangen, nach dem letzten Kommentarreigen, einerseits, weil ich ohnehin ständig wenigstens halb in mir bin, andererseits weil ich mal nachhören wollte, ob das, was ich da als unterstellt empfand, nämlich Nähe zu denen, die freche Kinder mundtot machen wollen, damit  alles so schön in die Zucht und Ordnung bräunlicher Wunschvorstellungen passt, ob ich also tatsächlich mich darunter einordnen würde.

Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich eine solche Unterstellung, so sie denn beabsichtigt war, ebenso wenig verdiene wie meine Leser. Georg, Womble und Falcon kenne ich, ebenso wie Kate persönlich (der/die erste Kommentator/in lässt mich unsicher sein), und weiß, dass sie sämtlich keinesfalls zum Anbräunen neigen. Ich weiß aber auch, dass sie alle keine Idealisten (mehr) sind, was die Menschen und ihren Nachwuchs betrifft.

Und um noch mal was klarzustellen: Timo ist nicht frech. Timo ist verhuscht, altklug, schwatzhaft, zwanghaft, distanzlos und insgesamt vermutlich gestört- Täte er mir nicht so leid, hätte ich schon was gesagt. Tatsache ist aber, dass er nervt, und zwar gewaltig. Ein freches Kind würd ich mal anranzen, wenns mir zu weit ginge, Timo kann man nicht anranzen. Deshalb nervt er so.

Prügeln, Anbrüllen, Verhauen- alles nicht die richtige Antwort. Das muss hier niemand extra betonen, das versteht sich für alle von selbst.


Grenzenloses Verständnis  hingegen ist, meiner Meinung nach, ebenso auf keinen Fall geeignet, irgendwem auf Dauer zu helfen, in seiner Umwelt zurecht zu kommen.

Und da kommt die Geschichte von David ins Spiel.

David, der natürlich nicht David hieß, sondern auch nicht Kevin, lernte ich gegen Ende der Neunzigerjahre kennen, und zwar in meinem alten Arbeitsgebiet, einem Jugendamt.

David hatte tatsächlich das, was man eine miese, trostlose und von Üblem geprägte Kindheit nennen kann. So ziemlich alles, was man sich vorstellen kann, hat der Junge kennen gelernt noch bevor er 10 war. Ich gehe hier nicht ins Detail, das würde erstens den Datenschutz und zweitens euren Nachtschlaf gefährden.

David hat auf klassische Weise reagiert. Im Gegensatz zu seinem großen Bruder, dessen Intelligenz unter Hungerzeiten gelitten hatte, war er nicht dumm. Er schlug den Weg der Delinquenz ein, und hatte, schon bevor er das reife Alter von elf Jahren erreichte, bereits eine nicht mehr sehr handliche Akte bei seiner freundlichen Bezirkssozialarbeiterin.

Auch die Leute in dem Vorort, in dem er aufwuchs, kannten ihn bald- das war doch der Junge, der immer die Schuppen und Ställe anzündete, nicht wahr?

Kind nach Kind wurde aus dem elterlichen Haushalt geholt, die ersten wegen Misshandlung und Vernachlässigung, und David irgendwann, weil man seiner Straffälligkeit mangels Lebensjahren nicht per Gefängnis oder Arrest begegnen konnte.

Auch in einer Jugendhilfeeinrichtung kam der Junge nicht zurecht. Und bevor man da falschen Vorstellungen ausgesetzt ist: Er war in keiner Jugendhilfemaschine, wo 120 Kinder stromlinienförmig eingenordet werden, sondern in einer Spezialeinrichtung, klein und überschaubar, aber auch dort nicht mehr zu halten, als er immer öfter auch jüngere Kinder angriff, verletzte und bestahl.

Man überlegte lange. Die zuständige Kollegin, selbst ein Kind aus einer großen Familie, mochte den Jungen und schätzte gerade das Freche, Unbezähmbare an ihm. Sie suchte lange, und fand schließlich eine Profipflegefamilie, also Menschen, die über viel Erfahrung mit Kindern verfügten, eiserne Nerven hatten, und mithilfe von Supervision und engmaschiger fachlicher Beratung sich um David kümmern wollten.

In dem Leben kam David endlich zurecht. Der kleinräumige Rahmen mit nur zwei Bezugspersonen und der (Kleinst-)Schule ermöglichte die klare Setzung von Grenzen, die Leute konnten sich absprechen und schon ziemlich bald ging es aufwärts mit dem Knaben. Begünstigt wurde das durch die Tatsache, dass diese Einrichtung/Pflegefamilie so weit weg von allen Verlockungen der Großstadt war, dass David keine Chance hatte, diesen Verlockungen zu erliegen.

Alles wunderbar?

Nein.
Dann kam nämlich die Sozialarbeiterin zu Besuch. Die musste ein Hilfeplangespräch führen, und dachte, dass sie das in der schönen Gegend, in der der Knabe nun lebte, auch mit einem Urlaub verbinden könne. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Der Urlaub wurde komplett privat gezahlt, nur die Stunde für das Hilfeplangespräch konnte als Überstunde ausgewiesen werden.

Die zweite Idee, mich zu bitten, mitzufahren, kam direkt vor dem Gedanken, den Jungen mal wieder mit seinem Bruder in Verbindung zu bringen- die beiden hatten sich seit einiger Zeit nicht mehr gesehen.

Also packten die Kollegin und ich unsere beiden Kinder ein, und fuhren zusammen in den Urlaub, und den großen Bruder des kleinen David nahmen wir mit.

Bei dem Hilfeplangespräch wurde dann vereinbart, dass der Junge für die zwei Wochen, die wir Urlaub machten, bei uns bleiben solle… Die Pflegeeltern konnten sich auf diese Weise mal etwas erholen, und bei uns konnten die Brüder mal ein bisschen Zeit miteinander verbringen.

Was soll ich sagen…? Die Idee war eine Scheiß-Idee.

Aus lauter Sorge, das arme, geschädigte Kind nicht noch weiter zu schädigen, ließ die Kollegin zu, dass er wirklich und wahrhaftig mit ihr Schlitten fuhr. Nach zwei Tagen war er nicht mehr zu bändigen- griff ihr beim Autofahren ins Steuer, haute ab und ließ uns stundenlang nach ihm suchen, fraß alles, was nicht eingeschlossen war und musste sich ständig körperlich mit den beiden fast erwachsenen anderen Jungs messen, die anderthalb mal so alt - und doppelt so schwer- waren wie er.

Anstelle eines klaren Aufzeigens von Grenzen ließ sie ihn geschehen… Ein Beifahrer, der mir während der Fahrt ins Lenkrad greift, wandert sofort nach hinten, und falls er das nicht mit macht, kriegt er zwei Euro für die Straßenbahn. Jemand, der andere kontinuierlich angreift, provoziert, ihr Eigentum versteckt oder zerstört, muss sich, wenn seine „Gegner“ 18 Jahre alt sind, auf Keile gefasst machen. Das wäre sicherlich heilsam gewesen, scheiterte jedoch an der Glashaube, mit der die Kollegin den Jungen schützte. Er war off-limits für uns alle- und ich hab da meine Angewohnheit, häuslichen Spannungen durch lange, einsame Autofahrten zu entfliehen, so richtig Zucker gegeben.

Nachdem ein „Ausflug auf eigene Faust“, den der Knabe mitten in der Nacht unternahm, dazu führte, dass die Gespräche mit ihm im Auto stattfanden (ins Haus wollte er nicht) und nachdem er während dieser Gespräche ständig auf die Hupe drückte, kriegten wir Ärger mit der Leitung der Ferienhaussiedlung, in der wir wohnten.

Da dieser „Urlaub“ über Ostern stattfand, dürft ihr nun alle raten, wer sämtliche Ostereier und -Nester leer- bzw. auffraß und die gefärbten Eier durch rohe Eier (eilig und heimlich nachts nachgefärbt) ersetzte… Ha, ha. Sehr witzig, morgens ein rohes Ei zum Frühstück sich über die Sonntagsklamotten zu kippen.

Dann kriegten wir raus, dass er nächtelang seine Eltern, die weit entfernt in seiner Heimatstadt lebten, anrief- über das Telefon im Ferienhaus, auf unsere Kosten.

Anlässlich dieser Gespräche versprachen die Eltern ihm das Blaue vom Himmel, so dass, nach den 14 Tagen bei uns, kein Gedanke mehr daran verschwendet werden konnte, den Jungen zu den Pflegeeltern zurück zu bringen.


Was nun?

Nach einer kurzen Zwischenparkung in einer Notaufnahmestelle entschied die Kollegin, was zu tun sei.

Sie nahm ihn zu sich als Pflegekind.


Anderthalb Jahre später ging er direkt von ihrem Haushalt in den Knast.

Ich traf ihn wieder, 2006 in der Straßenbahn in der Nachbarstadt.


Er berichtete mir, dass er inzwischen drei Kinder habe, von zwei Frauen, das vierte sei unterwegs, und er müsse wieder in den Knast, weil sie ihm die Bewährung widerrufen hätten.

In den letzten fünf, sechs Jahren hab ich nichts von ihm gehört, und auch bei aufmerksamer Zeitungslektüre nichts gelesen, was auf größere kriminelle Unterfangen hätte schließen lassen. Immerhin.- Er hatte Potenzial!

Ich mag nicht behaupten, dass die Kollegin diese ganze Geschichte alleinverantwortlich in den Teich gesetzt hat. Bestimmt nicht.

Aber ihr Verzicht auf alle Verbindlichkeit, alle Regeln und alle Stringenz hat den Knaben mit Sicherheit einer seiner größten Chancen beraubt, nämlich der, bei seiner Pflegefamilie zu bleiben.

Abgesehen von der gruseligen Kindheit, die David hatte, hat ihm diese Sorte  nachgiebige Zuwendung wohl am zweitmeisten (das ist ganz bestimmt ein Wort!!) geschadet.

Und auch für alle Menschen, die ganz normal mit dem ganz normalen Irrsinn unserer Gesellschaft aufwachsen, gilt, dass man nicht unentwegt nur fördernd und lobend und liebend auf sie eingehen kann.

Niemand ist der Nabel der Welt, und es ist sehr ungerecht, unfair und vorwerfbar, seine Kinder in dem Glauben aufwachsen zu lassen, es würde sich ihr Leben lang alles nach ihren Wünschen richten.

Daran zerbricht ein Mensch genau so wie an Schlägen.

Donnerstag, 26. Januar 2012

Die Lily…


sitzt gerade hier und kraust die Stirn. Immer öfter erwische ich mich dabei, mit zusammengekniffenen Augen irgendwas oder irgendwen anzustarren, vorzugsweise den Fernseher, oder mein Strickzeug.
Oder Timo.
Timo ist ein Exemplar der Gattung Teilnehmer am öffentlichen Personen-Nahverkehr, also ein Töff-P.

Timo nimmt immer den Bus um fünf vor sieben, und er ist ein wichtiger Grund, lieber den um halb sieben zu erwischen, da sitzt er nämlich nicht drin.

Timo zeichnet sich durch ein herabgesenktes Bedürfnis nach Distanz zu anderen Menschen aus. Er rückt einem, wie man hierzulande sagt, dermaßen auf die Pelle, dass man ihm schon dafür eine klatschen könnte. Jawohl, um viertel vor sieben.

Timo bringt, sobald er morgens an der Haltestelle auftaucht, die aufgereihten anderen Fahrgäste in Unordnung. Alles steht, wie von einem unsichtbaren Regisseur platziert, am Fahrbahnrand aufgereiht in beinahe identischen Abständen voneinander entfernt, und dann kommt Timo.
Meist bin ich die Erste, die morgens da aufläuft, daher gebührt mir der Platz direkt da, wo der Bus halten wird. Oder?   
Alle akzeptieren das (und amüsieren mich dadurch)- nur Timo nicht, Timo drängelt sich vor. 
Dabei redet er vor sich hin. 
Nichts Interessantes, sondern dumme kleine altkluge Kinderwitzchen. Er steht zum Beispiel da und fragt, sobald ein beleuchtetes Busschild am Straßenende auftaucht, ob das jetzt unser Bus sei. Fragt das drei Mal. Niemand Bestimmten, mehr so sich selbst, gibt sich aber keine Antwort.
Zeigt dann zum Himmel und sagt: "Der Stern da, das ist der Einkaufswagen. Haha.“. Dabei zappelt er und wackelt hin und her und drängelt sich so klammheimlich vor mich. 
Kommt dann der Bus, übernimmt er gerne Platzanweiserfunktion. Erstmal muss der vordere rechte Platz frei sein. Wenn er nicht frei ist, muss Timo woanders sitzen, was ihm (und uns Anderen) Probleme bereiten wird. 
Denn er wird den Rest der Fahrt über immer wieder sagen, dass das doch sein Platz sei? Und dass er da doch sitzen wolle? Das sagt er aber immer so leise, dass man es nur hört, wenn man sich unmittelbar neben (oder hinter) ihm aufhält.

Heute morgen war der Ticket-Leser im Eimer. Daraufhin hat Timo an jeder Haltestelle erst Verrenkungen gemacht, um nachzuschauen, ob das Ding immer noch kaputt ist. Dann hat er jedem der gefühlt einhunderttausend Fahrgäste gesagt, dass das Ding kaputt sei, und sie möchten doch bitte weitergehen. Nicht, dass das nicht auch auf dem Ticket-Leser- Bildschirm selbst zu lesen gewesen wäre. 

Er hat schon Blockwart-Qualitäten, der Gute- was dann darin gipfelt, dass er immer und immer und jeden Morgen vor seiner Aussteige-Haltestelle auf „Haltewunsch“ drückt. Das wäre ja auch ganz okay, schon fast sinnvoll, wenn, ja wenn nicht diese Haltestelle ohnehin die Endstation wäre. Dort hält der Bus, so sicher wie das Amen in der Kirche.

Während der ganzen Busfahrt plappert und schwätzt und sabbelt der Knabe ununterbrochen. Erzählt von Onkel Günter, der sich ein neues Auto gekauft hat. Faselt was von „Wetten, das?“. Berichtet, dass irgendwer gestorben sei. Alles in derselben hektisch-monotonen Sprechweise.

Ich schwanke immer zwischen Mitleid und dem Wunsch, ihn terminal zum Schweigen zu bringen.

Ganz besonders, seitdem ich weiß, wie er heißt… seitdem nämlich Mutti (oder der Friseur) ihm diesen Namen seitlich in den Raspelhaarschnitt rasiert hat.

Warum tut man so etwas? Vielleicht, weil Mutti hofft, dass er sich dem nächstbesten Menschen anschließt, der ihn beim Namen ruft?

Vermutlich werden wir es nie erfahren.

Einstweilen beschäftige ich mich mit der Frage, ob er a) sein Ritalin immer erst nachmittags nimmt oder b) das Zeug bei pathologischen Gelaber nicht wirkt.

Und komme mir ziemlich blöd vor, dass mich ein Zwölfjähriger so (ent)nerven kann.

*seufz*.




Montag, 23. Januar 2012

Ohne weitere...

Worte.

Lest ihr hier: Chantalismus als Blog.

Das ist nur ein Posting aus vielen :)

Mittwoch, 11. Januar 2012

Paul

Paul ist ein Gemütsmensch.

Fig. 1: P. wie er leibt und lebt. Und sich unter meiner Schreibtischlampe sonnt (die wird sehr warm)


 Ja wirklich, das ist er.



Paul, mit Mütze. Ich habe sie anschließend von seinem Kopf herunternehmen müssen. Sie war NICHT angeklebt oder sonstwie befestigt... einfach nur draufgesetzt.   

Wäre er ein kleines bisschen ruhiger, könnte man ihn für ausgestopft halten.
Und jetzt muss ich wieder an mein neues Spielzeug (ein Kindle. So toll.)


DieLily.

Samstag, 7. Januar 2012

Wie man's richtig macht, Teil zwei




Stellt euch vor, ihr wäret ein Mädchen, so fünfzehn, sechzehn Jahre alt, und euer Vater würde nach ein paar Singlejahren wieder mit so einer Tusse ankommen. Aus der Traum von endlosen Shoppingrunden mit Papas Kreditkarte im Hintergrund. Keiner unterschreibt mehr (schamesgerötet aber ohne Fragen) die Entschuldigungen für den Sportunterricht, weil ihr mal wieder „Menstruationsbeschwerden“ habt- vielleicht fragt er noch nach, ob bei dreimal im Monat nicht mal ein Besuch beim Gyn fällig wäre, aber das wars auch schon. Kein dauernder Chauffeurdienst mehr für euch und alle Freundinnen, weil Daddy ohnehin nichts anderes zu tun hat am Abend... Schrecklich, echt Hässlichkeit. Sie zieht bei euch ein und prompt seid ihr zu niederen Diensten abgeordnet. Spülmaschine einräumen. Haare aus der Dusche fischen. Kellertreppe putzen. Eure Nägel leiden, die teure Haarspülung ist gestrichen, und die Laune ist auf einem Allzeittief.
Was tun?
Tja, nehmt euch ein Beispiel an euren Vorgängerinnen. An männlichen Fans dürfte euch nicht mangeln- also beim nächsten Mal, wenn Papa auf Dienstreise ist, ladet sie alle ein und veranstaltet im Schuppen ein Komasaufen. Wenn dann die Stieftussi reinplatzt, spielt die Scheintote- sie wird kein Mitleid haben, und euch einfach da liegen lassen, die sieben Zwerge um euch herum aber aus dem Haus jagen. Mit ein paar wohlgesetzten Worten wird sie euch gute Nacht in der ungeheizten Hütte wünschen und ins Bett gehen. Dann müsst ihr nur noch Papa abpassen, und ihn wie einen König willkommen heißen, mitsamt verheulter Wimperntusche und so weiter, und ihm erzählen, dass sie euch ausgesperrt hat, nur, weil ihr ein bisschen gefeiert habt.
Ratet mal, wer am nächsten Morgen einen Satz heißer Füße bekommt.
Und ratet mal, wer in Papas Gunst das reinste Schneewittchen ist :-)

Liebe Grüße an Euch alle, ich hab jetzt ein Wochenende vor mir mit meinem allerbesten Freund und freu mir zwei oder drei Löcher in den Bauch.

Bis dahin!
DieLily

Mittwoch, 4. Januar 2012

Hop oder Top



Ist es Größe oder Intelligenz, die manche Menschen das Richtige tun lässt? Der, der gerade so wenig überzeugend den Bundespräsi-Darsteller gibt, hat weder-noch, das ist schon mal klar.
Auch ist für mich klar, dass diese Bubi-Kon-Affäre das Amt als solches gar nicht beschädigen kann. Es blamiert ihn nur selbst, und sein unwürdiges Gezappel legt auf krasse Weise offen, wie machtgeil manche Menschen sind. Obwohl, Macht als solche hat der BuPrä nun nicht, dafür haben die Eltern des Grundgesetzes gesorgt.
Interessanterweise wird der BuPrä von der Bundesversammlung gewählt, um die Erfahrungen aus der Zeit der Weimarer Reichsverfassung zu vermeiden (zumindest hat man uns das so vermittelt). Warum traut man eigentlich dem Wahlvolk nicht zu, einen Bundespräsidenten zu wählen? Viel schlechter hätten wir das auch nicht hingekriegt.

Aber immerhin zeigt sich wieder eine Berufsperspektive für Frau Käßmann am Horizont ab.

Kurse geben.... „Rücktritt mit Würde“, Anfängerlehrgang. 10 leicht fassliche Lektionen, Kosten von der Steuer absetzbar.

Bei uns im Büro laufen die Wetten, wie lang es dauert bis zur nächsten Bundesversammlung. Die Kosten dafür sollte der Herr W. tragen. Kann ja einen Kredit dafür aufnehmen, 
findet
DieLily

Sonntag, 1. Januar 2012

Wie man's richtig macht, Teil eins.


Situation: Du kommst morgens zum Frühstückstisch, dort sitzen schon Mutter und Vater, dickäugig und so, wie man halt mit über vierzig morgens aussieht. Du hast im Schlepptau einen Typ in labbrigen Shorts mit Totenköpfen und so drauf, er trägt einen Sechswochenflaum auf der Oberlippe, einen merkwürdigen Haarschnitt und ist nicht dein Bruder.

Lösung: Verschweige den Abend in dem Club, in den du noch gar nicht rein durftest.
Erzähl den Erziehern die Geschichte von der goldenen Kugel, dem Brunnen und dem Frosch.

Echt, funktioniert. Ist sogar in die Literatur eingegangen. 

Ein frohes neues Jahr. 
Machts besser als im letzten!

DieLily

Samstag, 24. Dezember 2011

Kollateralschäden



Oh du fröhliche und so.
In den letzten 2 Wochen sind folgende Dinge zu Bruch gegangen:
Meine Lieblingstasse. Eine Scherbe hab ich in den Fuß bekommen. (Daher trag ich zurzeit Hausschuhe. Zurzeit.)
Waschmaschine, ist aber schon wieder gerichtet.
Mein Daumen. Zusammenprall mit der scharfen Kante einer leeren Konservendose.
Gestern dann das Festnetz-Telefon (fragt nicht). Die Prepaidkarte des Handys ist so gut wie leer, und wird daher nur in Notfällen genutzt werden.

Das kann eigentlich nur eine Reihe guter Omen sein, oder? Oder??

Meine Hoffnungen richten sich darauf, dass es vielleicht NACH Weihnachten in meinem Netto-um-die-Ecke (NudE- kicher) wieder Spekulatius und Dominosteine gibt. Die sind seit Mitte Oktober (!) nicht mehr nachgeliefert worden. Ist aber bald September, insofern besteht da bestimmt Hoffnung. Seit ein paar Wochen gibt's nur noch Oblatenlebkuchen. Die ess ich aber nur, wenn die Alternative Verhungern ist.

Apropos Verhungern: Wenn man gegen Mittag ein Rührei mit Schinken isst, dann ist das ein Brunch. Ist es auch Brunch, wenn man morgens um sieben Erbsensuppe zu sich nimmt?

Schöne Weihnachten!

Die Lily

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Kalashnikov-Day





Friede auf Erde und so ein Zeugs, das kann man sich echt sparen, Mensch! 
War noch nie so kurz vorm Massenmord wie gestern, und hätte ich eine gehabt, eine Kalashnikov, wär sie zum Einsatz gekommen, voll krass.
Wa! Der Bus, er war voller Affen. Nein, das ist ungerecht gegenüber den Vettern, er war voller …Arschblagen. So ungefähr 12 12-jährige. Unausgelastet, überreizt (jaja, versteh ich alles), und laut, laut LAUT. Unter 120 dB(A) machte es kein einziger von ihnen, und sie waren 12. Macht 1440 dB(A), und das ist das Verdauungsgeräusch einer Kiesschredder-Maschine. Von innen. 

Dazu sind sie auf den Sitzen herumgeturnt, raufgeklettert, runter gesprungen, haben sich gegenseitig geschubst und gestoßen, und immer wieder angebrüllt. Zur Strafe ist der Busfahrer gefahren wie eine tollwütige Wildsau.
Mitten drin die Lily, ebenso genervt wie der Rest, und mit elektronischen Geräuscherzeugern in den Ohren. Hatte das Ding bis zum Anschlag aufgedreht, aber dieses nervenzerfetzende Gebrüll war lauter.

Ihr lieben Kindelein. Ihr könnt so froh sein, dass ich keine Lehrerin geworden bin. Irgendwas würde ich mir einfallen lassen, da bin ich mir sicher. Aber ob das mit irgendeiner nicht letalen Art Pädagogik zu tun gehabt hätte, wissen nur die Götter.

Jetzt mal in Echt: So ein Lärm ist extrem gesundheitsschädlich. Gibt es auf Kosten des Staates da eigentlich Ohrschützer für Lehrer? Oder wenigstens eine Peitsche, Indiana-Jones-Style?

Holla die Waldfee, was für ein Krach.

Dienstag, 20. Dezember 2011

Heiligste...


freie Tage.
Momentan lauf ich nur noch auf drei Zylindern. Obwohl ich Weihnachtsstress, wo immer das geht, vermeide, ist der letzte Urlaub lang her, und es wird Zeit, dass dieses Jahr zu Ende geht.
Derzeit „geht“ nur Routine, für alles andere ist nix übrig, und ich bin am laufenden Band krank. Nicht dauerhaft (abgesehen von den Nierchen vor einigen Tagen), sondern mal Migräne, mal Durchfall, mal einfach ein Krankheitsgefühl.
An jedem Wochenende nehm ich mir vor, jetzt aber bestimmt ein gemütliches Heim zu schaffen, aber frühestens Sonntag Abend ist dann genug Energie wieder da, um ein bisschen herumzuräumen- trotz Spülmaschine, Waschmaschine, Trockner.
Ich bin schon froh, dass ich momentan halbwegs die Sache mit dem Essen auf die Reihe kriege, und dass mich der Bus zu einer gewissen Regelmäßigkeit zwingt. Die Arbeit macht immer noch wirklich Freude, aber ist auch anstrengend und immer nur Spaß ist auch nicht der Brüller :-)

Dieser Zustand war früher Standard, das weiß ich noch. Natürlich minus Spaß an der Arbeit, und plus 300 Prozent schlechtes Gewissen, weil ich nie nie nie fertig wurde mit dem, was da so anstand.
Ich mag mir nicht mehr vorstellen, wie das war. Aber sicher ist, dass ich so verstrickt war in diesen Mechanismen, dass ich Erschöpfung nicht mehr wahrgenommen habe, sondern nur noch Schuld und Versagen, und den unbedingten Wunsch, zu fliehen und nichts und niemanden mehr zu sehen.
Auf diesem Hintergrund ist selbst das Fertig-Sein jetzt ein positives Gefühl:-)

Es war ein lehrreiches und in Summe gutes Jahr, aber trotzdem. Es reicht jetzt. Ich mag frei haben, bitte.

Euch allen ein frohes, erholsames und stressarmes Weihnachtsfest, macht es euch schön und gemütlich. Tankt auf, 2012 kommt früh genug und wird das seine von euch fordern. Überlegt euch gut, was ihr zu geben bereit seid, und verteidigt den Rest mit Zähnen und Klauen ;-)


Eure
Lily.

Montag, 12. Dezember 2011

Krisen


...krieg ich, wenn ich die Stimmen höre.



Nämlich die, die penetrant „The Woice of Germany“ sagen, mit watteweichem U im Anlaut- das ist so falsch, da rollen sich mir die Zehennägel auf. Würde ich derartige Sendungen anschauen, dann fiele diese, aus genau diesem Grund, durchs Raster.

Die andere Stimme sagt „Theeee Chemical Company“ (das ist BASF). Ich habs anders gelernt- der Artikel wird nicht mit einem „i“ am Ende ausgesprochen, sofern der folgende Begriff mit einem Konsonanten beginnt. Erleuchte mich, wer immer es besser weiß: Das ist doch ohrenschmerzenerzeugend falsch, oder?

Vielleicht hat diese Angewohnheit, mich von Ärgernissen in Werbespots vom Produkt selbst abzuschrecken, dazu geführt, dass ich keinen Alkohol trinken mag. Denn wenn ich eins als Jugendliche gehasst hab, dann war es diese ekelig-klebrige Stimme, die „Im Asbach Uralt ist der Geist des Weines“ meimelte.
Und das Geräusch, das in Bierwerbespots das Bier so fies ins Glas gluckern ließ.

Wah. Aber noch schlimmer ist der Herr SEITENbacher. Der, der wo immer die falschen Relativpronomina benutzt, und der in einem undurchdringlich dicken Dialekt seine unerträglichen Konzepte von gesunder Ernährung durchs Radio in meine Gehörgänge träufeln will. Der und sein Kumpel von Carglass bringen mich immer dazu, das Radio abzuschalten.

Die Zeiten sind vorbei, als Calgon-Man die Nation vor Lachen in den Schluckauf trieb- vielleicht liegts an der Tatsache, dass man kaum noch werbefreie Zeiten und Räume findet, ob im Netz, in der Zeitung oder im Radio, im Fernsehen oder Kino.
Vielleicht bin das aber nur ich, die das Alter (seufz) nicht etwa weise und milde stimmt, sondern kiebig und bissig macht.

Was nervt euch an Werbung, oder nervt sie gar nicht?

Ich bin froh, dass dieser/s Blog keine Einnahmen generieren muss. „Finanziert durch Produktplatzierung“ ist kein wirklich schöner Satz, den ich hier stehen haben will.

In diesem Sinne:

Schönen Montag!

DieLily



Donnerstag, 8. Dezember 2011

Das Haus...

in das ich täglich zur Arbeit gehe:


So siehts aus, wenn ich morgens um die Ecke komme...

...und das ist der Ausblick von meinem Fenster. Ein klein wenig geschummelt, weil ich ein Gebäude, das etwas vor den zu sehenden Häusern liegt, einfach unten hab weg fallen lassen Aber der Himmel stimmt so.
 Es ist schön hier- oder, wie die Kollegin sagt, Arbeit ist wie Urlaub ohne Sonnenbrand.

Liebe Grüße,
Lily

Was tun, wenn…?


Was tut ihr, wenn euer Metzger gehackten Frosch anbietet? Das Ordnungsamt Fischinnereien hat, und die Imbissstube Pommes sachlich?


Dann seid ihr nicht allein. Ihr seid auch nicht in einem Alptraum gefangen.
Sondern ihr braucht eine Brille, und mit der neuen lest ihr dann wieder… :

Gehacktes, frisch

Fischereischeine

und Pommes-Schaschlik.


Waaaaa.

Meint die Lily.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Ex omnibus, sowie „Zurück im Mutterhaus“


Heute Morgen stieg ein Wesen in den Bus, das kein Gesicht hatte. Jedenfalls kein sichtbares- es hingen Haare bis zum Halsansatz darüber.
Cool.
Angetan war das Wesen mit einem kurzärmeligen Hemd- und trotz der Temperaturen im Plusbereich schauderte der Rest der Passagiere kurz, allein schon aus kalendarischen Gründen.
Aber auch das: Bestimmt cool.
In der Hand trug das Wesen einen Stockschirm. Ordentlich und fest zusammen gerollt, mit einem Griff aus poliertem Holz.
So uncool.

Seitdem ich wieder im sogenannten Mutterhaus arbeite (ein Zustand, der seit dem Ende meiner Ausbildung vor inzwischen 23 Jahren nicht mehr zutraf) haben sich natürlich meine sozialen Kontakte mit der Arbeitsumgebung verändert. Allein schon, weil bisherige KollegInnen nicht mehr täglich um mich herum sind, aber dafür andere, neu kennenzulernende Menschen.
Absurd ist aber, dass ich laufend von Leuten angesprochen und betextet werde, die ich nicht wiedererkenne- aber sie mich offenbar. Es passiert beinahe täglich, dass ich Gespräche führe, und keine Ahnung habe, wer mein Gegenüber ist. Schön ist, dass sie alle sich erkundigen, wie es so geht und wie es mir im neuen Arbeitsbereich gefällt. Anschließend brauche ich aber immer einige Zeit, um meinen jeweiligen Verdachtsmomenten im internen Mitarbeiterverzeichnis nachzuspüren. Allein schon, weil ich doch wenigstens beim nächsten Mal ein fröhliches „Hallo Elfriede“ über den Gang schmettern will.

In diesem Sinne:

Schöne Schicht.

DieLily.

Mittwoch, 30. November 2011

Und pass auf dich auf…!



Das hört man öfter, und macht sich meist gar keine großen Gedanken darum- schließlich kann man das doch gar nicht nicht tun, oder? Dagegen steht doch wohl der Selbsterhaltungswille eines gesunden Ego, sollte man meinen?

Wie kommt es dann, dass so viele Menschen laufend Dinge tun, die nicht gut sind für sie? Vielleicht passen sie auf sich auf, wenn sie über die Straße gehen zu ihrem Auto, schauen, wie gehabt, nach links und rechts, bevor sie los gehen, aber bei den Sachen, die sie nach dem Einkaufen im Korb haben, kann einen schon der Verdacht beschleichen, dass viele Leute eben nicht auf sich aufpassen können.
Klar geht das jedem so, und ohne das ein oder andere Risiko lebt es sich entschieden langweiliger, finde ich- wie kommt es aber, dass manche Menschen so sehr von ihren Bedürfnissen und ihrem Überlebenswillen getrennt sind, dass sie sich wirklich und wahrhaftig nicht mehr aus dem Hochrisiko-Bereich befreien können?

Gestern Abend hab ich das gesehen, was gemeinhin als Volkes lustvolles Glotzen bezeichnet wird, als Voyeurs- TV oder wie auch immer. Eine von den Sendungen, bei denen man gern und vermutlich oft zu Recht den Sendern Zeigelust auf Kosten Betroffener unterstellt. Es ging um eine Frau, für deren Behausung das Wort „Messie- Wohnung“ unangemessen war. Das traf es wirklich nicht. Diese drei Zimmer waren eine Art Horror. Etwas über 50 m², angefüllt mit sechs (!) Tonnen (!!) Müll. Nicht einfach gesammeltem Kram, sondern Müll. Mitten drin schlief diese Frau auf einer mit Kippen und Abfällen übersäten Couch, im Arm das alte Kätzchen, das seit 18 Jahren ihr Leben teilte. Einen Rest Selbstachtung konnte man daran erkennen, dass sie ihre Kleidung im Keller in einem Extra-Schrank aufbewahrte, damit der Müllgestank nicht in die Klamotten zog. Natürlich gab es Schädlinge, und natürlich kackte die Katze nicht immer in die Kisten, die tatsächlich dort erreichbar standen, und auch nicht übermäßig verdreckt waren…

Einen einzigen Menschen hatte diese Frau, der sich noch nicht von ihr abgewendet hatte. Nämlich eine nicht mal halb so alte Frau aus dem Nachbarhaus, die aber auch nicht in diese Wohnung hinein durfte. Seit 7 Jahren hatte die Bewohnerin keinen Müll mehr entsorgt.

Wie kommt es zu so etwas? Die Frau ist nicht dumm, sie ist nicht faul- aber man könnte glauben, entsetzlich deprimiert und mental fast tot. Trotzdem wirkte sie im Lauf der Sendung ungeheuer lebendig, und sehr jung, fast wie ein Kind, das vollständig überwältigt ist von ihrem Leben und den Anforderungen, und genauso kindlich dankbar war sie für jedes kleine Fitzelchen Zuwendung und Unterstützung. Und sie hackte auf sich selbst rum. Herabsetzende Witzchen. Bissige, boshafte, schmerzhafte Bemerkungen.

Man merkte ihr nur deutlich an, dass sie keine Ahnung hatte, was überhaupt alles zu tun war… Wer schon mal depressiv war, kennt das, glaube ich. Wenn es einen richtig übel erwischt, kann die eigentliche depressive Episode ruhig schon vorbei sein. Aber selbst, wenn man es danach schafft, das, was täglich ansteht, zu bewältigen: Wie wird man den Berg los, der aus der Vergangenheit da liegt und einem auf der Seele brennt? Vielleicht hat das wirklich mal nur mit einer depressiven Phase begonnen- und als sie wieder „wach“ wurde, war da diese Masse, die sie einschloss und nicht wieder los ließ. Ich hatte auch den Verdacht, dass sie sehr viel Energie gebraucht hat, um nicht körperlich zu erkranken in diesem Müll. Vielleicht auch das Energie, die ihr im Alltag fehlte.

Die Frau vom Sender, die dann kam und sich kümmerte, nahm weder ein Blatt vor den Mund (aber einen Schutz vor die Nase- ich kann’s ihr nicht verdenken) noch verschlimmerte sie die Selbstvorwürfe der Frau.
Sie hat es gut gemacht, stand oft genug für eine Umarmung zur Verfügung (Respekt- die Wohnung muss furchtbar gestunken haben), ließ die Frau selbst aber nicht aus der Verantwortung, und war flexibel genug, um auch mal in ihren Zielsetzungen darauf einzugehen, wenn die Betroffene einfach überfordert war. Sie hat sie trotzdem nie spüren lassen, wenn sie Zweifel an ihrem Durchhaltevermögen gehabt haben sollte.
Während der gesamten Sendung war immer wieder ein Thema, dass das alte Katzi, welches mit der Frau in dieser Wohnung hauste, offenbar krank und nicht gut zurecht war. Und irgendwann hat die Aufräumfrau dann erreicht, dass das Tier zur Tierärztin kam. Natürlich war dann schnell klar, dass das Katzentier so krank war, dass man sie besser von ihrem Leid erlöste. Ich bin mir sicher, dass der Tod der Katze, wäre er ohne Tierarzt erfolgt, vermutlich auch für die Frau das Ende gewesen wäre. Denn sie hätte keinen Grund gehabt, morgens aufzustehen- nicht mal mehr den, Katzenfutter zu kaufen. Und ich glaube kaum, dass sie in der Lage gewesen wäre, sich von dem Körper der Katze zu befreien.

Die ganze Sendung, die natürlich gut ausging, hat mich so sehr mitgenommen, dass ich mich kaum lösen kann, wie man merkt. Ich hoffe wirklich, dass diese Frau es schafft, sich wieder neu in einer Wirklichkeit zurecht zu finden, die ohne Müll auskommt, und dass sie vielleicht Freunde findet, die ihr dabei helfen.
Sympathisch genug war sie auf jeden Fall. Und wenn auch meine Wohnung nur den Namen „Wohnung“ mit ihrer gemein hat, so kenn ich doch genug von Kraftlosigkeit und Verzweiflung um nachvollziehen zu können, dass so eine Sache einen wirklich, wirklich bösartig zerstörerischen Einfluss haben kann. Außerdem weiß ich, wie schwer es ist, sich Altlasten zuzuwenden. Die bringen immer jede Menge gut bekannter Selbstvorwürfe mit sich. Und sie trotzdem anzugehen ist das Schwierigste, was ich in meinem Leben getan habe.

Ich halte der Frau die Daumen, dass sie ihr Leben wieder für sich erobern kann. Und ich glaube, dass ich die Sendung nie wieder sehen möchte. 

Viel Glück nach Köln an dieser Stelle- 
wünscht die Lily.



Freitag, 25. November 2011

Kindheit (Teil 4324,5)




In letzter Zeit überfallen mich ungewohnt nostalgische Gefühle, wie man auch schon an dem Pösiealbumpost erkennen konnte. Diesmal geht’s um Musik- denn seit gestern plagt mich der gemeine Ohrwurm, in Gestalt des Fräreschacke.

Fräreschacke, Fräreschacke
Dommiwu? Dommiwu?
Sonni lematine, sonni lematine*
Dingding dong, dingding dong.

*„Lematine“ ist eine eng mit der Clementine verwandte Südfrucht, die vor allem in Kinderzimmern gern gegessen wurde, als ich noch klein war. Wenn sie besonders reif und saftvoll war, nannte man sie „Sonni lematine“, woraus man die Süße (schon rein von den Phonemen her) erahnen konnte.

Was vollkommen anderes spiegelt sich in dem Lied von der Kinderarbeit:

Schickt mich die Mutter die Hühner zu weiden
Nehm ich die Rute und treib sie hinaus
Dort wo das Korn steht auf sonniger Heiden
Scharren die Hühner und ich ruh mich aus

Doch, oh weh, jetzt sinds nur noch sieben
Wo ist denn das Achte geblieben
Nun darf ich nimmer nach Hause mich wagen
Nun darf ich nimmer nach Hause zurück.

Über den Graben da ist es entwichen
Läuft bis zur Wiese und läuft bis zum Teich
Da kommt der Fuchs aus dem Walde geschlichen
Packt sich das Huhn und verschlingt es sogleich

Vier Zeilen Text vergessen und dann geht’s weiter mit tätiger Reue:

Nun muss ich Körner zur Mühle hin tragen
Bring einen Sack voller Mehl dann nach Haus
Und zu der Mutter, da werde ich sagen
Koch eine süße Suppe daraus

Sind wir beide dann satt gegessen
Hat auch die Mutter das Hühnchen vergessen
Dann darf ich wieder nach Hause mich wagen
Dann darf ich wieder nach Hause zurück…

Das spricht für sich, finde ich. Kein Pardon mit dem Kind, dem das Huhn abhanden gekommen ist- aber im Unterschied zu damals wird keine heutige Mutter sich wegen eines verbummelten („Vom Fuchs gefressen!!“) Handys nur mit einem Burger ruhig stellen lassen. Da muss mindestens noch ein Shake dazu, und vielleicht zum Nachtisch ein Eis. Dann darf das Kind auch wieder seine Füße auf den Tisch legen.

Genug der Kritik des Hier und Jetzt.
Es ist Freitag, und das soll uns Belohnung genug sein  :-)

Einen schönen Start ins Wochenende

vonne Lily

Dienstag, 22. November 2011

Ein Mädchen wundermild



Aus der Zeit vor Facebook, in der man Freunde noch daran erkannte, dass man sie tatsächlich kannte, kennt die ein oder andere noch den Spruch von den Veilchen im Moose.
So wie sie sollte frau sein: Sittsam, bescheiden und rein, und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.
Derart teils krude Gereimtes („Hinter Rosen und Narzissen hat ein kleiner Hund geschissen!“) teils unverhohlen braun gefärbt Imperatives („Sei gut! Sei edel! Sei deutsch!“) hat man uns per Poesiealbum mit auf den Weg gegeben. Ein Wunder, dass so viele von uns denken können und überhaupt in der Lage sind, unfallfrei gleichzeitig zu atmen und zu laufen.
Ab und an kamen Goethe & Schiller zu Wort, ich kann mich auch an einen falsch zitierten Nietzsche (der war nämlich ein Kant) erinnern. Es gab ein Löschblatt im Album (ich hab werweißwie lange keines mehr gesehen- gibt’s die noch?), und ein Linienblatt, damit man auf dem weißen Papier nicht allzu schräg lag. Glanzbilder wurden eingeklebt, mit oder ohne Glitter, der damals noch Gold- bzw. Silberstaub hieß.
Unerschrockene malten die dem Sinnspruch gegenüber liegende Seite mit irgendwelchen Bildchen aus, und es war nicht selbstverständlich, dass jede Mitschülerin das Buch von jeder Anderen zum Eintrag überreicht bekommen hätte. Nein, denn das Album war eine Sache, mit der man Zu- und Abneigung kenntlich machte. Wer etwa einen Jungen da hinein schreiben ließ, der war schon ein bisschen seltsam. Andersherum kriegten Jungs, die so was ausgehändigt bekamen, meist auch Stielaugen, weil sie da plötzlich gezwungen waren, sauber zu schreiben, und zwar etwas, was sich inhaltlich von „Günter ist doof“ unterschied. Die Jungs, mit denen ich zur Schule ging, hießen noch Günter. Und Klaus, Thomas, Jürgen, Clemens, Matthias, Frank, Jörg, und so weiter.
Der erste Kevin, von dem wir hörten, war Kevin Keegan, und das war ein Fußballspieler von einer der britischen Inseln.
Da ich 1969 (kurz nach dem Aufkommen der ersten Brontosaurier) eingeschult worden bin und das erst ein Jahr später beherrschte Schreiben definitiv die zum Führen eines Poesiealbums bestimmte Kulturtechnik ist, muss der ganze gesellschaftliche und geistige Schrott, der sich da ansammelte, tatsächlich bis weit in die Siebziger hinein noch Allgemeingut gewesen sein. In Berlin und den anderen Uni-Städten diskutierte man den dialektischen Materialismus, die APO warf Steine, die RAF warf Bomben und bei uns schrieb man, mit der Zunge zwischen den Zähnen „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ und fügte ein verschämtes „Goethe“, sowie eine mehr oder minder geglückte Abschlussfloskel hinzu.
Das sah dann so aus, und damit verabschiede ich mich für heute

Dieses Sprüchlein, klein und fein, schrieb eure Freundin

Lily

Rein.

Donnerstag, 17. November 2011

Ich sammle...

neue Wörter.

1: Autsourcung
Ich habs laut vorlesen müssen, und dann musste ich immer noch lachen. Zu vermuten ist, dass die Erfinderin dieses Ausdrucks einen an der Waffel hat.

2: Wirklichkeitsberechnung
Gemeint war sowas wie Wirtschaftlichkeit, aber vielleicht auch Wirksamkeit? Keine  Ahnung, aber es macht sich gut in einer behördlichen Stellungnahme.
Diese Berechnung erinnert mich an meinen alten Video-Recorder: Der hatte eine Taste mit der Aufschrift "Reality Regenerator". Ich hab leider nie herausbekommen, was diese Taste konnte. An meienr Realität jedenfalls hat sich nie was geändert, wenn ich draufgedrückt habe.

Alles Liebe am Donnerstag,

Lily

Donnerstag, 10. November 2011

The benefit of public transportation- revisited.



Morgens in aller Herrgottsfrühe stehe ich mit ein paar anderen Schlaflosen an der Bushaltestelle und warte auf meine Verbindung um 6.26 Uhr.
Die Busfahrer sind noch relativ schweigsam, scheinen sich aber über ein „Guten Morgen“ zu freuen, also kriegen sie eins. Nach ein paar Wochen weiß man in etwa, wer an welcher Haltestelle zusteigt- um diese Uhrzeit ist der Fahrgast nur dann unterwegs, wenn er das wirklich muss.
Die junge Frau mit dem Kissen auf dem Kopf (mag sein, dass es kein Kissen ist, aber es sieht so aus. Vielleicht handelt es sich aber auch um einen Medizinball. Wer weiß das schon) steigt zwei Haltestellen nach mir ein und setzt sich stets mir gegenüber hin. Da die Höflichkeit verbietet, auf ihren seltsamen Kopfputz zu starren, bringt mich das jedes Mal in Verlegenheit. Die Lösung für dieses Dilemma ist, die Entspannung zu nutzen, die eine Busfahrt im Dunkeln bietet (sowie die Tatsache, dass noch keine Schüler an Bord sind) und so zu tun, als schliefe man noch, wenigstens oberflächlich. Ich schließe also die Augen, lasse die Gesichtsmuskeln erschlaffen und lehne den Kopf an die Scheibe.
Die Vibrationen des Dieselmotors und das Ruckeln beim Fahren über Unebenheiten schläfern tatsächlich ein bisschen ein. Ein wenig ist das so, als stecke man zur Gänze in so einem Massageanzug, der einen ordentlich durchschüttelt.
Im Bus ist es warm und dunkel, und wenn ich Glück habe, gibt es keine Ansage der nächsten Haltestelle, sondern nur eine Laufschrift über dem Durchgang zur Fahrerkabine.
Die Medizinballfrau hört Musik über ihr Handy, und obwohl reichlich Stoff ihre Ohren bedeckt, sind die Melodien als flaches Plärren für ihre Umgebung noch hörbar.
Warum setzt sie sich mir gegenüber hin?  Ich riskiere einen Blick, und finde mich, wie immer, fasziniert von dem Gewickel und Gewackel auf ihrem Schädel. Offenbar sind mehrere Schichten Stoff verarbeitet, was man an den unterschiedlichen Farben sehen kann, die in schmalen Streifen über der Stirn zu erkennen sind. Warum sie diesen unglaublichen Aufbau auch noch mit einem schwarzen Tuch mit silbernen Glitterschleifchen und –Streifchen geschmückt hat, bleibt ein Rätsel. Aber vielleicht möchte sie nur nicht frieren. Viele nicht sehr schmeichelhafte Bezeichnungen für dieses Kopfding fallen mir ein.
Ich erwische mich dabei, dass ich mich frage, wie lang man braucht, um morgens so einen Haufen Stoff um seinen Kopf zu wickeln, und welchen Teil von der Menge ihr Haar ausmacht. Vielleicht hat sie ja keines? Vielleicht versteckt sie tatsächlich ihr Kopfkissen in dem Aufbau, damit ihr kleiner Bruder es nicht dem Dackel gibt oder der Katze?
Der Rest von ihr ist unauffällig. Schwarze Jacke, schwarze Strümpfe, Ankle Boots, eine von diesen Taschen, die frau jetzt trägt, in denen man außer Handy und Portemonnaie noch einen Sextanten, ein Paar Duellpistolen und einen praktischen Rasenmäher verstauen kann.
Ihre Hände, ein wenig rundlich im Gegensatz zu ihrer sonstigen Erscheinung, halten die Tasche und das Musik spielende Handy. Die Fingernägel sind kurz und man kann noch Reste von Henna erkennen.
Die Hände sind die einer Achtjährigen.
Und auf einmal hab ich keine Lust mehr, über diesen Turban zu lästern.

Samstag, 5. November 2011

Das mit den Klammern funktioniert nicht...




Nichts anderes als ein paar spitze Klammern wären der Gloriosilität des heutigen Tages geschuldet, also kriegt er sie auch. (Anm. der Autorin: Spitze Klammern machen Text weg...) 
Jubilieret, triumphieret, denn es ist vollbracht- nach fast zwei Jahren bei mir ist mein Sohn gestern ausgezogen.
Als ich gestern nach einigen Stunden der Mithilfe komplett fertig und kaputt hier wieder aufgeschlagen bin, hätte ich gern ein kleines Tänzchen gewagt... zwei Sachen haben mich davon abgehalten. Das erste war oben zitierte Kaputtheit, das zweite die Tatsache, dass es keinen Platz gibt- denn meine Wohnung sieht aus wie die Lüneburger Heide nach dem Frühjahrsmanöver: Kein Ding steht mehr auf dem anderen. Bis auf den nun total sohnlosen Raum schräg gegenüber.

Paul der Kater zieht dort seine Kreise und singt seine Lieder von Einsamkeit und Hilflosigkeit sowie Desorientierung. Wenn man ihn ruft und ihn drauf aufmerksam macht, dass er weder allein noch ein Zweihundertgrammwelpe ohne Mama ist, sondern einer von Vieren, und zehn Kilo die nächste Schallmauer für sein breites Kreuz darstellen, dann kommt er angelaufen und ist ganz glücklich, dass man sich seiner erinnert. Er hört sich wirklich schrecklich an, da in dem leeren Raum... ich glaube aber, er genießt einfach das Echo.

Ich genieße bis dahin das Planen. Denn ich hatte ja nicht vor, den Status quo ante wieder herzustellen und in dem nun vakanten Raum erneut mein Bett aufzustellen. Das steht in dem kleinen, ehemaligen Arbeitszimmer ganz gut.

Nein, aus dem Raum wird das neue Wohnzimmer, dafür reichen nämlich die 14 Quadratmeter gut aus. Das große Zimmer wird ab sofort ein Arbeits-Mal-Näh-Trampolin-Raum. Mit Balkon, weil man den dafür braucht. Mein Schreibtisch wird hier stehen bleiben, auch wenn ich an dem weniger arbeite als vielmehr zocke, und ein ganzes Rudel Tische wird ihn ergänzen und demnächst Platz bieten für das Malen zum Beispiel.

Dass ich hier jedoch so halbwegs ruhig sitzen kann, liegt daran, dass ich dann doch zwei Tage Urlaub genommen habe, um die ganze Geschichte des Sohnauszugs ein bisschen begleiten zu können. Die Arbeit ist nämlich immer noch recht anstrengend, und dass ich die Wege dorthin mit dem Bus absolviere, verlängert die Abwesenheit etwas. Nicht viel, denn der Bus braucht genauso lange wie ich mit dem Auto gebraucht habe, aber etwas Wartezeit muss auch kalkuliert werden, sowie ein paar Meter Fußweg. Demzufolge bin ich nicht dazu gekommen, in den letzten Wochen mehr als unbedingt nötig in Hausarbeit zu investieren- zusammen mit dem Auszugchaos war das dann Anlass genug für zwei freie Tage.

Also, die Arbeit.
Die Arbeit ist komplett neu. Vor meinem Klinikaufenthalt war ich als Sachbearbeiterin bei einem Jugendamt beschäftigt (nicht an der Sozialarbeiterfront, sondern bei den Leuten, die den Eltern Geld dafür abnehmen, dass ihre Kinder in Einrichtungen und bei Pflegeeltern leben). Nach mehr als zwanzig Jahren hat mich da der Burnout erwischt- der und die Tatsache, dass Fallroutine, wie sie erforderlich war, absolut nicht mein Ding ist.
Der Einsatz nach der Klinik war zeitlich befristet, es ging um die Durchführung eines Projektes, bei dem von vornherein klar war, dass ich dort nicht bleibe. Als dann abzusehen war, dass die Arbeit sich ihrem Ende näherte, kam ich stellenmäßig wieder in die Verlosung, und hab dann das gezogen, was ich als Hauptgewinn bezeichnen würde. Zwischendurch hatte ich mich auf einen Job beworben, den ich dann nicht bekommen habe. Inzwischen glaube ich, dass das gut für mich war. Dieser andere Posten hätte mehr Einsatz an Wochenenden und an Abenden erfordert, als mein Freizeitbedürfnis wohl ausgehalten hätte. Ich wünsche der Kollegin dort ein herzhaftes „Ruhigen Dienst!“.
Nach den besagten Jahren an der Front der Fallarbeit hab ich also jetzt was vollkommen anderes. Es handelt sich um das, was man bei uns Querschnittsdienste oder auch zentrales Ressourcenmanagement nennt, im weitesten Sinne geht’s also um Hintergrunddienste in Bezug auf Organisation und so einen Kram. Das Fach Organisationslehre (damals noch mit dem Zusatz „und elektronisch gestützte Datenverarbeitung“) hab ich schon zu Zeiten meiner FH-Ausbildung gern gemacht, und mein Examen in dem Fach mit einer Eins geschrieben. Es ist verblüffend viel an Wissen hängen geblieben, trotzdem muss ich mich kräftig einlesen, aber es fällt mir leicht, weil es so angenehm ruhig ist dort. Die Kollegen sind alle eher still, so dass der übliche Hintergrundlärm aus den Büros nicht existiert. Dazu gibt es in unseren Büros so gut wie keine Kundenkontakte, die machen wir vor Ort, und anrufen tut uns auch keiner, denn man hat uns nicht sehr lieb. Zwei Jahrzehnte an der Bürgerschreckfront haben mich aber abgehärtet, und ich kann sehr gut damit leben, nicht jedermanns Lieblingstante vom Amt zu sein.
Derzeit herrscht eine Art Probeabschnitt. Wir schauen alle, ob wir miteinander auskommen- und wenn das so ist, dann bleib ich da. Ich erwische mich derzeit dabei, Ehrgeiz zu entwickeln, und meine Sache wirklich, wirklich gut machen zu wollen. Schau'n mer mal!


So. Jetzt muss ich mal an die Tagesplanung, damit hier alles seinen geregelten sozialistischen Gang gehen kann.

Liebe Grüße an euch alle, und ein schönes Wochenende
wünscht

DieLily