Dienstag, 26. Februar 2008

Don't tango with a monkey.

Heute ist nicht mein Tag…
Ich bin um halb sechs wach geworden, mit einem Anfall von Tropenfieber, oder doch Hitzewellen?, und konnte nicht mehr schlafen. Das passiert öfter in letzter Zeit. Vermutlich liegts an den langen und ausgedehnten Reisen in Malaria verseuchte Gegenden.
Jedenfalls bin ich aufgestanden und hab einen Eimer Kaffee gekocht, und den Blick in den Spiegel unverzüglich bereut- denn dort sah mich nicht eine attraktiv-ausgemergelte Gestalt an, sondern eine, die gestern Abend dem dunklen Weizenbier und den Salzstangen erlegen ist. Und heute entsprechend aufgequollen aus der Wäsche guckt, wie ein auf der Heizung vergessener Klumpen Hefeteig. Grrrr.
Der Eimer Kaffee hats nicht wirklich besser gemacht, sondern nur den metallischen Geschmack in so was wie Instant-Übelkeit verwandelt.
Dann hab ich mich über eine Kollegin geärgert.
Das mache ich aber nicht hier ab, sondern mit ihr.
Der Kaffee im Büro (Eimer No.2) schmeckte abscheulich.
Die 2 Paracetamol zum Frühstück waren schon besser.
Mein Büro ist dunkel und schlecht belüftet, aber so klein, dass ein geöffnetes Fenster zu sofortigem Auskühlen führt. Es gibt nur die Möglichkeit zu heiß oder zu kalt, nichts dazwischen.
Okay, okay, ich habe schlechte Laune.



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Dieses Textverarbeitungsprogramm ist aufdringlich. Ich mag es nicht, wenn Software wohlwollend entscheidet, dass ich eine Nummerierung brauche, oder eine Rahmenlinie, was auch immer das sein mag. Oder wenn ein Programm ungefragt Updates zieht. Oder wenn mein Google meint, Updates „erfordern ein Tätigwerden“. Das reicht, mein liebes Google, danke schön, du kannst jetzt gehen!
Dafür hab ich das Internet nicht erfunden, Leute! Es gibt schon viel zuviel Realität, die ein Tätigwerden erfordert.



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Die Salzstangen (bzw. deren Verstoffwechselung) und der Eimer Kaffee sowie der halbe Liter Tee, den ich soeben konsumiert habe, erfordern ein Tätigwerden im Raum mit der Nummer 00.
Bereits das dritte Mal, seit ich heute hier bin.



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Kann mir wer einen Sport-BH empfehlen, der mir weder eine wurstartige Quertheke verpasst, noch mir die Luft abschnürt, und der trotzdem seiner Aufgabe nachkommt, nämlich heben und halten? Und zwar an Ort und Stelle?
Und mir vielleicht eine Methode erläutern, wie ich die Tauglichkeit eines solchen orthopädischen Apparates teste, ohne mich zum Gespött des Verkaufspersonals zu machen?
Mein letzter Sport-BH ist von Tchibo, und hat den Keine-Wurst-Bitte-Ansatz nicht verstanden.
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Gut, ich bin gereizt- hat wer was dagegen? Hä?

Sonntag, 24. Februar 2008

Wake me up, when September ends

Good morning, Ladies and Gentleman,


back on stage again.

Die Einquartierung ist beendet, das Objekt der Sorge wieder in seinen eigenen Haushalt zurückgekehrt.

Es waren interessante 14 Tage.

Wer bis dato mitgelesen hat, kennt ein bisschen was von meiner Biografie, und weiß, dass ich relativ früh Mutter geworden bin.

Nee, Moment, das ist falsch- ich hab ein Kind bekommen. Das mit dem Mutter werden ist was vollkommen anderes.

Das krieje mer später.

Mein Sohn hat eine chronische Krankheit, nämlich Epilepsie.

In keiner wirklich schweren Ausprägung, aber er hat sie.

Auch in nicht schwerer Ausprägung schränkt ihn das ein. Bis vor einiger Zeit hat er zur Behandlung dieser Erkrankung ein Medikament bekommen, dass ihn weitgehend anfallsfrei ließ, wenn es auch gravierende Nebenwirkungen hatte. Auch die Erkrankung selbst fordert eine gewisse Compliance, die vor allen Dingen bei jungen Leuten erhebliche Schwierigkeiten bedeutet.

Neben den Medikamenten, deren Hauptfolgeerscheinung eine schwer zu überwindende Trägheit und Müdigkeit ist, sollte er ein geregeltes Leben führen, immer zur gleichen Zeit ins Bett gehen, pünktlich aufstehen, keinen Alkohol trinken, und Lichtreize meiden, wie zum Beispiel Stroboskoplampen in Discos, flackernde Monitore, den Flackereffekt von Bäumen neben der Straße bei tief stehender Sonne.

Echt prima, wenn man sowas verkündet bekommt, wenn man 16 ist.

Noch viel besser, wenn die eigene Mutter glaubt, man hätte das gefressen und gut ist.

Als erstes kriegte er damals einen 100-Hertz-Monitor, etwas später einen tft-Bildschirm, alles andere sollte sich sozusagen von selbst einrenken.

Von Zeit zu Zeit, in weiten Abständen, gab es einen Anfall, so ungefähr einmal in 2 Jahren. Nie in gefährlichen Zusammenhängen, also meist zu Hause, meist am Rechner (aufgrund von Übermüdung), denn er ist ein Sohn seiner Mutter, und in Bezug auf Computer steht „heavy user“ in seiner Bedienungsanleitung.

Meist stellte sich dann heraus, dass er nachgelassen hatte bei der Einnahme seiner Medikamente.

Es hätte mich stutzig machen müssen, und die einzige Entschuldigung für mich ist, dass ich das Wesen und die Auswirkungen chronischer Erkrankungen auch nicht so richtig begriffen hatte. Auch nicht, als sich herausstellte, dass mein Diabetes meinetwegen ab und zu aus dem Ruder läuft, denn wer denkt schon gern über eigene Anteile an unangenehmen Dingen nach.

Nun denn, im letzten halben Jahr ist die Anfallshäufigkeit gestiegen. Und trotz entsprechender Anregung von mir hat er offenbar keinen Doc besucht, weder seinen bisherigen hier vor Ort noch einen an seinem neuen Wohnort.

Auch die Folgeerscheinungen von Anfällen, wie Prellungen, Zungenbisse, schweren Muskelkater, stunden- bis tagelange Benommenheit haben ihn nicht dazu veranlasst.

Ich habs nicht für nötig befunden, einzugreifen- er ist erwachsen, nicht wahr?

Der letzte Anfall, vor 14 Tagen, hat dann nicht in seiner Wohnung stattgefunden, sondern auf offener Straße, und irgendjemand, ein anonymer Passant, dem ich sehr dankbar bin, hat den Notarzt gerufen, und er ist ins Krankenhaus gekommen.

Dort hat man nach 10 Jahren endlich wieder eine gründliche Diagnostik durchgeführt.

Und ihm ein anderes Präparat verordnet, das nach Angaben der Ärzte nicht mehr so müde und träge macht.

Was aber noch viel nötiger war als ein neues Medikament, war eine neue Einstellung bei mir.

Ich habe jahrelang eine Hands-off-Politik betrieben, aber mein Sohn ist kein Zootier, dessen wilden Charakter es zu erhalten gilt, sondern ein menschliches Wesen. Als solches braucht er Kontakte, und Austausch, und nicht nur Informationen.

Ich habe ihn mit nach Hause genommen, ursprünglich mit dem Vorsatz, ihn nicht eher wieder aus meinen Klauen zu lassen, bis er was gelernt hat.

Wie so oft, ist es umgekehrt gekommen, und ich hab was gelernt.

Dass wir nie miteinander geredet haben, zum Beispiel. Dass ich kaum was von ihm weiß, und dass er nichts von mir weiß. Dass wir jahrelang jeder in seiner Kemenate gehaust haben, und uns wie Schiffe im Vorüberfahren nur ab und an mal zugewinkt haben. Dass es Jahre her ist, dass ich ihn das letzte Mal habe lachen hören.

Meine Distanz zu ihm hat dazu geführt, dass er auch Distanz hat- zu sich selbst. Viel zu viel, und viel zu kritisch. Er hat die gleichen Probleme, die ich auch habe, und wen wundert das? In diesen 14 Tagen habe ich viel gelernt, viel in Frage gestellt, einige Antworten bekommen, und jemand Interessanten kennen gelernt. Endlich.


Vielen Dank an meinen Bruder, meine Schwester und meinen Ex-Mann, dafür, dass ihr da wart. Vielen Dank, Kate, für Rat und Unterstützung, Vielen Dank, Uschi.

Und an Frau Z. für das Mantra.


Talk about last chances...

Dienstag, 19. Februar 2008

Palimpalim

Eine ziemliche Müdigkeit macht sich derzeit breit; hervorgerufen durch die ein oder andere üble Entwicklung.
Daran liegt auch das ungewöhnlich lange Schweigen. Es handelt sich nicht um ein freiwilliges, selbst gewähltes oder in irgend einer Form der Befriedigung von Bummelgelüsten dienendes Schweigen. Ich bin auch nicht tot.

Nein.

Mein Sohn ist krank, und jedes bisschen Energie, das nicht direkt in die Mehrarbeit durch mehr Haushalt oder in Gespräche mit ihm oder in Fahrten für ihn investiert wird, geht dafür drauf, dass ich versuche, heraus zu kriegen,
a) wie ich das finde, und
b) was ich als nächstes tun soll und
c) welche Erfolgsaussichten das alles hat.

Er ist derzeit bei mir eingezogen. Das hat was mit Kontrolle und Sorge um sein Wohlergehen zu tun, führt aber auch dazu, dass ich nicht viel Gelegenheit habe, von zu Hause aus ins Netz zu kommen (oder überhaupt an den Computer, was das betrifft- der ist halb abgebaut und staubt in der Ecke vom Arbeitszimmer langsam zu).


Bis ich die Fragen a) bis c) geklärt habe, herrscht ein Schwebezustand, den ich weder mag noch gut ertragen kann.


Frühestens nächste Woche melde ich mich wieder, freue mich aber über Mails und Kommentare.


Bis dahin,
Lily

Samstag, 9. Februar 2008

Zimmer mit Aussicht

Irgendwann in diesem Monat hab ich Geburtstag, ich werde 45.

Fünfundvierzig. Oh mein Gott.

Das ist so unvorstellbar alt.

Wenn ich die reinen Daten mal vergesse, und nur auf das innere, gefühlte Alter schaue, dann wird mir klar: Ich bin zurückgeblieben, irgendwo unterwegs.

Das äußert sich nicht nur in gelegentlich aufblühenden Pickeln in meinem Gesicht, sondern auch darin, wie absurd mir das vorkommt. 45. Selbst bei positivster Prognose (auf die statistische Lebenserwartung bezogen) ist das definitiv das, was man „mittleres Alter“ nennt.

Müsste ich mich da nicht anders fühlen? Wenigstens – irgendwie? Bitte?

Eigentlich wird es Zeit für die Dauerwelle und einen Haarfarbwechsel hin zu klimakterischem Rot.

Zeit, nicht mehr im Coolibri zu blättern, sondern die Welt am Sonntag zu abonnieren. Die youtube-Sitzungen zugunsten einer Philharmonie-Dauerkarte aufzugeben.

Meinen Motorrad-Führerschein abzuheften und nach einem vernünftigen, abgasarmen 34-PS-Miniauto zu suchen, von wegen gestiegenem Umweltbewusstsein und so- und nicht wieder in einem übermotorisierten Golf geblitzt zu werden...

Ich sollte nicht mehr mit der Akzeptanz meines Diabetes’ kämpfen, sondern mich damit abfinden- das nächste, was kommen wird, ist der hohe Blutdruck in Verbindung mit hohen Cholesterinwerten.

Wassergymnastik statt Step-Aerobic (nicht dass ich sowas je gemacht hätte).

Sich abfinden mit einem Leben als Tante, und, so Gott will, als Oma.

Aber ich fühl mich nicht so- wenn ich draußen herumlaufe, dann mit Robbie Williams auf den Ohren (gut: Joe Cocker ist auch dabei). In einer Lautstärke, die bei 16jährigen Rentnerproteste hervorrufen würde, weil auch andere es hören können. Und die dröhnenden Bässe meiner Auto-Stereoanlage erfreuen mich immer wieder- ganz im Gegensatz zu den Leuten neben mir an der Ampel.

Andererseits weiß ich, dass ich das Aufziehbändchen an den OB nur noch mit Lesebrille finden kann- und es ist gut, dass ich eine Gleitsichtbrille trage. Sonst müsste ich erstmal die Lesebrille suchen. Zeit für die Wechseljahre? Oh ja.

Ich weiß immer noch, welches Motorrad ich mir am liebsten kaufen würde (eine Duc Monster), wenn ich das Geld dafür hätte, und ich weiß, dass ich wieder fahren werde. Sobald ich wieder bei Kasse bin. Ach ja, ich sollte langsam ein Aktiendepot mein eigen nennen, oder wenigstens ein paar Fonds-Anteile.

Meine Vorliebe für Bier sollte sich langsam Richtung Rotwein bewegen- oder? Soll ja so gesund sein.

Meist kann ich drüber grinsen. Denn Chaos gehört zu mir, wie man mir immer wieder sagt. Zumindest scheint es einen gewissen Unterhaltungswert für meine Umgebung zu haben- und was tut man nicht alles für seine Freunde.

Es sollte Schluss sein mit der reflexhaften Verweigerung sinnvoller Verhaltensweisen, dem absurden Theater, dem starken Entfremdungsgefühl bei Vorhaben, die meinem Kalender-Alter entsprechen.

Dann kommen wieder Dinge, wie gestern. Als ich meiner Aufgabe als ehrenamtlicher Parkplatzwächterin (jawoll, die mit der Kippe in der Hand) im Büro nachgekommen bin, sah ich das Auto einer besonders lieben Kollegin direkt vor dem Eingang parken- und leider, leider, ist das auch ein Notausgang. Und ich musste- MUSSTE!- ihr mailen, und ihr sagen, dass ich das Auto da weg stellen würde. Sorry, G.- mein innerer Sicherheitsbeauftragter ist Amok gelaufen.

Ich kann zum verbalen Mörder werden, wenn ich in Bezug auf Radar-Anlagen oder Politessen das Wort „Abzocke“ höre- niemand, niemand ist gezwungen, zu schnell zu fahren. (Wenn doch- und wenn mans dann noch beweisen kann, braucht man nicht zu zahlen.)

Keiner muss einen Cent zahlen, wenn er sich an die Regeln hält. Und wenn man erwischt wird- okay- wo ist das Problem? Dann wird gezahlt, und gut ist. Freie Fahrt für freie Bürger hin oder her: Auch wenn der Grund für eine Geschwindigkeitsbeschränkung oder ein Parkverbot erstmal nicht ersichtlich ist, und wenn ich der beste Autofahrer der Welt bin, viele von diesen Schildern haben ihren Sinn, ob ich ihn im Vorbeifahren erkennen kann oder nicht. Und ja, ich bin schon geblitzt worden, s.o., und ja, ich habe Parkknöllchen gekriegt. Und ich hatte keinen Spaß beim Zahlen, habe mich aber über mich selbst geärgert. Weil ich so blöd war.

Bei Diskussionen über sowas komm ich mir trotzdem uralt vor- wer wird denn so sklavisch konservativ sein, und sich an Regeln halten? Nun ja, ich offenbar.

Auch regt mich dieses schlechte Deutsch auf: Abzocke. Privatsender-Niveau, und ich meine nicht ARTE. Ebenso „Sextäter“, oder „Asylant“. Das ist eingefärbt, Meinungsmache im ganz kleinen, aber sehr wirkungsvollen Rahmen. Dahinter steckt die gleiche Intention wie hinter „Freistellung“ für Massenentlassung, „Entsorgung“ oder „Kollateralschaden“. Aufgrund der unterschiedlichen Quellen, der halb- oder gar nicht offiziellen Benutzung dieser Worte fällt es nicht so auf, dass diese Art Worte Meinung färben und somit Freiheit einschränken, die Freiheit der Wahrnehmung nämlich. Sie tun es aber trotzdem.

Arrgh. Lasst nicht zu, dass das hier mit mir durchgeht.

Wenn ich lese, wie dogmatisch ich auf diesem Sektor sein kann, komm ich mir unendlich vergreist vor. Unflexibel. Erbarmungslos streitsüchtig. Kaum fähig, mich zu zügeln.

Wo soll das noch hinführen? Wird das schlimmer, wenn man älter wird?

Wahrscheinlich.

Und es wird kommen der Tag, an dem meine Umwelt darum bittet, dass man mich bitte, bitte, erschlagen möge.

Vermutlich muss ich ihnen dann Recht geben.


Freitag, 8. Februar 2008

Sterne und Kreuze

Der Himmel ist so blau, dass es in den Augen schmerzt, und die Temperatur erreicht Frühlingsniveau.
Es hält mich wirklich nichts in diesem Büro, und da es Zeit für die Mittagspause ist, beschließe ich, ein paar Meter zu laufen.
In der Nähe meines Büros ist ein alter Friedhof. Friedhöfe in dieser Stadt sind mir vertraut seit Kinderzeiten- da habe ich, zusammen mit einer Freundin, mit vom Komposthaufen geklauten Blumen, die „noch gut“ waren, vergessene Einzelgräber von Kindern geschmückt. Für Kinder gab es ein extra Grabfeld, kurz nach dem Eingang des Friedhofs. Wir zwei fanden den Gedanken daran, dass da Kinder in unserem Alter lagen, an die sich niemand mehr erinnerte, sehr schrecklich.
Einige Zeit, nachdem wir damit begonnen haben, wurde das Feld dann eingeebnet.

Uns war damals nicht wirklich klar, wie lang die Kinder dort schon tot waren, oder dass viele von ihnen, wenn sie nicht schon im Kindesalter gestorben wären, unsere Großeltern hätten sein können- die Ruhefristen betrugen in den sechziger Jahren noch 50 Jahre.

Der Friedhof, auf dem ich heute Mittag eine Stunde herumgelaufen bin, ist wirklich ein alter Friedhof. Er ist –sowohl von den Steinbildnissen her als auch von der Anlage- ein Überbleibsel aus vergangenen Jahrhunderten, und noch dazu mitten in der Stadt gelegen. Wenn man ihn nicht kennt, wird man ihn trotzdem nicht einfach so finden, denn von der Straße aus gesehen tarnt er sich als Park.
Der Hauptweg verbindet zwei Straßen, die sonst nur über Umwege miteinander verbunden sind, und ist deshalb eine willkommene Abkürzung zwischen einem Wohngebiet und einem großen Aldi-Markt.
An diesem Hauptweg liegen einige Gräber mit hier bekannten Namen, sie scheinen ein bisschen abgenutzt zu sein von den achtlosen Blicken der Abkürzer, die mit Einkaufstaschen oder Kinderwagen beladen daran vorbei laufen. Ein Bauwagen verspricht Mittagspause für die Arbeiter, die die Kieswege harken.
Wie auf vielen Friedhöfen sind auch hier die Gräber und Grüfte unter alten und mächtigen Bäumen angelegt, Immergrün streitet sich mit laubwechselnden Pflanzen, und viele Gräber sind kaum noch zu sehen unter Nest-Eiben und anderen, sich am Boden ausbreitenden Gehölzen. Manche Grabsteine stehen halb in der Erde versunken zwischen zwei eng nebeneinander hochgeschossenen Buchen- die Steine sind aufgestellt worden, als an diese Bäume noch niemand dachte.
Es gibt Grabdenkmäler, die stolz auf einem Giebel über dem Feld mit den Vornamen eine Überschrift tragen: Ruhestätte der Familie X – unterhalb des Giebels ist dann oft eine Pietà, oder ein gekreuzigter Christus in einer Nische dargestellt, unbeeinflusst von dem, was war.
Denn die Verstorbenen sind lange tot, sehr lange, und der Grabstein, eher ein Epitaph, wurde in Stein gehauen für die Ewigkeit.
Manche Inschrift dokumentiert, dass der letzte dort beerdigte Mensch starb, lange bevor ich geboren bin. Und trotzdem kennt man viele Namen- es sind wohl große und weit verzweigte Familien, deren Nachfahren immer noch in dieser Stadt leben, und immer noch Ärzte, Priester, Anwälte sind, oder die ein Familienhandwerk weiter betreiben. Viele Namen tauchen auf mehreren Grabstätten auf, und man kann erkennen, wie die Sippen zusammenwuchsen, untereinander heirateten und ihre Eltern, Großeltern, Ehepartner oder Kinder dann gemeinsam unter die alten Bäume legten.

Auf einigen Grabsteinen sind nur Sterbedaten aus den Zeiten bis Mitte der vierziger oder fünfziger Jahre- ich habe mich gefragt, wer sie beerdigt hat, wo doch offenbar niemand mehr dort hinzu kam seit über fünfzig Jahren. Sind die Familien weg gezogen? Haben sie auf anderen Friedhöfen neue Gruften erworben, weil niemand mehr dazu gelegt werden durfte?
Das sind Gräber, auf deren Steinen oft zehn oder zwölf Namen Platz gefunden haben, und Tode aus zwei Jahrhunderten dokumentieren.
Aus den dreißiger und vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts existiert eine viel vertretene Art der Steine: Wie kleine Türmchen, meist aus einem Material, das heute aussieht wie Gips (aber bestimmt mal Marmor war), mit einer Tafel aus poliertem schwarzem Stein, auf dem früher goldene Buchstaben verkündeten, wer dort liegt- sie sind vielleicht einen Meter dreißig hoch, und sie finden sich überall auf dem Gelände.
Und trotz aller aufkommenden Erinnerungen an die Zeiten zwischen 1933 und 1945- auf keinem Grabstein, keiner Gedenktafel stehen die bösen Worte „in stolzer Trauer“. Ich glaube, dass keine Mutter und kein Vater diese Worte in Stein gemeißelt sehen wollte.

Die Soldaten, derer hier gedacht wird, liegen oft nicht bei ihren Familien, sondern es wird erwähnt, dass sie gefallen sind, und am Ort ihres Todes beerdigt. Manche Tafeln tragen die Aufschrift: Vermisst.
Wie viel Hoffnung muss gestorben sein, bis man einem Friedhof eine Steintafel mit diesem Text anvertraut?

Trotzdem der Friedhof zwischen zwei Hauptstraßen liegt, ist es sehr ruhig hier, sieht man einmal von den Passanten auf dem Hauptweg ab. Ich schaue mir die Inschriften an, die Gräber der Priester an der innenstädtischen Hauptkirche, geboren, gelebt und gestorben über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrhunderten, und entdecke einen ganz kleinen, schiefen Block aus grün bealgtem, porösem Stein, zwischen dessen angeschlagenen, verschnörkelten Rändern noch schwache Zahlen und Buchstaben zu erkennen sind.
Und die zwei Zeichen, die auf beinahe keinem Stein hier fehlen: Der Stern. Und das Kreuz, die die Eckpunkte eines Menschen anzeigen: Geburt und Tod.

Dazwischen: Möglichkeiten. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Donnerstag, 7. Februar 2008

Update

Der Mensch an der Reklamationstheke des Discounters, der mir den Drucker verkauft hat, hat eindeutig ein Problem mit Metaphern.
Ich hab ihn angerufen, um das Druckerproblem zu schildern, und er trug mir auf, mitsamt Drucker und Kartusche in den Laden zu kommen- er würde dann mal schauen, ob alles richtig zusammengesetzt sei, und wenn das so wäre und er immer noch nicht drucke, müsse er das Gerät einschicken.

Bei dem Gedanken daran, dass die magischen Hände eines Reklamationsthekenmitarbeiters das Problem beheben könnten, ist mir als erstes schon die Galle hochgekommen. Das mag an dem „Belaste dein hübsches Köpfchen nicht mit so einem Technik-Kram“-Tonfall gelegen haben- aber im Ernst: Ich halte mich nicht für zu blöd, einer bebilderten Anleitung in ca. Din A 1-Format folgen zu können. In dem Ding sind fünf verschiedene Tintenbehälter. Davon sind vier schmal, einer ist ungefähr doppelt so breit wie die anderen. Es sind fünf Einschubplätze vorhanden: Vier schmal, und einer… RICHTIG!
Schmal und breit voneinander zu unterscheiden hab ich bei aufmerksamem Betrachten der Sesamstraße schon mit fünf Jahren gelernt. Und das Alfabet auch. Und ich kann auch schon eine Vier malen.

Auf dem Weg vom Galle-Hochkommen bis zum vollendeten Kotzen kam ich noch ein Stück voran, als er sagte, er müsse das Gerät einschicken.
Einschicken.
Jawoll.

Weil ich genau wusste, was kommt, und weil ich wollte, dass er sich genau so angepisst fühlt wie ich, hab ich ihn dann gefragt, was ich denn in der Zwischenzeit ohne den Drucker machen soll.
Wohlgemerkt, nachdem ich ihm verraten hatte, dass ich in den letzten drei oder vier Wochen ganze 10 Blätter gedruckt habe.

Woraufhin dieses Kind der Sonne, das sich wahrscheinlich nichts mehr wünscht als Weltfrieden, meinte (und bitte, denkt an die gestellte Frage!)

„Bei einem Leihwagen müssen Sie den Sprit auch selbst zahlen“.

Weil ich ein schlaues Mädchen bin, hab ich gewusst, dass er mindestens zwei, eher drei logische Schritte verpasst hat auf dem Weg von meiner Frage zu seiner Antwort.
Nämlich:
Erstens: Wir haben keine Leihdrucker.
Zweitens: Sie haben ein Problem mit dem Drucker, das vermutlich mit dem Kauf einer neuen Tintenkartusche behoben werden kann, denn es handelt sich wahrscheinlich um eine schlicht defekte Kartusche.
Drittens: Wenn Sie sich durch die Reklamation den Kauf einer neuen Kartusche sparen wollen, nutzt Ihnen ein Leihdrucker wenig: Denn dafür müssten Sie die Tinte auch erst kaufen, die wäre keinesfalls mit inbegriffen.

Und weil ich nicht nur ein schlaues Mädchen bin, sondern auch ein richtiges Arschloch sein kann, hab ich ihm gesagt, dass ich niemals ein Auto einschicken würde, nur weil der Sprit schlecht ist, und dass auch kein Autohersteller sich auf so einen Unfug einlassen würde.
An dieser Stelle warf er mit deutlich dünnem Stimmchen ein, ich würde ihn nicht verstehen.

Das hab ich ihm nicht durchgehen lassen, sondern ihm gesagt, dass ich ihn leider sehr gut verstünde. Und dass ich unter Service verstehen würde, wenn man vor Ort mit einer Neukartusche testet, ob es sich um einen Drucker- oder um einen Chip-Fehler in der Kartusche handelt. Hersteller hin oder her, man hat als Einzelhandel auch noch eine Verpflichtung, wenn man seine Kunden behalten will.
Reflexartiges Einschicken hingegen würde ich nur von bildungsfernen Telefonanfängern erwarten.
Dann hab ich aufgelegt.
Zu meiner Verteidigung kann ich lediglich anführen, dass der Mensch, der zuerst in dem Laden ans Telefon ging, mich zwar mit einem ausführlichen Spruch à la „Firma Ihr-Elektro-Himmel“, Pförtnerengel am Telefon, göttliche Grüße, was kann ich für Sie tun?“ begrüßte, mich aber nicht einmal den ersten Satz zu Ende machen ließ, sondern schon nach „Ich habe da ein Problem…“ mir mit „Ich verbinde mit dem Service“ ins Wort fiel.

Das ist unhöflich und ärgert mich.

Sehr unhöflich, und daran ändert auch der Wortschwall am Anfang des Gesprächs rein gar nichts.

Bei dem Typ hat sich somit der „Service“- Mensch zu bedanken für meine gereizte Grundstimmung.

Mittags hab ich dann einfach eine neue Kartusche erstanden- mit der geht’s denn auch problemlos.
Und wenn ich den Drucker demnächst mal eine Zeitlang nicht brauche, und mal wieder wen ärgern will, schicke ich ihn ein. Mitsamt der alten Kartusche, die ganz offenbar einfach kaputt ist. Schließlich habe ich noch ca. 22 Monate Garantie darauf

Montag, 4. Februar 2008

Brothers in Arms...

Eigentlich wollte ich hier ein paar unvergessliche und wahrhaft bewegende Worte schreiben, über Musik und über Lyrik, und so.

Zu dem Zweck hatte ich eigentlich vor, mir ein paar Texte runterzuladen und auszudrucken, damit ich sie vor der Nase habe.

Eigens mit dem Ziel des Druckens hatte ich mir vor einigen Wochen einen neuen Drucker gekauft.

Welchselbiger von Beginn an bei der schwarzen Pigmentkartusche (die für Textdruck) ab und zu maulte, sie sei leer- was erstens nicht sein kann, da er noch keine 10 Seiten gedruckt hat, das elektronische Miststück, und zweitens sie hörbar gefüllt ist. Es sind Originalkartuschen, sämtlich. Sie waren im Lieferumfang enthalten. Sicherheitshalber habe ich noch einmal die Nummern kontrolliert, die sind auch richtig. Man kann sie auch nicht an der falschen Stelle einsetzen- sie ist doppelt so breit wie die anderen vier, und daher passt sie nirgendwo anders hin.

Jedenfalls ließ sich zu Beginn der Drucker mit einem schlichten Aus- und wieder Einschalten zu reibungsloser Kooperation bewegen. Beim zweiten Versuch gings dann ohne Probleme, der dritte Drucktermin (immer nur wenig- ein Blatt oder so) verlangte dann schon nach zwei Startversuchen.

Samstag ließ mich der Steuererklärungsausdruckversuch schon zartrosa anlaufen, heute bin ich lila im Gesicht.

Nicht weil irgendein Unfall mit Tinte geschehen ist, sondern weil.Dieses.Scheißteil.Nicht.Läuft.

Immer mit der gleichen Fehlermeldung: Schwarze Kartusche leer. Was sie nicht ist, s.o.

Dieses Druckerschwein ist so arrogant, dass nicht mal eine Düsenreinigung funktioniert, solang die Fehleranzeige blinkt.

Ich habs hundertmal ein- und ausgeschaltet- no siree, keine Chance.

Bevor ich mich morgen mittag in der Schlange an der Kundenabwehrtheke beim Elektro-Discounter meines ausgeprägten Missmutes entledige, gehe ich jetzt Fernsehen. Nachdem der Fernseher gestern beschloss, dass er ein frühkindliches Trauma mit komplettem Tonausfall kompensieren wollte, hat er es sich zu seinem Glück anders überlegt, und spricht wieder mit mir. Und zu den schwarz-weißen Bildern der Feuerzangenbowle, die heut abend auf NDR meiner harrt, werd ich mir den Rest des vorhandenen Alkohols reinziehen.


Sonntag, 3. Februar 2008

Das Scarlett-O'Hara-Prinzip





könnte von mir sein: Morgen ist auch noch ein Tag!

Das dumme ist, dass es immer ein Morgen gibt, wohin man was verschieben kann.

(Außer in manchen Hollywood-Filmen des Endzeit-Genres. Aber die schau ich mir nicht an)

Wenn ich einfach nur faul wäre, oder sorglos-gleichgültig, wäre das bis hierhin kein Problem. Alles eine Sache der Ansprüche an sich selbst, soweit.

Aber leider bin ich das nicht. Im Gegenteil: Die Dinge sollten, mindestens, perfekt sein- sofern ich für ihre Erledigung verantwortlich bin.

Und 'perfekt' fängt am Anfang an. Aufschieben ist nicht perfekt, fängt aber auch mit dem Anfang an.

So, da haben wir also eine Verpflichtung, oder auch nur etwas, das sinnvoll wäre, zu tun. Beispielweise eine Steuererklärung zu machen.


Es ist der erste Januar, ich bin wie immer knapp bei Kasse. Und da liegt nichts näher, als besagte Erklärung möglichst schnell auf ihren Weg durch die dunklen Korridore der Finanzverwaltung zu schicken. Oder?

Es ist der zweite Januar, und es ist immer noch keine Lohnsteuerbescheinigung von der Lohnbuchhaltung im Postfach.

Die könnten sich mal beeilen, schließlich braucht man die Kohle.

Dritter Januar, Postfach leer.

Vierter, fünfter, sechster Januar: Nix.

Siebter Januar. Der innere Sprachzensor erlaubt das Wort „Schlampen“.

Zehnter bis 15. Januar: Keine Bescheinigung im Radar zu entdecken.

Zwanzigster Januar. Für das Mittagessen sind Pellkartoffeln mit Quark geplant, wegen leerer Kassen und so.

Und die Bescheinigung liegt im Postfach.

Super.

Ab nach Hause, Vordrucke aus dem Netz holen, mit dem Drucker kämpfen (das ist eine andere Geschichte...), Formulare ausfüllen, feststellen, dass Bescheinigungen (anderer Art, die ich nur selbst beschaffen kann) noch fehlen.

Mist.

Es ist 18 Uhr, die Belege krieg ich heute nicht mehr.

Gut, also morgen.

Der Morgen naht, und mit ihm -das Vergessen.

Es ist viel zu tun, und das Beschaffen von Belegen gehört nicht dazu, drängt sich auch nicht ins Bewusstsein, ist ganz einfach von der To-Do-List verschwunden und taucht auch nicht wieder auf.

Bis abends, wenn ich im Bett liege.

Da wird es dann im Gedächtnis hin und her geschoben, bis es einen soliden Platz ergattert hat, von dem es sich -bitteschön!- morgen wieder melden soll.

Was es nicht tut.

Das geht dann einige Zeit so- und wenn nicht zufällig irgendwo jemand im Büro Steuererklärungen erwähnt, wird der Tag kommen, an dem auch die abendliche Einschlafphase nicht mehr von Erinnerungen daran gestört wird.

Und dann ist es vergessen.

Irgendwann, wenn die ersten Kollegen erwähnen, dass sie sich von ihrer Erstattung ein Porsche-Cabrio gekauft haben, fällts mir wieder ein. Mit einem Schuldgefühl vermischt, und mit dem dringenden Bedürfnis, ein eigenes Porsche-Cabrio zu kaufen.

Bis dahin hab ich leider vergessen, was genau noch fehlte, um die Erklärung beim letzten Mal fertig zu kriegen, und ich habe vergessen, wo ich den Kram abgelegt habe.

Beim Suchen in den Papieren (ja, ich habe einen Büro-Job, und ja, ich kann zu Hause ums Verrecken keine ordentliche Ablage machen) fallen mir allerlei andere Dinge in die Hand, die mich an andere, ebenso mit Schuldgefühlen verbundene Erledigungen erinnern. (Diese Rechnung- da wollte ich doch noch gegen angehen- jetzt ist es zu spät, jetzt ist sie fällig. Wird schon stimmen. Bezahl sie mal lieber.)

Wenn ich Glück habe, verliere ich das, was ich tun wollte, nicht total aus den Augen.

Ach ja, die Belege mussten noch beschafft werden. Grrr. Am besten schreibt man sich das mal auf einen Zettel...

Den kann man dann liegen lassen.

Irgendwann dann, wenn die Kohle wieder mal ultra-knapp ist, wird’s vielleicht was.

Bis dahin ist die Sache mit Schuldgefühlen besetzt, ist mir peinlich (Alle. Anderen. Können. Es. Doch. Auch.) und kann auch übel enden- wenn es sich nicht um sowas wie eine Steuererklärung handelt, sondern vielleicht um einen Fristablauf, um das Bezahlen einer Rechnung oder sonst eine Verpflichtung. Allen diesen Dingen ist gemein, dass, wenn einmal das schlechte Gewissen zuschlägt, die Sache nur noch mit erheblichem Druck in Angriff genommen werden kann.

Wie gesagt, einfache Faulheit oder Gleichgültigkeit ist es nicht- sonst würde es ja nicht mit derart negativen Gefühlen besetzt sein.

Es ist eher ein „Ganz-oder-gar-nicht“.

Die bescheidene, Fehler und Schwächen in Kauf nehmende Erledigung auf Normalo-Weise ist mein Ding einfach nicht.

Wenn ich’s gut mache, ist das maximal okay, wenn nicht, gibt’s eins auf die Omme.

Klar, man soll sich loben und so.

Aber sicher. Für das Abheften einer Stromrechnung. Loben.

Auf jeden Fall.

Bin ich denn blöd??

Für sowas Selbstverständliches, Einfaches, Erwachsenes Jemanden loben?

Sorry, ich find das nicht besonders überzeugend. Leider habe ich andere Ansprüche an mich, und die scheinen auch nicht mit Loben-für-pieseliges-Kleinzeug zufrieden zu sein.

Diese ganze Sich-Selbst-Loben-Geschichte ist gefährlich- erstens, wie schon gesagt, erwacht da schnell der kritische Blick, der sagt, dass man sich für sowas nicht loben sollte, denn das ist einfach zu albern, und Selbstverarschen ist auch eine Form, sich schlecht zu behandeln. Man nimmt sich auf diese Weise einfach nicht ernst. Denn unmittelbar nach der Lob-Attacke war sie da, die Frage, die sich zwangsläufig, gerade bei den kleinen Alltagssachen, stellt: Warum nicht gleich so???

Eine berechtigte Frage. Aber leider wieder selbstkritisch, und ein Einfallstor für jenes Neurotikerhobby: Grübeln und sich schlecht Behandeln.


Also was tun? Mein bisschen gesunder Menschenverstand hat mir schon gesagt, dass man erstens nicht alles sofort, zweitens nicht alles perfekt und drittens auch nicht immer mit Lust und Spaß erledigen kann.

(Das hilft nicht unbedingt. Aber es ist ein Anfang.)

Weiteres Nachdenken, unterstützt von der Besten Therapeutin Aller Zeiten, hat dann (allerdings in Bezug auf eine andere Sache) zum Vorschein gebracht, dass es Dinge gibt, mit denen ich mich wohl fühle. Einfach so. Wohl fühlen. Herrje.

Nach der letzten Stunde hab ich die Hausaufgabe bekommen, mich bei Dingen, die ich tu, zu fragen, ob ich mich dabei wohl fühle.

Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Denn das bedeutet, dass man den Maßstab verändert, mit dem man Dinge bewertet. Das bedeutet, sich selbst als Richter über das einzusetzen, was man tut. Wobei Wohlfühlen als solches ein Ausschalten der kritischen Instanzen beinhaltet, in dem es den Maßstab „Das, was alle (besser als ich) können und (besser als ich) tun“ durch „Das, was ich gern habe und genieße“ ersetzt.

Für meine nicht neurotischen Leser wird das Gähnen an dieser Stelle durch komatösen Tiefschlaf ersetzt, da bin ich mir sicher. Für mich ist es spannend.

Es fühlt sich vollkommen anders an, als sich zu loben für Selbstverständlichkeiten.

Ich bin in den letzten 14 Tagen schon stundenlang durch den Wald gelaufen, und habe festgestellt, dass ich mich dabei wohl fühle. Dass es schön ist, draußen zu sein, auch bei Regen (oder gerade bei Regen- ich mag es, wenn’s regnet.).

Ich laufe gerne draußen herum, zweckfrei und um es zu genießen.

Ich hasse es, draußen zu sein und herumzulaufen, weil irgendwer sagt, ich bräuchte Bewegung.

Wenn ich nicht losziehe, Samstag oder Sonntag oder an beiden Tagen, muss ich nicht gleich fürchten, dass mich der Mut verlässt und ich nie wieder von der Couch hoch komme. Die Furcht (bzw. die im Selbstlob für Banalitäten versteckte Kritik) war immer da, wenn ich mich für einen Spaziergang „gelobt“ habe- und sobald ich keine Lust hatte, aufzustehen, mich anzuziehen und loszulaufen, war das das Ende aller Bemühungen, jedenfalls so lange, bis ich mich genug unter Druck gesetzt hatte, um wieder von vorn anzufangen.

Ich stelle fest, dass ich mich wohler fühle, wenn ich mit halb leerem Magen zu Bett gehe, als vollständig satt zu sein. Deshalb esse ich abends weniger, und andere Sachen. Nicht, weil irgendwer meint, dass das gesünder sei. Das mag auch sein, aber das ist nicht wichtig.

Ich hab auch bemerkt, dass es in Bezug auf den Diabetes einen Unterschied macht. Natürlich fühlt man sich weder mit einem BZ von 300 noch mit einem von 50 körperlich wohl. Im ersten Fall ist man träge, kaputt und schläfrig, sowie ganz außerordentlich durstig, so dass Wohlfühlen einfach nicht drin ist, und im zweiten Fall könnte man das Adrenalin blubbern hören, wenn das Herzrasen nicht so laut wäre. Nicht so doll, und noch grässlicher als die hohen Werte.

Aber es ist was anderes, ob ich mich um eine ausgewogene Einstellung bemühe, weil ich glaube, dass der Doc sonst moppert, oder ob ich einfach von diesen Schwankungen soweit wie möglich nicht mehr behelligt werden will, weil sie sich so scheiße anfühlen.

Der letzte dreihunderter Zucker ist jetzt gute 14 Tage her. Leider nicht der letzte Unterzucker, das liegt aber daran, dass ich fünf Kilo abgenommen habe, und sich der Insulinbedarf dann ändert. Aber ich arbeite dran.

Und gestern hab ich meine Steuern erklärt.

Außerdem hab ich mit dem Drucker gekämpft, aber das ist eine andere Geschichte, und sie soll ein anderes Mal erzählt werden.


Donnerstag, 31. Januar 2008

Lost in space and lost in time.

Vor ein paar Minuten habe ich in meinem Schreibtisch etwas gefunden… ein angefangenes Stück Scoobi-doo. Oder so. Also diese bunten Plastik-Spagetti, die vor drei oder vier oder sieben Jahren mal furchtbar aktuell waren, und aus denen man allerlei überflüssiges Zeug basteln konnte.
Schlüsselanhänger aus diesem Material sind immer noch an dem ein oder anderen Bund befestigt.
Ich weiß noch, dass ich dieses Geschnüre und Geschlinge im Schlaf und mit auf den Rücken gebundenen Händen beherrscht habe.

So eine Art Makramee, nur öko-feindlicher.
Direkte Vorgänger waren Freundschaftsbändchen, die Nachfolger vermutlich Indianerperlen-Basteleien.
Die flüssige Variante nannte man Window-Colours.
Ich habe in insgesamt 3 Wohnungen versucht, die von kreischflitterbunten Symbolen verfärbten Fliesen wieder sauberzukriegen, Hinterlassenschaften von Vormietern mit wenig Geduld beim Abkratzen und noch viel weniger Geschmack. Man stelle sich das vor: Ein schweinerosa gekacheltes Bad, der Boden dunkelgrün-braun-schlierig gefliest, und dazu dunkelviolette Schmetterlinge, mit Glitter. An der Wand, in der Wanne, überall.
In der Wohnung davor pappte das Zeug am Fliesenspiegel in der Küche, und in meiner jetzigen an den Fenstern in Küche, Arbeitszimmer und an der Balkontür. Es scheint, dass die Dinger, direkt und ohne Folie angebracht, eine Art Verbindung mit dem Untergrund eingehen, der nicht nur Haftung ist. Für die Entfernung auf den Fenstern habe ich einen Ceranfeld-Kratzer gebraucht, alles andere hätte Kratzer auf der Scheibe hinterlassen.

Jedenfalls ist dieser Hype abgeflaut, man kriegt keine Window-Colours mehr an der Tankstelle und am Kiosk.
Ebenso keine Scoobi-doos. Letztere kamen in gewissen Kreisen ins Gerede, angeblich wegen hoher Anteile an Weichmachern.

Und machen wir uns nichts vor: Trendbasteleien und Spielzeug-Must-haves gab es schon in den Sechzigerjahren. Als ich ein Kind war, ungefähr 6 oder 7, MUSSTE man ein Kullertränchen haben. Das war eine blonde, geschlechtsneutrale Babypuppe, mit einer Art Dauerwelle auf dem Kopf, die man „füttern“ konnte. Dazu schob man ihr ein mit Wasser gefülltes Fläschchen in das Mäulchen und spritzte die Flüssigkeit in die Puppe. Dann konnte man den linken Arm der Puppe herunterdrücken, eine Mechanik verzog das Gesicht zu einem weinenden Frätzchen und es stiegen „Tränen“ in die Augen- außerdem nässte das Püppchen dann ein. Funktionierte nicht allzu oft. Meist verlor man zuerst das Fläschchen, und dann verlor die Puppe die Dichtigkeit und pinkelte nicht mehr, sondern leckte aus allen Gelenken.

Später war es dann eine kleine Schwester der Barbie, die Biggi-Puppe, die unbedingt nötig war. Die hatte biegsame Knie und so was- eine Neuheit. Der Hammer.
Ich hatte es nie so mit Puppen. Die kriegten meist recht schnell eine neue Frisur und ein Dauer-Makeup aus Filzstift, und das wars dann.

Die Ohne-geht’s-nicht-Zopfspangen meiner Kindheit waren runde Kugeln, zwei an einem Gummiband. Weil ich seit meiner Geburt kurze Haare habe, hab ich sie nie tragen können.
Aber ich war neidisch, mein lieber Herr Gesangverein.

Auf dem Schulhof schlug man sich mit zwei schweren Plastikkugeln die Handgelenke blau… Ich hab nie gewusst, wie die Dinger heißen, aber man ließ die beiden Kugeln an einem Band mit einem kleinen Griff in der Mitte zusammenprallen, immer schneller, bis sie oben und unten zusammenschlugen.
Heutzutage wären die schneller verboten als ein Ego-Shooter. Es gibt sie wieder, aber mit nicht ganz so schweren Kugeln und nicht ganz so langen Bändern.

Das war in den Siebzigern, und während wir einander schwere Kugeln an Kordeln hinterher warfen, knoteten unsere Mütter farbiges Packband zu mehr oder minder eindrucksvollen Gehängen für Blumenampeln, Wandbehänge oder sonstigem Gezumpel.
Oder sie knüpften Teppiche. Damals verstand man unter „Berber“ noch was anderes als heutzutage.
Besonders kunstvolle Exemplare hingen an der Wand, hatten abstrakte Muster in beißenden Farben, und aus ihnen wuchsen lange, schlingpflanzengleiche Makrameegeflechte. Und braune, dicke Holzperlen, die manchmal auch orangefarben waren. Aus ihnen sickerte allgemein eine eher organische, um nicht zu sagen bösartig-botanische Atmosphäre.

Wir hatten so ein Ding im Treppenhaus hängen.

In den Achtzigerjahren haben wir gestrickt. Mit Zöpfen, ohne Zöpfe, Schneesterne, Rentiere, Namenszüge, Pinocchios für die Kinderpullover. Norwegische Muster. Irische Muster. Ajour-Muster. Morgens, mittags, abends. Auf Feiern, im Park, in Hörsaal und Schule. Immer.

Währenddessen begeisterte sich vor allem der männliche Nachwuchs an kriegerischen Puppen, Testosteron-verheißenden Kens, die man „He-Man“ nannte. Und so wie ich auf die Zopfspangen verzichten musste, waren die Dinger für meinen Sohn „Leichenspielzeug“- die gab es nur über meine Leiche, also gar nicht.

Da wir schon immer etwas anders waren, hatten wir auch keinen C64, sondern einen Atari. (Separatisten.)
Mit Datasetten.
Später mit zweiseitig verwendbaren 5 1/4 Zoll-Disketten, zu laden über ein externes, drei Kilo schweres Laufwerk, und einer Sammlung von ungefähr 700 Spielen, in der bekannten monochromen Klötzchengrafik mit ohrenkrebserzeugendem Gepiepse als Soundtrack. Bevor man irgendwas spielen konnte, musste man unter Umständen dem Computer erst noch das Basic beibringen (also es in den Speicher laden) in dem das Spiel programmiert war.
32 Kilobyte Speicher, da kann man Spiele mit programmiert kriegen.

Als IBM seine ersten PCs auf den Markt warf, bekamen wir irgendwann einen Schneider-Euro-PC. Ein vom Bau her hybrides Teil irgendwo zwischen 8-Bit-Rechner und PC. Das Ding hatte zwar eine IBM-kompatible CPU, aber kein extra Gehäuse, die ganze Recheneinheit wohnte in der Tastatur. Da gab es auch ein Diskettenlaufwerk. Der Bildschirm war bernstein-monochrom, also eine orange-schwarze Angelegenheit. Kostete damals 999 Mark.

Den haben wir nach und nach umgebaut, inklusive Umzug der Hauptplatine in ein Desktop-Gehäuse, und dann gab es auch die erste Festplatte, eine 20 Megabyte-Seagate. Auch die kostete ein Vermögen.
Und während Aldi noch darüber nachdachte, ob man Elektronik neben Knäckebrot verkaufen kann, kaufte mein Mann seinen ersten Akustikkoppler. So ein Ding, auf das man einen Telefonhörer auflegen konnte. Mit zwei Muscheln, eine mit Mikro, eine mit Lautsprecher.
Mit Hilfe dieses Wundergeräts konnte man sich per Telefon in eine Art Netz (Usenet?) einwählen, und zur Verständigung nutzten die Geräte dieses Zwitschern, das man von Modems und Faxgeräten kennt.
Dafür hab ich damals extra ein Telefon mit Tasten bei der Post bestellt, denn ohne Tasten keine Wahlwiederholung- und die brauchte man fast noch mehr als den Akustikkoppler. Damals, zu Zeiten der Monopolisten…Ein Tastentelefon kostete im Gegensatz zu dem ordinären Wählscheiben-Modell 60 Pfennig extra im Monat- oder sechs Mark? Und ich musste was dafür zahlen, dass ein längeres Kabel dran kam. Dafür kam extra ein Techniker ins Haus und schraubte an der Leitung herum.
Die ganze Verbindung war, da sie tatsächlich auf akustischem Weg funktionierte, extrem störanfällig. Mit chronischem Husten brauchte man sich gar nicht in der Nähe aufhalten…

Etwas später dann, während die Menschen mit Stellvertreter-Helfersyndrom ein piepsendes Tamagotchi mit sich herumschleppten, und der Rest am Nintendo die kleinen Supermarios durch die Levels schickte, hatten wir gerade den Konsumterror entdeckt, wendeten uns von RTL und Tamagotchis ab, und zahlten lieber an der Hypothek. Das machten damals auch alle- in der Niedrigzinsphase ab Mitte der Neunziger.

Der Bastelwahn fing dann Anfang des Jahrtausends so richtig an. Serviettentechnik (uärgh…) Seidenmalerei (zartlila Kravatten! Hussa!) Brandmalerei. Puppen basteln. Trockensträuße (hust!). Tiffany-Lampen. Besagte Window-Colours. Und, und, und.
Irgendwann, wenn so eine Hysterie abflaut, kann eine sechzig-Quadratmeter-Wohnung nur noch mit Mühe unter den ganzen Gimmicks und dem Selbstgebissenen hervorgegraben werden.
Abschreckendstes Beispiel für mich war eine Frau, die wunderbare Filet-Häkelarbeiten machte. Sie machte nichts anderes, und vor nichts halt. Aber gutes Garn ist teuer. Und unauffällig cremefarben.
Nachdem sie Ende der Siebziger losgelegt hatte, trug 1988 sogar ihre Tiefkühltruhe eine Schutzdecke in Filethäkelei, aus türkiser Wolle, mit Lurex. In Gold.

Wenn man die Bastelgeschäfte besucht, findet man in den Ecken immer noch Reste von Material für die ein oder andere bereits ausgestorbene Beschäftigung, für die unentwegt weiter Werkenden, die auch im Jahr 2008 noch Bedarf an Styroporringen (Trockenkränze?), Holzbrettchen, Stopfwatte und Papierservietten haben.

Aus den recycelten Tamagotchis hat man dafür Scoobi-doos gemacht, und das Makramee-Material dient wieder zum Paketverschnüren.


Die Scoobi-doos hab ich weg geworfen: Ich kanns nicht mehr.
Sic transit gloria mundi.

Sonntag, 27. Januar 2008

Unter Schock


Neulich Abend, in einer Wohnung irgendwo in Deutschland.

Ein Fernseher flimmert friedlich.

Da.

Ein Druck auf eine Taste der Fernbedienung.

Und der Schrecken bricht herein.

DSDS.

Der Schrecken. Der Schauder.

Das Singen, Der Schmerz.

Der Sarkasmus. Die unbegreiflich öffentlich gesuchte Demütigung.(Mir gehen die Worte mit D und S aus, wie unschwer bemerkt werden kann).

Ich hab Zeit meines Lebens gedacht, dass ich einen an der Klatsche habe. Eine Meise unterm Pony, einen Knoten in den Zerebralfühlern.

Aber sowas...

Es mag ernstere Fälle geben als die, die da gezeigt wurden. Aber die sind bestimmt irgendwo sicher weg gesperrt.

Erst so langsam erhol ich mich davon.

Wie muss man drauf sein, wenn man sich sein Selbstkritikdefizit von Herrn Bohlen auffüllen lassen muss?

Ich hab das, Tatsache, noch nie in meinem Leben gesehen, und das, was durch Presse, Funk und andere Fernsehsender gesickert ist, habe ich immer als Beispiel dafür genommen, dass Herr Dieter B. aus Wo-Auch-Immer ein unangenehmer Patron ist, der sich auf Kosten Anderer amüsiert und damit auch noch Quote macht.

Aber ich muss ihm ein bisschen was abbitten, denn das war einfach unwiderstehlich.

Eine derartige Masse (jawoll, Masse, ich sag das Wort- auch wenn ich dabei eine Frau vor Augen habe, deren Brüste dazu neigen, ein eigenes Schwerkraftfeld zu entwickeln) an Menschen, die offenbar weder Freunde, noch wohlmeinende Verwandte, noch einen Spiegel ihr Eigen nennen, und die sich dann wundern, dass man sie fies anmacht, ist mir noch nicht untergekommen. Nicht jede mit einem Muttermal auf der Wange ist Cindy Crawford!


Die Frage, ob ein Sender das ausstrahlen muss, ist eine andere- aber auch dazu muss ich feststellen, dass diese Leute genau da hinwollen.

Und teilweise sogar ihre minderbemittelten- minderjährigen Kinder dahin begleiten. Ich weiß, dass es wenig Sinn hat, bei 17jährigen einen Sorgerechtsentzug in die Wege zu leiten. Aber vielleicht sollte man das doch mal versuchen. Örtliches Jugendamt? Hallo? Kennt ihr die Leute? Garantenpflicht? Kindeswohl?

Aber vermutlich gilt der Knabe im Familienkreis als sensibel, nicht als hysterisch.

Dabei kann man diese Aktion, samt Hyperventilieren und Auf-den-Boden-Werfen, oft beobachten, bei Dreijährigen im Supermarkt. Ab einem Alter von fünf ist da allerdings Fremdschämen angesagt, meine lieben Eltern. Und, es tut mir leid, das sagen zu müssen, da habt ihr erziehungstechnisch ins Klo gegriffen. In ein verstopftes.


Den Namen von dem Typ, der da eine neue Sprache erfand, weil er keinen Schimmer von Englisch hat, habe ich verdrängt. Aber ihm sei ein Volkshochschulkurs empfohlen: Musikalische Früherziehung. Und dann bitte mit „Alle Vögel sind schon da“ einen neuen Versuch starten. Oder mit einigen der einfacheren Weihnachtslieder. Da kann dann die Umgebung am Text erkennen, welches Lied gemeint ist, und dann entscheiden, ob richtig gesungen wurde.


Ich glaube, wenn das nächste Mal die republikeigenen Steine umgedreht werden, damit allerlei Seltsamkeiten darunter hervorkriechen können, werde ich mir schwer überlegen, ob ich mir das antun soll- schließlich gilt es, eine Stunde ungläubiges, amüsiertes Staunen gegen Albträume von Brüsten von der Größe eines Balkanstaates abzuwägen.

Donnerstag, 24. Januar 2008

Nach Hause telefonieren

Es tut ja doch gut, wenn man merkt, dass Leute sich um einen kümmern würden- wenn es denn nötig wäre.

Als ich soeben von der Toilette kam, stand vor meinem Büro eine Kollegin, in erheblichem Aufruhr, und fragte besorgt, was denn los sei.
Unverständnis bei mir.
Sie habe in der letzten Stunde ungefähr 7 Anrufe auf ihrem Handy erhalten, alle von meinem Handy, und es seien immer nur Geräusche zu hören gewesen. Daraufhin hat sie gedacht, ich läge irgendwo halbtot in der Gegend, nur noch in der Lage, sie anzurufen und nicht mehr, zu sprechen und zu sagen, was los ist
Sie hat sich aus dem Termin, den sie gerade wahrnahm, verabschiedet und ist Hals über Kopf hierhin gefahren, um nachzuschauen ob ich hier bin und ob es mir gut geht.

Des Rätsels Lösung: Ich hatte mit meinem Arzt telefoniert und bin direkt danach, Handy in der Jackentasche, dorthin, um ein Rezept abzuholen. Offenbar hatte ich mich jedoch nicht aus dem Menü „Telefonieren“ herausgeklickt, so dass die Jackentasche zusammen mit dem Sicherheitsgurt wild in dem Menü herumgewählt und immer wieder die Kollegin angerufen hat..

Wäre ich nicht im Büro gewesen, hätte sie die Polizei eingeschaltet.

Irgendwie hat das gut getan.

Mittwoch, 23. Januar 2008

Kinder haben. Oder nicht.

Irgendwie scheint den Kindern von heute das Wissen verloren gegangen zu sein, dass Autos aua machen, wenn man zulässt, dass sie einen überfahren.

Anders ist es nicht zu erklären, dass sie, ungeachtet der ungefähr 1500 PS, die in einer blechverkleideten Schlange, noch dazu bunt lackiert, auf sie zubrausen, in Scharen über die Straße laufen. Bei rot.

Sollte es sich um ein erbliches Problem handeln, so können wir, Darwin sei Dank, mit einer Erholung des Gen-Pools in zwei oder drei Generationen rechnen.


Unsere Mutproben, damals, im Pleistozän, als ich noch jung war, sahen Sprünge vom Dach vor. Ob man das überlebte oder nicht: Es war jedenfalls kein Blechschaden zu befürchten.

Und niemand wäre verklagt worden- Eltern wussten damals, dass Kinder einfach dämlich sind, was manche Dinge betrifft. Keiner wäre auf die Idee gekommen, die Eigentümer des Grundstücks, auf dem wir unsere Absprünge geübt haben, vor Gericht zu zerren um sie wegen der Zutrittsmöglichkeit zu eben jenem Grundstück zu Schmerzensgeld verurteilen zu lassen.

Heute kann man das vermutlich.


Nicht verklagen kann man vermutlich (und was mich betrifft, auch leider) die Leute, die soeben- angeblich zu dem einzigen Zweck, eine Diskussion anzustoßen) planen, die Republik flächendeckend mit Nachbildungen von 10 Wochen alten Föten zu überziehen. In jedem Briefkasten soll einer landen, aus Plastik und in Hautfarbe. So letzten Samstag ein Bericht auf Arte. Leider habe ich zu dieser Sendung/Reportage keinen Bericht auf der Seite des Senders gefunden.

Das ganze läuft unter 'Aktion „Durchblick“'.

Nun ja.


Grundsätzlich bin ich für Diskussion. Ich bezweifle aber, dass das wirklich der Anlass für diese Aktion ist- denn ein Sprecher der Aktionsgruppe sagte in diesem Bericht, dass (sinngemäß) „die Diskussionen beendet sind, sobald man ihnen (gemeint sind die, die seiner Meinung nach „für Abtreibung“ sind) diese Nachbildung zeigte“.

Da ich weiblichen Geschlechts bin und bereits eine sehr frühe und damals nicht geplante Schwangerschaft hinter mir habe, kann man getrost davon ausgehen, dass ich da qualifiziert genug bin, mitzureden. Jedenfalls fühle ich mich so.

Und keine der Frauen, mit denen ich in den letzten- sagen wir 30- Jahren gesprochen habe, hatte eine Einstellung, wie sie eine junge Frau, Mitglied der Organisation, die diese Aktion betreibt, beschrieb: Nämlich eine befürwortende Haltung zum Abtreiben zwischen Suppe und Nachtisch, leichtfertig und verantwortungslos.


Allein schon dadurch, dass Frauen, die abtreiben, von einem vielleicht 19 Jahre alten Mädchen Ernsthaftigkeit abgesprochen wurde, habe ich mich angegriffen, diffamiert und herabgesetzt gefühlt, und ich habe nie eine Abtreibung vornehmen lassen.


Die Absicht, diesen Frauen zu verdeutlichen, was sie da tun, ist vielleicht ehrenwert. Aber vollkommen überflüssig. Denn: Entweder, die Frau trifft die Entscheidung nach sorgfältiger Abwägung aller Umstände- oder sie tut das nicht. Im letzteren Falle ist dem nicht mit einem Plastikpüppchen abzuhelfen. Im ersten Fall wissen die Frauen sehr wohl, was sie tun.


Keine Frau, die noch alle Sinne beisammen hat, unterzieht sich diesem doch im Vergleich zur Empfängnisverhütung enorm aufwändigen Schritt einfach nur so- besorgt sich Termine, hält Bedenkzeiten ein, nimmt sich frei für den Eingriff und eine Erholungszeit, und nimmt vielleicht Jahre voller Alpträume in Kauf.


Keine Frau veranlasst so etwas ohne Angst und Trauer. Trauer um die Möglichkeiten, die beendet werden, Angst vor eventuellen Nachwirkungen, emotionaler oder körperlicher Art, Angst vor Stigma und dem Gerede der Leute, wenn es doch nicht geheim bleibt.


Genau so wenig wie alle anderen Frauen, mit denen ich jemals über dieses Thema gesprochen habe, finde ich, dass Abtreibung ein Mittel zur Empfängnisverhütung sein darf. Aber Empfängnisverhütung ist das eine- sozusagen der gute Vorsatz, die blanke Seite der Medaille. Es wäre gut, wenn sie immer zuverlässig wäre, wenn unsere Körper immer so funktionierten wie Maschinen: Zuverlässig, pünktlich und genau. Aber das tun sie nicht. Und dann?


Die Zahlen von 120-140.000 Abtreibungen im Jahr sind erschreckend. Leider sind sie nicht wirklich erhellend in Bezug auf die Motive. Da wird gern gesagt, dass das Gros der Eingriffe auf Frauen zwischen 18 und 35 Jahren entfällt- aber da wird nicht zurück geschlossen darauf, dass dies die Jahre sind, in denen gerade Frauen mit einer anspruchsvollen Ausbildung und einer erfolgversprechenden beruflichen Laufbahn einfach für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen, und dieses zusammen mit dem Aufziehen eines Kindes für sie nicht machbar erscheint.


Trotzdem ich meine Mutter zur Betreuung meines Sohnes hatte (der geboren wurde, als ich noch zur Schule ging), hat das Vorhandensein meines Kindes meine berufliche Laufbahn mehr als bestimmt: Kein Studium, sondern eine Ausbildung, damit möglichst früh Geld hereinkommt. Als sich für mich herausstellte, dass ich diesen Beruf nicht sehr mag, sondern eigentlich täglich mehr darunter leide, konnte ich nicht umsatteln- das Geld wurde gebraucht, und zwar nicht für mich. Auch heute noch, rund 25 Jahre später, muss ich ihn unterstützen. Sein Vater, der studiert hat, bis unser Sohn 16 Jahre alt war, ist Rentner, seit mein Sohn 18 ist. Und er ist selbstverständlich seit ungefähr 27 Jahren nicht da, wo sein Sohn ist. Sondern genießt sein Alleinleben.


Wieviele Frauen müssen abtreiben, weil sie einfach nicht die Kraft haben (mal abgesehen vom Geld), ein Kind allein großzuziehen? Wie belastend ist es, immer allein für jede Entscheidung verantwortlich zu sein, oder in vielleicht sehr jungem Alter den Anschluss an seine Freunde vollständig zu verlieren, weil die unterwegs sind und man selbst zu Haus hockt?

Die Betreuung eines Kindes zu organisieren, damit sie reibungslos läuft, während man seinen Lebensunterhalt verdient, ist eine logistische Aufgabe von enormen Ausmaßen.
Sicher, da sind Tagesgruppen, Tagesmütter- aber was macht man mit 28 Tagen Urlaub und einem Vierteljahr Schulferien? Mit einem Kind, das kränkelt? Mit Arbeitszeiten von 7 bis halb fünf? Mit Schichtdienst im Krankenhaus? So lange alles wie geplant läuft, ist das kein Thema. Aber was ist, wenn die Tagesmutter krank wird? Der Kindergarten im Sommer drei Wochen schließt, und anschließend, weil irgendwer einen Virus eingeschleppt hat, nochmal 5 Wochen Quarantäne drangehängt werden?

Das sind noch vergleichsweise harmlose Probleme, denn die hat man nur, wenn man Arbeit hat.

Und wenn nicht? Wenn man arbeitslos, lehrstellensuchend oder im Studium ist?

Wie gefasst und in sich ruhend muss man sein, um es nicht seinem Kind vorzuwerfen, wenn man seine Freundin trifft, die nach dem Abitur erstmal eine lange Reise plant? Ein freiwilliges soziales Jahr oder ein Jahr im Ausland als Au pair? Wenn alle Bekannten, die zu Haus bei den Eltern wohnen und eine Ausbildung machen, ihr Geld zur Verfügung haben für ein Auto, Kleider, Kontakte- und nichts für Windeln, Gläschen und Strampler ausgeben müssen?


Wie viele Kinder werden unter Umständen groß, die man nur mit Erschrecken zur Kenntnis nehmen kann, weil ihre Mütter ihre Ausbildung nicht beenden konnten und demzufolge arm sind, in Beziehungen mit den falschen Partnern festsitzen, keine Zeit hatten, erwachsen zu werden, bevor sie ein Kind im Gepäck hatten?


Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, von Hartz IV leben zu müssen, mit Kindern. Nicht nur, dass die Mutter vielleicht niemals mithalten konnte mit ihren Freunden- ihre Kinder können es auch nicht. Macht sich jemand Gedanken dazu, was das für eine Belastung ist für Familien, ob mit einem oder zwei Elternteilen? Wie oft die Kinder auf etwas verzichten müssen, was für viele andere selbstverständlich ist? Und da lasse ich trinkende, prügelnde, terrorisierende Eltern aus dem Spiel. Ich meine nur den täglichen, grauen Einheitsfrust.

So lange Kinder zu haben bedeutet, schmerzhafte Einbußen an Geld, sozialem Status und Perspektive zu riskieren, kann ich keine Frau verurteilen, die sich hierzu nicht in der Lage sieht.


Deshalb bin ich dafür. Dafür, dass jede Frau ein Recht hat, zu wählen- ob und wann sie ihr Kind austragen will.


Ich finde die aktuelle gesetzliche Lage trägt dem Dilemma, in dem sich sowohl die Frau als auch der Staat befinden, ausreichend Rechnung- indem sie den Eingriff grundsätzlich missbilligt, ihn aber unter Umständen rechtfertigt.


Jede Schwangere, die eine solche Entscheidung wirklich leichtfertig trifft, der man also mit diesen verteilten Püppchen zu weitergehenden Erkenntnissen verhelfen könnte, halte ich für zu blöd, als dass ich ihr die Erziehung eines Kindes anvertrauen würde. Und ich bezweifle zudem, dass diese Aktion ihr zu auch nur einer Minute weiterer Überlegung verhilft.

Und weshalb ich gern einen Grund hätte, die Verteiler dieser Gaben zu verklagen? Ganz einfach- ich möchte nicht die Frau sein, die soeben ein Kind verloren hat, und diesen Homunkulus in ihrem Briefkasten findet.




Montag, 21. Januar 2008

Gestern

Wie auch schon vorgestern, hab ich gestern ebenfalls einen Teil meiner Neujahrsvorsätze in die Tat umgesetzt.
Am Samstag hab ich mir gegen Mittag (ja, da war ich dann endlich soweit) ein Herz gefasst und bin Richtung Einkaufsstraße gelaufen. Bis zu dem Supermarkt dort sind es ca. 2,5 Kilometer, und so bin ich dann los gestiefelt. Sonst fahr ich diese Strecke mit dem Auto. Immer.
Ungefähr auf der Hälfte der Strecke fing es an zu regnen. Und nein, ich hatte keinen Schirm mit, nicht mal eine Kapuze an der Jacke. So hatte ich die Wahl: Nach Hause gehen, trockenlegen, noch mal los, oder weiterlaufen und hoffen, dass der Regen aufhört. Ich hab mich fürs Weiterlaufen entschieden.
Und war nass wie eine gebadete Katze, als ich ankam. So, dass beim Kopfschütteln die Tropfen flogen.
Ich hatte nicht so viel zu besorgen, war also schnell wieder auf dem Heimweg. Natürlich hatte der Wind gedreht, und kam wieder von vorn, so dass Brille, Haare und Gesicht nebst Jackenvorderseite ein zweites Mal ordentlich nass wurden. Ich hatte eine Daunenjacke an, und der Regen ist durchgekommen.
Zu Hause war dann ein komplettes Umziehen sowie eine Runde Wäschetrockner für die Jacke fällig, aber ich hab mich gefreut, denn erstens tuts einem gut, wenn man seine Vorsätze realisiert, und zweitens hab ich mich gut gefühlt, weil ich mich bewegt hatte.

Im Laufe des Nachmittags dann hab ich drüber nachgedacht, ob ich’s nicht doch mal mit dem Joggen versuchen soll.
Das dumme ist nur: Ich kann das einfach nicht. Teilweise wegen einer Gehbehinderung durch eine Gefäßverengung (Beckenarterie), teilweise wegen des Ärgers, den mir die Achillessehne am rechten Fuß immer wieder macht, teilweise auch, weil ich das ganze nie spannend genug fand um mehr als einen Versuch zu starten.
Egal, ich wollte diesmal, und hab eine alte Anleitung rausgekramt. Da stehen so Sachen drin wie: So langsam joggen, dass es einem peinlich ist, gesehen zu werden. Und dass man mit normalem Laufen vermutlich sogar schneller vorwärts käme. Und, und, und.
Hört sich sogar für so ein Bewegungswunder wie mich durchaus so an, als sei es durchführbar.
Also den Samstag ausklingen lassen, den Sonntag eingeläutet und erstmal gefrühstückt: Tasse Kaffee, Zigarette, und ähnlich gesundes Zeug.
Die Witterung hatte sich eindeutig gegen mich verschworen, denn es regnete schon wieder. Da ich keine Regenklamotten für so eine Aktion habe, sank meine Motivation bereits gegen 9 ins ziemlich Bodenlose.
So gegen halb zwölf, genervt und schon wieder müde und bereit, für einen Mittagsschlaf das Zimmer zu wechseln, hab ich mir dann überlegt, einfach einen langen und (für meine Verhältnisse flotten) Spaziergang zu machen. Da kann man nämlich seinen Schirm mitnehmen, und muss nicht so aufpassen, nicht gesehen zu werden.
Also ab ins Auto (jawoll- die Gegend, in der ich wohne, ist für Spaziergänge zu öde), und Richtung Stadtpark.
Ausgestiegen, fünfzig Meter gelaufen und beinahe wieder ins Auto zurück.
Mein kompletter Körper hat sich schlicht geweigert, zu gehen.
Ich habe keine Ahnung, warum, aber die Achillessehne hat getobt, und ich hatte derartige Rückenschmerzen, dass ich beinahe meinen Namen vergessen hab.
Die Sehne wird sich beschwert haben, weil ich Tags zuvor eine gute Stunde Straße gelaufen bin, mit Steigung und Gefälle, das mag sie nicht. Aber der Rücken? Der macht eigentlich schon lange keinen Ärger mehr. Nach einigen hundert Metern wurde der rechte Fuß taub. Ganz doll.
So was hatte ich schon mal, ist zwei Jahre her und gehört zu den mieseren Erfahrungen. Die Gabe von Kortikoiden ist bei Diabetikern immer so eine Sache, also habe ich Physiotherapie bekommen, und keine Spritzen gegen die Schmerzen. Ich habe ein Hohlkreuz, und mit Bauchmuskeltraining, Fango und Massage war das eigentlich seither kein Problem mehr. Ist ja nicht so, dass ich gar nicht gehe. Nur eben nicht mehr so oft, seit ich so weit außerhalb der Stadt wohne. Mit angespannten Bauchmuskeln wurde es gestern dann jeweils etwas erträglicher, aber dann vergesse ich schnell das Atmen. Keine optimale Kombination.
Außerdem fiel mir mit dem tauben Fuß auf, wie plattfüßig ich durch die Gegen renne. Also hab ich versucht, abzurollen beim Auftreten. Insgesamt bestimmt ein Anblick für die Götter. Von runden Bewegungsabläufen konnte nicht wirklich die Rede sein. Die Pfützen und der Schlamm unterwegs haben das nicht besser gemacht.
Aber ich hab durchgehalten. Mit nur einer Pause für den „Schmerz lass nach“-Moment. Insgesamt war ich wieder eine gute Stunde unterwegs.

Was bin ich froh, dass ich nicht versucht habe, zu joggen.
Und heute Abend such ich nach den Kopien mit den Bauchmuskelübungen drauf. Erstmal schmerzfrei gehen, und dann sehen wir weiter.

Samstag, 19. Januar 2008

Portrait of an Anarchist

Er sieht harmlos aus.
Er schmiedet Verderben und Trauer. Trauer um meinen vorletzten Dessertteller.
Wenn ich eine richtig gute Hausfrau wäre, hätte ich mich bereits drei Teller früher um Ersatz bemüht. Dann hätte dieser Teller auch nicht in der Küche herumgestanden, sondern ordnungsgemäß bei seinen (nicht ganz passenden) Geschwistern im Schrank.
So jedoch konnte er heute Nacht auf dem Küchenboden sein Leben aushauchen (der Teller).
Jetzt sitzt der Anarchist im Flur und singt von seinen Heldentaten, in seinem seltsamen, bellenden Miauen. Oder was immer das für Geräusche sind.
Seine Geschwister hocken am Fenster hier im Arbeitszimmer und versuchen, per Katzenohrenradar die Quelle für die eigenartigen Laute herauszupendeln, die von draußen hereinklingen. Es ist nämlich 5.48 Uhr, und dort brüllt ein Vogel. Mit einem lärmenden Tschiptschiptschip, und das, wo es noch dunkel ist. Außerdem vor dem Haus, was auch bedeutet: Vor meinem Schlafzimmerfenster.
Da sage noch einer, im Leben der heutigen Großstädter spiele die Natur keine Rolle mehr! Immerhin hat sie mich einmal heute Nacht um drei geweckt (gut, vielleicht war das doch eher der Teller in Zusammenarbeit mit den Fliesen) und dann noch mal vor ungefähr so langer Zeit, wie ich brauche, um
a) aufrecht zu stehen
b) die Kaffeemaschine zum Laufen zu überreden und
c) den Rechner hochzufahren und das Internetz zu entern.
Bedenkt man, dass ich erst gegen halb eins im Bett war, und für die Punkte a-c ungefähr 15 Minuten gebraucht habe, sowie gut 7 Minuten um das bisher Aufgeschriebene zu tippen, macht das. Äh.
Kann mal einer...?
Ungefähr ...5 Stunden Schlaf.
Ich versuche daher, meine tränenden und müden Augen darauf zurück zu führen, und nicht auf den Einfluss irgendeiner Creme (Fast alle Hautcremes, die ich je ausprobiert habe, kriechen irgendwann in meine Augen, und die brennen dann und tränen- das ist einfach nur doof. Am schlimmsten sind dermatologisch getestete Augencremes. Da ich fest entschlossen bin, die so teuer erworbene Wunderpatsche gut zu finden, liegts heute bestimmt an mangelndem Schlaf.)
Die arme Emily hebt gerade ihr plattes Persernäschen zu mir und maunzt um Erlaubnis, auf meinen Stuhl zu dürfen.
Irgendwie ist sie immer die Arme Emily. Obwohl sie ganz schön katzig werden kann. Oben abgebildeter Anarchist zum Beispiel kriegt von ihr regelmäßig, spontan und meist ohne eigenes Zutun eins auf die Omme. Er sitzt vor ihr, will sie gerade Nase-an-Nase begrüßen und -Dunk- hat eine hängen.
Er hat eine schwere Kindheit, nimmt dies aber eher leicht.
Kurze Zeit später begrüßt er sie dann wirklich. Von der Arbeitsfläche oder der Sofalehne aus, im freien Fall. Manchmal auch, von höheren Warten aus, eher in einer ballistisch-ambitionierten Parabel. In diesen Tagen denke ich oft an Erziehungscamps. Irgendwo in der Tundra.

Gestern habe ich wieder etwas gekauft, um meine altertümliche Rechnerausstattung ein wenig zu ergänzen. Einen Klebebandabroller. Was das mit meinem Computer zu tun hat?
Ganz einfach.
Dieser Klebefilmabroller ist, zusätzlich zu dem Klebeband, tatsächlich mit einem
Vierfach-USB-Hub ausgestattet.
Außerdem hat er eine geschmackvolle grüne Busy-LED, und einen Warnhinweis (Mind the Cutter! Vorsicht Scharf!<---Großschreibung NICHT von mir)
Ich fand das Teil bei meinem Elektronik-Provider Feinkost Plus. Und den Gedanken so schrill, dass ich es einfach kaufen musste.
Abgesehen davon, ist es mit lediglich 2 USB-Ports schwierig, ohne mühselige, Planung voraussetzende Neuverkabelung Drucker, Wlan-Antenne, Kartenleser, Webcam, PDA und mp3-Player ordnungsgemäß anzuschließen. Letztens habe ich den Rechner runtergefahren mit der Kamera-Karte im Leser, und diese dann entfernt, weil ich die Kamera brauchte. Mit dem Ergebnis, dass der Rechner beim nächsten Starten erstmal hängen blieb. Mehrmals, bis der Groschen gefallen war.
Ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist zudem, dass nunmehr der Klebefilmabroller immer an einer Stelle ist, weil er schlicht, sozusagen, angeleint (neudeutsch: Online) ist.

Außerdem, und hier bitte ich die geneigte Leserschaft, gedanklich einen anerkennenden Trommelwirbel einzufügen, hatte dieses, mit knapp 13 € bezahlbare Teil den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass ihm... das Anschlusskabel beilag. Jawoll. Der Drucker, den ich in grauer Vorzeit erwarb, hatte das bekanntlich nicht.
Und eine Rolle Klebefilm lag ebenfalls in der Packung, sowie eine Bedienungsanleitung. Diese beschränkte sich zum Glück auf den USB-Teil des Gimmicks. Obwohl- das wäre doch ein Anlass zum hämischen Bloggen gewesen: Eine Bedienungsanleitung für einen Klebefilmabroller. Von einem Automaten direkt aus dem Koreanischen übersetzt. Schade auch!

Leider müsst ihr noch weiter lesen, denn die Geschäfte haben noch nicht auf. Sonst wäre ich schon auf dem Weg in die Apotheke. Dort wartet (hoffentlich!) mein Ruin in Gestalt von diversem Pumpenzubehör auf mich. Ruin deshalb, weil das Zeug so sündhaft teuer ist... und ich leider privat krankenversichert bin. Normalerweise weiß ich das zu schätzen, nicht jedoch in der Apotheke, wo ich bar bezahlen und somit die Kosten vorstrecken muss, bis meine Krankenversicherung mir den Spaß erstattet. Einmal Insulin für sechs Wochen, 127,66 €. Einmal Pumpenkatheter für 3-4 Wochen? 135,75 €. Einmal Reservoirs für sechs Wochen, 65 €. Teststreifen für zwei Monate? 205,- €.
Erstattungsfristen der Kasse? Inzwischen 4-5 Wochen.
Und noch was: Apotheken nehmen keine Kreditkarten. Online vielleicht- aber da das gesamte Pumpenzubehör ohnehin bestellt werden muss und Lieferzeiten hat, bin ich mir nicht sicher, ob das immer pünktlich käme. Also unterstütze ich meine lokale Apotheke.
Zum Glück braucht meine neue Pumpe, mit der ich übrigens sehr zufrieden bin, nicht diese merkwürdigen Spezialbatterien, sondern kommt mit schlichten AA-(Lithium)-Batterien aus. Man glaubt kaum, wie beruhigend es ist, dass man im Notfall in jeder Tankstelle Ersatz kriegt. Mit der vorherigen Pumpe war das anders. Da kostete eins dieser Spezialdinger knappe 20 €, und hielt auch nicht länger als diese Baumarkt-Variante, die jetzt in der neuen Pumpe ist. Dafür kannten die nur drei Betriebszustände: Voll, bald nicht mehr voll (Für "bald" jeden beliebigen Zeitraum von 24 Stunden bis zu einer Woche einsetzen) und leer. Und auch für die Dinger gab es Lieferfristen. Eine Woche, knapp. Dafür kamen sie im Dreierpack, was bei organisierten Leuten sicherstellt, dass sie immer Ersatz im Haus haben. Das muss der Fairness halber erwähnt werden.
Die neue Pumpe hat einen ordnungsgemäßen Zustandsbalken, an dem ich erkennen kann: Voll, zwei Drittel voll, ein Drittel voll und leer. Den ersten Batteriewechsel hab ich nach drei Monaten vorgenommen, so lang haben auch die Batterien an der alten Pumpe gehalten. Und da stand der Balken bei der neuen auf zwei Drittel voll, mit Tendenz zu einem Drittel, wenn das Gerät gerade mal etwas kühler war, weil ich mich draußen aufhielt.
Mit der ausgewechselten Batterie läuft derzeit meine Kamera.
Da es sich nicht um Spezialbatterien handelt, werden die Kosten nicht von der Kasse ersetzt, aber das ist in Ordnung für mich. Angeblich sind die Batterien für die alte Pumpe auch nur in Zusatzmetall eingewickelte Normaldinger, mit einem Schraubdeckel und einer Dichtung versehen. Mag sein, ich hab sie nicht auseinander genommen. Der Hersteller meiner neuen Pumpe hat das anders gelöst, nämlich mit einem Extra-Schraubdeckel.
Zudem hat das neue Teil eine Menüstruktur in richtigem Deutsch und das Display blendet dieses Menü auch ein, so dass auch ein Unkundiger im Zweifel weiß, wo er gerade ist. Das war bei der anderen nicht so.
Das einzige, was etwas nervt, ist, dass man keine Fertigampullen verwenden kann. Da die Pumpe sehr klein ist, muss man das Insulin aus den 3ml-Penampullen in 2-ml-Reservoirs umfüllen. Das hat mich am Anfang etwas Schweiß und Insulin gekostet, aber jetzt kann ich es.
Und da die Zeit der hohen Werte mit der Weihnachtszeit aus mir dunklen Gründen ein Ende genommen hat, bin ich momentan diabetestechnisch recht zufrieden. Es sei denn, die Apotheke hat gleich das Zubehör nicht auf Lager. Dann bin ich eine böse Lily.
Es stimmt schon, was meine Oma sagte: Die beste Krankheit taugt nichts.

Donnerstag, 17. Januar 2008

Auf vielfachen Wunsch:



Das Eselchen aus "Schweine im Weltall".
Eigens für euch fotografiert :-)


Der Segen der bösen Tat.

Dieser Tage ein vertrautes Bild: Vor den Türen unserer Rathäuser und anderer Bürogebäude stehen frierende Menschen, die blau angelaufenen Finger um die schwach glimmenden Enden ihrer Zigaretten gewölbt, und zittern. Gerade wenn man sich wundert, seit wann die Welle des sozialen Abstiegs in Form der Obdachlosigkeit auch die gut Gekleideten hinweg reißt, dämmerts einem. Die sind nicht obdachlos. Die haben kein Mitleid verdient: Das sind RAUCHER.
Fiese, gesundheitsmufflige, süchtige, stinkige, unbelehrbare, Kinder verderbende Raucher.
Jawoll.
Ekliges Volk.

Oder?

Erinnern wir uns:
Rauchen (oder vielmehr die Tabaksteuer) wurde im Jahr 2003 teurer- um den Irak-Krieg, den Kampf gegen den Terror, sowie Teile der Leistungen der Krankenkassen (Mutterschaftsgeld) finanziell abzusichern (Der erste Krieg, der mithilfe von Steuern auf Tabak finanziert wurde, war übrigens der 30jährige. Das hat alles eine gewisse Tradition!)

Ein wahrhaft staatstragendes Verhalten ist es seither, sich die Kippe anzuzünden, opfert man doch seine eigene Gesundheit (sowie die in der Nähe stehender Personen) für höhere Ziele!

Seither ist viel geschehen.

In beispielloser Verleugnung der Nützlichkeit der rauchenden Bevölkerungsanteile wurde vor 14 Tagen oder so das Nichtraucherschutzgesetz in Teilen in Kraft gesetzt.
Abgesehen von einigen Ungereimtheiten (warum darf der zu Verhörende im Verhör rauchen, der ihn verhörende Polizist jedoch nicht? Ist das Verweigern einer Zigarette gegenüber einem süchtigen Verdächtigen eine verbotene Vernehmungsmethode, weil es möglicherweise mit Entzugssymptomen unzulässigen Druck ausübt? Und wenn ja, warum ist das Interesse des potenziell Verurteilten an seiner psychischen Unversehrtheit als höheres Gut einzuschätzen als das Interesse der Beamten an der Aufrechterhaltung ihrer Gesundheit? Fragen über Fragen.) ist festzuhalten, dass die gesellschaftlich zu lobenden Nebenwirkungen des Rauchens bis dato noch gar nicht in vollem Umfang gewürdigt werden konnten…

Tja, meine Damen und Herren, haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was geschieht, wenn
a) der Raucher als solcher, durch das Verbot des Rauchens im Büro an die frische Luft gezwungen, die Zigarettenmenge auf das Unerlässliche einschränkt (sagen wir auf ein Drittel?)

b) der Raucher seinem Laster ab sofort an der frischen Luft nachgeht, anstatt dies in dumpfen, licht- und sonnenlosen Büroräumen zu tun?

c) Selbiger zukünftig vier bis fünfmal täglich die Treppen herunter und herauf sprintet, immer im Bestreben, möglichst wenig Arbeitszeit zu verschwenden (nicht wegen der Arbeit. Sondern wegen der Auszeit, die er gezwungen ist, zu nehmen)?

d) der Raucher und die Raucherin zukünftig, anstelle mit lahmem Kreislauf blass am Schreibtisch zu hängen, sich mehrmals täglich gesunden Klimareizen aussetzt?
Tja.
Sie werden es erleben: Besser und gesünder als jeder Mallorca-Urlaub, jedes Fitnesscenter-Abo, jeder gute Vorsatz ist es, ungefähr 10 Zigaretten täglich zu rauchen. Eine auf dem Weg zur Arbeit. Eine auf dem Nachhauseweg. Eine vormittags, eine nachmittags und eine in der Pause. Macht 5, bleiben 5, die man auf dem heimatlichen Balkon rauchen kann. Die Zusatzbewegung (Treppensteigen, Sie erinnern sich) macht schlank, beweglich, und trainiert Herz und Kreislauf.

Die Sonne und die Luft verbessern das Hautbild und sorgen für eine frische Gesichtsfarbe. Da der Aufenthalt an der Luft nie länger als vier Minuten dauert, ergeben sich keine negativen Folgen für die Haut durch schädigende UV-Strahlung.

Die Klimareize durch den Wechsel zwischen der Kälte draußen und der Wärme in den Büros härten ab, und senken dadurch den Krankenstand.

Und, worüber noch kein Arbeitgeber so richtig nachgedacht hat: Man kann Parkplatz-Security-Kosten sparen.
Wer entdeckt denn den jugendlichen Missetäter an des Abteilungsleiters Jaguar, wenn nicht seine Vorzimmerdame, die mal eben eine rauchen geht? Wer sieht, dass der SUV des Chefs (wozu der den für die drei Meter zur Arbeit braucht weiß keiner) vorne links kaum noch Luft auf dem Reifen hat? Dass Kollege Xs Cabrio offen ist, und von Osten eine Regenfront naht?
Die Leute, die rings um den Standascher stehen.

Na bitte.

Rauchen ist somit nicht nur gesundheitsfördernd. Es spart auch Kosten!



Das schwierigste für den Staat und die Arbeitgeber wird jedoch sein, das Rauchen zwar zu erschweren, aber nicht so sehr, dass die Raucher damit aufhören und dann keiner mehr Zigaretten kauft- schließlich wollen wir doch weiter Krieg führen.

Du hast die Haare schön.

Einer der Sätze, die man/frau gern hört- oder? Nicht unbedingt gesungen. Das nicht.
Aus diesem Grund, nämlich weil ich das gern mal wieder hören wollte, bin ich gestern in einer Kurzschlusshandlung bei meinem Friseur eingefallen und habe dem Elend ein Ende machen lassen.
Schon während der Schneideaktion wurde aus dem Pudding, den ich auf dem Hals balanciert habe, so was wie ein Gesicht. Und gegen Ende, als es ans Ausdünnen und Fransen ging, wurde das Auftauchen von Wangenknochen gemeldet. Okay, noch unter einer schützenden Schicht Winterspeck, aber dennoch.
Mal ganz ohne den Metzgersgattinnen-Appeal bin ich dann Richtung Auto stolziert, und auf dem Rückweg in den Drogeriemarkt, zur Beschaffung von Toilettenpapier.
Wieder heraus gekommen bin ich dann mit einer Mischung restaurativer und dekorativer Kosmetik in einem Tütchen, das nur dann hätte kleiner sein können, wenn man die 50 € als Schein direkt in ein solches verpackt hätte.
Auf der Schachtel mit der Nachtcreme ist eine zierliche Silhouette aufgedruckt. Da steht in drei Punkt Pica: „Original-Umriss“. Gemeint ist, dass dieses Schächtelchen innen mit Papp-Polstern versehen ist, und in diesen ruht, wohl geschützt vor den Unbilden des Wetters und versehentlichen Herumwerfens, ein kostbares, gläsernes Behältnis.
Rauminhalt: Grob geschätzt ein Drittel des Außenschachtel-Volumens. Also: Reingefallen!
Entfernt man den Schraubdeckel, sieht man, dass das gläserne Behältnis aus ganz außerordentlich dickem Glas besteht. Noch mal reingefallen.
Den Inhalt des Glases schützt ein milchiger Plastikeinsatz. Die Chance, ohne Brille herauszukriegen, wie man das öffnet, ist für mich gleich Null.
Aber wie dem auch sei. Ich habe das Wunderzeugs (und es ist definitiv besser für die Firma, wenn das ein Wunderzeugs IST) ausprobiert, und bisher haben sich weder rote Flecken, noch Pickel, noch Juckreiz oder Spannungsgefühl eingestellt.
Immerhin.
Derart beflügelt von einer Investition in eine schönere Zukunft, bin ich weiter Richtung Parkplatz gestiefelt. Auf diesem Weg sind diverse Schaufenster mit Spiegeln dekoriert. Üblicherweise (denn ich kenne diesen Weg gut) ist ein Friseur-Heimweg mit so einigen Geiserbahn-ähnlichen Schrecksekunden verziert. Wenn man um die Ecke biegt, dem eigenen Spiegelbild gegenübersteht und nach der Reaktionszeit feststellt, dass das Wesen, dem man da gegenübersteht, man selbst ist.
Diesmal verging der Weg zum Auto ereignislos. Ich war sogar neugierig auf mein Spiegelbild, und habe nicht den Wunsch verspürt, mir die Kapuze möglichst weit über den Kopf zu ziehen.

Zuhause angekommen, hab ich die oben beschriebenen Erkenntnisse in Bezug auf die erworbene Creme gehabt, sie ausprobiert und bin dann nach „Boston Legal“ ins Bett- gewärmt von dem Gedanken an die möglichen Reaktionen der KollegInnen.

Ihr erinnert euch? Ich bin zum Friseur gegangen, weil ich einfach total -mega -scheiße aussah. Struppige und schlappe Haare gleichzeitig, die, Chemie hin oder her, ab Mittag der Schwerkraft folgten und aussahen wie ein ungeschickt platzierter toter Vogel auf dem Kopf.
Ein Mireille-Mathieu-Gedächtnis-Pfannekuchen, sozusagen.

47 € investiert in einen neuen Haarschnitt (fast 10 Zentimeter kürzer) und eine neue Haarfarbe. Schon gut, das ist preiswert, das weiß ich.
Aber trotzdem…

Keiner hats gemerkt. Zumindest nicht vor Ablauf der ersten Stunde.

Soll mir das jetzt sagen, dass ich eine so dolle, schillernde, mitreißende Persönlichkeit habe, dass es wurscht ist, wie ich auf dem Kopf aussehe?

Oder registrieren die Leute eher so was wie „sieht müde aus“, oder „sieht erholt aus“ sofern man nicht gerade ein blaues Auge oder eine rote Pappnase trägt?

Keine Ahnung.
Erinnert mich dran, kurz vor Rosenmontag eine Pappnase zu kaufen, ja? Auf ein blaues Auge bin ich nicht so scharf.

Mittwoch, 16. Januar 2008

Schweine im Weltall

Die Crew des Muppet-Raumschiffs, die Küchenbesatzung von Smörrebröd und seinen Kumpanen sowie Waldorf und Stadler waren meine absoluten Lieblingspuppen. Seit Herr Huber und Bibo nicht mehr in der Sesamstraße mitspielen, heißt das. Auch Miss Piggy hat ihre Meriten. Und wenn ich mich auf den Straßen und anderswo umschaue, dann hat sie auch Fans, wie Barbie.

Kermit aber wohnt auf meinem Schreibtisch. Er sitzt auf einem kleinen Gummi-Floß auf einer kleinen Gummi-Kiste und rudert mit einem kleinen Gummi-Stab Richtung Papierwüste.

Direkt neben ihm hockt ein kleiner Buddha. Den hat mir mal wer geschenkt, und weil derjenige sehr selten was schenkt, und ich in der Situation etwas (oder besser, viel) Glück gut gebrauchen konnte, ist das heute noch ein sehr geschätzter Gegenstand für mich.

Ein Glücksschwein steht auch da herum, sowie eine Muschelscherbe, geschenkt von meiner damals 4 jährigen Nichte, und eine kleine Tonfigur. Die soll mich daran erinnern, dass man dem Leben auch lächelnd entgegentreten kann.


So.

Ein Haufen von Glücksbringern, Amuletten und kleinen magischen Gegenständen, die ihr Leben in meiner Gesellschaft fristen. Oft ist das ein sehr langes Leben.

Mit sieben habe ich mal einen kleinen Stoff-Esel gekauft- ein bemitleidenswertes Tier, schief zusammengenäht, und mit einer viel zu schweren Last von drei Taschentüchern auf dem Rücken. Er war so hässlich. Ich musste ihn retten.

Er ist immer noch hässlich, und hat ein Zuhause auf meinem Sachbuch- Regal gefunden.

Ich glaube, niemand außer mir hätte ihn gekauft, und er wäre mitsamt zerknüllter Kassenzettel, Kaugummipapierchen und beschädigter Ware eines Tages in einem Mülleimer gelandet und hätte nie das Tageslicht gesehen. Böser Onkel Karstadt.

So aber gibt es ihn immer noch, und bei dem Gedanken, dass ich normalerweise nicht an ihn denke, habe ich ein schlechtes Gewissen. Ja, ich weiß, ich habe eine Meise. Die auch.


Außerdem glaube ich bei sowas immer, dass es Unglück bringt, nicht an seine Glücksbringer zu denken.

Ganz allgemein bin ich abergläubisch. Jawoll.

Früher hab ich immer meinem Sohn oder meinem (jeweiligen) Partner ein „Fahr vorsichtig“ mit auf den Weg gegeben. Wenn nicht, war das geradezu eine Einladung an eine Nebelwand, sich im Kamener Kreuz über die Leitplanke zu hieven.

Mir ist schon ausgesprochen klar, dass das eine ziemlich alberne Angewohnheit ist. Und weil das so ist, spielt sich das eigentlich alles in mir drin ab, so dass man mich selten beim sprichwörtlichen Klopfen auf Holz oder sowas erwischt. Aber es ist eine extrem stabile Angewohnheit, und sie --- macht unglücklich.


Wenn ich Urlaub habe, denke ich unentwegt daran, was ich wohl alles übersehen oder vergessen haben könnte bei der Arbeit- denn dann kann nichts mich unangenehm überraschen, wenn ich wieder ins Büro muss.


Habe ich Geld für mich alleine ausgegeben, um mir mal was schönes zu gönnen (oder auch nur etwas notwendiges- wie zum Beispiel die Aufstockung der vorhandenen warmen Hosen von eins auf drei) kann ich mich nicht daran freuen- vielleicht kommt ja nächste Woche die Stromjahresrechnung. Und dann? (Sie KANN zwar nicht kommen, weil ich damit gerechnet habe(!) und mir schon mal prophylaktisch Sorgen mache(!!), aber der Spaß ist weg. Ist doch ganz einfach, oder? Ich denke daran, Volkshochschulkurse zu geben. So gut, wie ich das erklären kann...)


Eine Einladung zu einer Feier? Da sind bestimmt lauter Leute, die mich für doof halten- und dann gehe ich lieber nicht hin. (Übrigens: Dauernde Absagen erhöhen definitiv NICHT die Anzahl der Leute, die dich auf ihrer Unbedingtdabeihabenmüssen-Liste haben)


Die neue Frisur sieht nach Potenzial aus, solange die Haare noch feucht sind, die Friseurin föhnt dir aber eine Vorstadt-Metzgersgattinnen-Betonhaube auf die Birne? Vergiss alles, was du an Potenzial erkannt hast- du wirst ab sofort nicht mehr das Haus verlassen. Oder nur noch mit einem Helm auf dem Kopf. Jeder wird, bis zum nächsten Friseurbesuch, nur die wackere Frau Metzgersmeisterin sehen.


Da sämtliche eventuell erfreulichen Dinge mit dieser Art Denken binnen kürzester Zeit so gar keinen Spaß mehr machen, kann man eigentlich das Schöne-Sachen-Planen gleich beenden.


Eigentlich bleibt da nur noch das Extrem-Couching- das ist sicher. Und hat Zukunft. Und kostet nichts- die Stromrechnung kann kommen.


Gut, manche Sachen sind insgesamt wirklich nicht so gelaufen, wie ich es geplant habe. Dabei war ich da so sicher...


Wie zum Beispiel an dem Tag, an dem ich meine zu jener Zeit sehr kurzen Haare à la Annie Lennox hellblond bleichen wollte. Ja klar alleine- was denkt ihr denn? Friseur? Viel zu teuer. (Vielleicht kommt die Stromrechnung.)


Die Farbe besorgt, angerührt, auf die Haare aufgetragen, einwirken lassen.

Abgewaschen.

Schreikrampf bekommen.

Die Chefin angerufen (abends um 10) und für den nächsten Tag Urlaub klar gemacht.

Zum Friseur gegangen. Mit einem Helm auf dem Kopf (Ohne Scheiß. Die Haare waren meistens orange. An manchen Stellen auch gelb. Denkt euch ein Zebra auf psychedelischen Drogen).


Da die Haare so kaputt waren von der Bleiche, konnte man sie nicht mal überfärben, nur tönen. Sonst wären sie einfach ausgefallen. Das wäre dann kein Bad-Hair-Day, sondern ein No-Hair-Day gewesen.

Ich bin wochenlang alle 3 Wochen zum Nachtönen zum Friseur gegangen. Hat ein Vermögen gekostet.

Dann kam die Stromrechnung.


Sowas kann einem schon den spontanen Zugang zu den schönen Seiten des Lebens versauen.


Trotzdem habe ich gerade das Eselchen von seinem Sitz heruntergeholt und in meine Tasche gesteckt. Als Glücksbringer muss es sehr mächtig sein, denn mir ist nichts Ernsthaftes passiert in den letzten dreißig + x Jahren, seit ich sieben war.

Und er ist allemale niedlicher als mental vorweggenommenes Pech. Obwohl er so hässlich ist.


Dienstag, 15. Januar 2008

Ich habe soeben...

...das hier im Radio gehört.
Und nachdem ich mir bereits sicher war, nie wieder ein Siemens-Handy zu kaufen, werde ich jetzt auch Nokia von meiner Wunschliste streichen.
Abgesehen von den Millionen schweren Investitionszuschüssen durch Bund und Land hat Nokia zudem, wenn die Erklärungen der IG Metall und der auf WDR 2 interviewten Nokia-Beschäftigten den Tatsachen entsprechen, auch noch die Belegschaft in den letzten Wochen rund um die Uhr und die ganze Woche hindurch Überschichten fahren lassen- und im letzten Jahr eine erhebliche Umsatzsteigerung mitgenommen.
Ich hoffe nur, dass die zuschussgewährenden Stellen so clever waren, Rückforderungsklauseln in die Verträge einzubauen.

Vielleicht sollte Nokia über einen neuen Slogan nachdenken: Gier ist geil.

Wenn das so weiter geht, baue ich vermutlich im nächsten Jahr einen Brieftaubenschlag auf meinem Balkon.

Beziehungsbörsenbingo

14.Oktober 2006

Ich bin es leid. Leidleidleid. Ich mag nicht mehr gefragt werden, wann ich denn mal wieder einen Freund mitbringe. Ich mag nicht mehr allein auf Feten auftauchen und dumme Blicke kassieren. Ich mag nicht mehr sonntags allein spazieren gehen.
Ich such mir einen Partner.
Basta.

15.Oktober 2006


Ich hab Marie gefragt. Sie ist, was so was betrifft, immer up-to-date. Sie hat mir empfohlen, mich bei www.wiesoimmerfröscheküssen.de anzumelden. Das wär cool, da wären nur echte Traumtypen angemeldet. Außerdem ist Online-Suche modern, und nicht so verstaubt und langweilig wie Zeitungsinserate. Ich muss unbedingt ein schönes Foto von mir raussuchen. Marie will es für mich einscannen.

17.Oktober 2006


Wally sagt, ich soll es auch bei www.supertolleleute.de probieren. Die wären alle geprüft, und ohne seinen Ausweis zu faxen kann man da gar nicht mitmachen! Oh Mann, das ist toll.

18.Oktober 2006

So schwierig hätte ich mir das nicht vorgestellt: Ich soll da was zu mir schreiben. Das kann ich gar nicht… woher weiß ich, wie ich bin? Marie sagt, ich soll mir die Profile der anderen Frauen mal ansehen, und mir die sympathischsten Formulierungen raussuchen. Hm. Mal sehen. „Gute Figur in Jeans und Abendkleid“- hört sich ja gut an, aber das stimmt doch bei mir überhaupt nicht. „Jeans und Gummistiefel“, das wäre richtig. Aber das steht bei keiner Frau. Muss mal Marie fragen.
Marie sagt, Gummistiefel gehen gar nicht. Ich soll „sportlich“ schreiben. Oder „leger“ Gut, das mach ich.

19.Oktober 2006

Alle Frauen auf Supertolleleute.de sind so ganz anders als ich. Die sind alle viel schöner und erfolgreicher und so… Ich fürchte, ich fall da aus dem Rahmen.

20.Oktober 2006

Hab eine Email bekommen! Freufreufreu!
Das schreibt der Manfred:

Hallo,

ich bin der Manfred. Ich möchte dich gerne kennen lernen.
Viele Grüsse Manfred.

Ich schreib ihm gleich zurück.

22.Oktober 2006

Komisch, Manfred hat nicht geantwortet.

23.Oktober 2006

Wieder was dazu gelernt. Marie sagt, einige Leute schreiben einfach jeden an- und schauen dann, wer so antwortet und wie. Ich soll mir nichts draus machen.
Auf der Frösche-Küssen-Seite hab ich das Profil von einem netten Mann gesehen. Er schreibt, dass er gerne kocht, und ins Theater und Museum geht. Er scheint auch einen offenen Kamin zu haben, denn er sitzt gerne davor und trinkt einen trockenen Rotwein.
Das hört sich doch nett an. Oder?

24.Oktober 2006


Ich hab mich getraut und ihm eine Mail geschrieben.

27.Oktober 2006

Soviel ist passiert… Wolfgang, so heißt er, ist total nett und wirklich sehr unkompliziert. Wir haben kaum etwas anderes getan als gemailt in den letzten drei Tagen. Toll, wirklich. Ich bin fast ein bisschen verliebt.

30.Oktober 2006


Morgen kommt er mich besuchen. Er hat ein paar Fotos geschickt- na ja, er ist ein bisschen mollig. Auf dem Foto auf der Homepage konnte man ihn nicht erkennen, weil er da auf seinem Motorrad sitzt, mit Helm und so.

01.November 2006


Oh. Mein. Gott.

02.November 2006

Wally sagt, ich hätte einfach Pech gehabt. Dass der Typ alte Fotos geschickt hat, auf denen er noch 50 Kilo weniger gewogen hat als jetzt. Und dass er eine ansteckende Hautkrankheit hat, war auf den Bildern nicht zu sehen - er sagt, dass das damals weniger schlimm war.

Er war ziemlich enttäuscht, als ich ihm gesagt habe, dass er nicht bei mir übernachten kann, wo er doch schon seinen Schlafanzug mitgebracht hat, und total sauer, als ich ihn dann rausschmiss. Er hat bestimmt schon 20 Mails geschrieben, eine wütender als die andere. Ich mach sie jetzt gar nicht mehr auf.
Marie meinte, für solche Kontakte soll man sich eine Mailadresse bei einem Gratisanbieter einrichten, die man einfach wieder löschen kann. Man lernt nie aus.

03.November 2006

Hab die Gummistiefel aus dem Profiltext genommen.
Jemand hat mir eine Mail geschickt, einer, der auf Gummistiefel steht.
Igitt. Was es nicht alles gibt.
Marie hatte also Recht: Gummistiefel geht gar nicht.

06.November 2006

Habe dazu gelernt: Patrick werde ich am Samstag treffen, auf neutralem Boden.

11.November 2006

Was für eine merkwürdige Gestalt- und wieso hat der immer von seiner Exfrau erzählt? Und über den Unterhalt gestöhnt, den er ihr zahlen muss? Na ja, ein freundliches Schreiben zum Abschied wäre wohl angebracht.

15.November 2006

Kann heute nicht zu Wallys Party gehen. Muss mich mit Volker treffen. Er hat sehr nette Mails geschrieben.

16.November 2006

Ein Traummann- diesmal wirklich. Groß. Gut aussehend. Hat kein Wort über seine Ex verloren. Und hat mich zum Essen eingeladen. Anschließend sind wir noch stundenlang im Stadtpark herumgelaufen und haben nur geredet, geredet, geredet.
Wir sind auf einer Wellenlänge.

22.November 2006

Ich glaube, ich bin verliebt. Wir haben die letzte Nacht zusammen verbracht, und es war ausgesprochen schön. Aber warum hat er mich immer Cara genannt?

30.November 2006

Irgendwie ist Volker seltsam in den letzten Tagen- er geht nicht ans Telefon, und wenn, dann ist er immer in Eile. Schade, dass er soweit weg wohnt. Ich glaube, ich überrasche ihn am Samstag mal und besuche ihn zu Hause.

02.Dezember 2006

Hätte ich das mal nicht getan. Einfach bei ihm vorbei fahren, meine ich.

Marie meint, manche Männer wären eben so, und hätten immer mehrere Eisen im Feuer.

22.Dezember 2006

Hab heute wieder mal nach meinen Suchergebnissen geschaut- warum steht eigentlich in allen Profilen dasselbe? Entweder sie schreiben nur halbe Sätze, ohne irgendwelche Rechtschreibung oder Grammatik.
Oder sie schimpfen nur über verlogene Profile von Frauen.
Oder sie sind hingebungsvolle Sportler mit Rieseneinkommen, die mit einer Hand golfend und den trockenen Rotwein schwenkend am Kamin lehnen, während sie mit der anderen Hand und einem guten Buch in französischem Essen rühren.
Die mit der miesen Rechtschreibung betonen, dass ein Mann ohne Bauch und Bierfahne doch keiner ist…

Ist es wirklich besser, sich zu treffen mit dem Schild „Suche Partner, möglichst schnell“ um den Hals? Oder ist es nicht doch schöner, mit offenen Augen richtige Menschen kennen zu lernen, und sich erstmal ein Bild von seinem Gegenüber zu machen? Ohne gleich mit Schlafanzügen, Exfrauen und anderen Unappetitlichkeiten konfrontiert zu werden? Erstmal nett finden, und dann näher kennen lernen?

Marie lacht mich aus, und Wally ist auch skeptisch. Das wär aber uncool, meinen beide.

30.Dezember 2006


Ich hab mich heute bei beiden Plattformen abgemeldet. Was für eine Erleichterung.

Und statt in Profilen zu wühlen, geh ich jetzt in den Park und mache einen langen Spaziergang. Alleine.
Ich freu mich drauf.