Montag, 28. Juli 2008

Totenzeit

Im halben Licht presst Rosa sich an den Stamm der Buche. Die Farben ihrer Kleidung verschmelzen mit Rinde und Flechten, die Autobahn ist bis hierher zu hören. Rhythmisch fauchend. Wie ein Blutgefäß beim Ultraschall.
Manche gehen in den Wald, um Bäume zu umarmen.
Wir beide, hatte er gesagt, wir beide. Du und ich. Für immer.
Und sie hatte ihm geglaubt, glauben wollen.
Die kleine Stimme in ihrem Kopf glaubte nicht, schwieg nicht. Wer bist du schon? Hässlich bist du, zerstört bist du. Wer will dich schon, wer will DICH schon? Was ist er, wenn er dich will? Krank bist du, ein Wrack. Leichtgläubig, feige und gottserbärmlich dumm. Dumm, dumm, dumm, hämmert die Stimme, diktiert ihren Herzschlag. Er prallt vom Baum gegen ihre Brust. So-dumm, so-dumm, so-dumm.
Was ist er, wer ist er, wenn er dich will?

Eine gute Frage. Und wie alle guten Fragen dazu gedacht, dich um den Schlaf zu bringen. Nachts ernährt sich die Stimme von klumpigen Kissen und Laken, die dich fesseln, von Geräuschen in der Dunkelheit und Trommeln aus der Tiefe.
Dann geht die Sonne auf und die Welt übernimmt.
Geräusche, ein Telefon schellt. Ein Mensch am anderen Ende, ein Echo.
Hast du gewusst, sagt das Echo, hast du gewusst, dass er wieder in den Wald geht?
Und wenn du das nicht gewusst hast, was weißt du dann?
Rosa lehnt gegen den Baum und erinnert sich an die Hitze, die in ihr aufstieg und ihre Antwort, lass mich in Ruhe.
Sie schaut auf ihre Hände, tintenfleckig und zerkratzt, die Fingernägel blutig abgekaut. Wo ist er? Mit wem ist er dort?
Sie löst sich vom Stamm, setzt einen Fuß vor den anderen auf den Boden, der bedeckt ist von braunen Blättern. Blätter sind nützlich. Nütz-lich. Seltsames Wort. Sie denkt ein bisschen darüber nach. Das ist besser als der Gedanke an die beschlagenen Scheiben eines Autos auf einem einsamen Parkplatz. Rosa kennt die Stelle. Eine wirklich nützliche Kenntnis, jetzt. Immerhin war er sich selbst treu geblieben.
Warum? Die ganze Nacht hat die Stimme sie gefragt, und sie konnte keine Antwort geben. Keuchende Hast, eine fremde Zunge in ihrem Mund. Hände, die sich nicht abhalten lassen, ein Körper, der schwer auf sie fällt. Und wir-beide-du-und-ich-für-immer.
Eine Wette, hatte das Echo lachend mitgeteilt, und er hätte nur eine Bedingung gestellt: Dunkelheit für den Gruselfick.
Das Telefon war in einer perfekten Parabel aus dem Fenster geflogen, von den Splittern der Scheibe begleitet wie von Sternschnuppen im August.
Ekel lässt Säure in ihr aufsteigen, und sie beugt sich vor, gibt dem Drängen nach. Aber es kommt nur ein bisschen Galle, die hat sie übrig. Die Stimme ist überall, wie eine schwere Decke, hat ihr Ohren und Augen und Mund verstopft, sie lebt seit Tagen unter Luftabschluss.
So dumm.
Fetzen seiner Blicke und Berührungen sind immer noch in ihr, die Erinnerung bleibt zerrissen.
Der Nachhauseweg, allein durch Straßen, die in der Dunkelheit zum Versprechen einer Zukunft werden, blutiger Schleim an ihren Beinen, am Kaltwasserhahn im Bad heimlich abgewaschen.
Und dann: Warten. Warten.
Warum schleichst du so um das Telefon herum? Wer soll dich denn anrufen?
Ja, wer.
Du siehst aus wie eine liebeskranke Kuh. Wie ein Verkehrsunfall mit Zöpfen. Dieses Gesicht. Und an den Narben solltest du was machen lassen, sonst kriegst du nie einen ab.
Die Stimme kreischt hysterisch, hast du keinen Stolz, wehr dich, lass dir nicht alles gefallen, und Rosa hält sich die Ohren zu. Über ihre Ohren hat noch niemand gelacht.
Sie läuft weiter durch den Wald. Hier ist es kühl wie in der Kirche, die hohe Kronendecke der Buchen hält die Stille am Boden fest.
Es ist nicht mehr weit, denkt sie, und einen Augenblick lang sieht sie sich selbst, von weit oben, stolpernd zwischen den Bäumen. Und hält an.
Die Stimme gibt keine Ruhe. Rache, schreit sie wie ein Fischweib, Rache. Dies ist deine Chance. Es steht dir zu, ist dein Recht, räche dich. Wehr dich. Schlag zu. Du hast lang genug still gehalten.
Rosa schaut in den Himmel, aber dort sind nur Blätter und Äste und Blätter, keine Entscheidung. In der Tasche ist das Messer, sie hat ein rostiges genommen, damit es kein Davonkommen gibt.
Hinter ihrer Stirn hämmert die Stimme, ihr Magen ist ein harter Knoten. Ihre Hände sind kalt, und ihr Mund trocken. Die Stimme ist atemlos wie sie selbst, sie schnappt nach Luft, es pfeift in ihren Ohren.
Rosa kann nicht weiter, die Angst hält sie fest.
Lass mich in Ruhe nachdenken, bittet sie, aber niemand hört. Bitte, nur fünf Minuten Ruhe. Ich kann nicht einfach – Bitte. Ich will mich denken hören. Bitte.
Die Narben auf ihren Armen, tief und kreisrund, jucken und brennen. Sie kratzt und scheuert und nimmt das Messer damit es aufhört, und die ganze Zeit schrillt in ihr die Sirene. Geh, zetert sie. Geh endlich, du Memme. Beweg deinen Arsch und tu, was zu tun ist.
Nein sagt Rosa. Nein, ich gehe nicht. Such dir jemand anderen. Ich kann nicht, will nicht, das muss aufhören.
Und es herrscht Stille. Es riecht nach Moder und Verfall, und dunkel wird es auch. Sie fischt nervös eine Zigarette aus der Packung und zündet sie an, nimmt einen tiefen Zug. Ihre Hände und Unterarme sind blutig zerschnitten, Rost klebt in den offenen Wunden, die schlimmer schmerzen als zuvor. Was macht das schon, bei dem Gesicht.
Sie tritt die Zigarette aus und macht sich auf zum Parkplatz. Schnell jetzt, bevor er ihr über den Weg läuft.
Es ist gar nicht so einfach. Die Bäume ragen in den Himmel, es ist kaum noch etwas zu erkennen, und die Wege hat sie längst verlassen.
Sie geht ihren Spuren nach, tiefe Furchen in altem Laub. Die Nachtgeräusche des Waldes, hier und da ein Knacken, und das Zischen schwerer Schwingen. Der dünne Schrei kleiner Beute.
Die Stimme summt ein Lied, sie kann es kaum hören, aber es beruhigt. Irgendwie.
Gut, dass sie sich durchgesetzt hat. Sie wäre nicht davon gekommen, niemals.
Nicht bei einer Wette, von der alle wissen. Eine Wette. Seine Freunde würden Montag morgen auf sie warten. Alle. Vor der Schule. Er wäre mitten unter ihnen, sie würden ihm auf die Schulter schlagen und johlen und pfeifen. Ihn bewundern...

Wut kocht in ihr hoch, und lässt sie schneller gehen. Die Stimme wird lauter, sie summt immer noch. Worte sind nicht zu verstehen. Aber sie kann auch allein sprechen, dafür braucht sie keine Stimmen.
So dumm, so dumm, im Rhythmus ihrer Schritte klingt es in ihren Ohren. So dumm, sich von so einem Arschloch ficken zu lassen, wegen einer Wette mit seinen ekelhaften Freunden. Hässlich wie die Nacht, und auch noch blöd. Sie schwitzt vor Zorn, und Tränen laufen über ihr Gesicht. Sie wischt sie ab, die Hände hinterlassen blutigen Rost.

Fast rennt sie jetzt, und manchmal stürzt sie, ihre Jacke hängt in Fetzen. In den Haaren Blätter und Zweige. Kuh. Memme. So dumm.
Da. Das Licht, der Parkplatz.
Er dreht sich um, als er sie hört. Zu dumm, dass er nicht daran denkt, zu fliehen, dass er nicht weiß, warum das Messer sanft zwischen seine Rippen gleitet, im Rhythmus der Stimme, die ihr Herz ist, die ihr Leben gibt.
So dumm.




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Es ist lange her, dass ich diese Geschichte geschrieben habe. Sie war Teil einer Schreibwerkstatt, in der ich beinahe nur blutige und mörderische Stories verfasst hab...


Das ist wirklich graue Vorzeit.


Lily





Kommentare:

Falcon hat gesagt…

Deprimierend irgendwie - aber sehr gut geschrieben.

Meise hat gesagt…

Uiuiui - heftig. Aber verdammt gut!
Gibt's da noch mehr?

Lily hat gesagt…

Danke, Falcon- im Rückblick, so nach einigen Jahren, finde ich sie auch ziemlich deprimierend. Aber das Schreiben hat ganz gut getan. Nicht, um irgendwas zu bewältigen, zum Glück, sondern wegen der Konzentration auf die Geschichte und darauf, die Sprache ausreichend zu beherrschen, um das genau so rüber zu bringen, wie ich es haben wollte. Um ehrlich zu sein, find ich sie, aus dem zeitlichen Abstand gelesen, doch recht verstörend.
Werte Frau Meise, eine Fortsetzung davon gibts nicht- diese Mischung aus innerem Dialog und Bewegung hätte sich totgelaufen. Und den Wechsel aus dem Kurzgeschichten-Modus zu etwas längerem hab ich nicht geschafft. Aber es gibt noch einige andere Geschichten, nicht so düster. Aber alle mörderisch...

Lily

Meise hat gesagt…

Naja, das meinte ich ja: noch mehr Geschichten! ;)

Träger des Lichts hat gesagt…

Wirklich schön geschrieben. Ich habe mich, verbunden mit der Protagonistin, durch den Walt hetzen sehen; von Wut und Selbsthass getrieben. Wirklich gut. Das Ende hätte ich mir zwar einen Tick ausführlicher erwünscht (In welcher Situation trifft sie ihn an? Welche Gefühle werden in Ihr freigesetzt? etc.), aber das tut der Sache keinen Abbruch. Nur hätte mir persönlich, als Leser, ermöglicht, mich wieder etwas von der Hatz durch den Wald zu erholen ;-)
Aber, nochmal, wirklich einfühlsam und gut geschrieben. Gerne gelesen.

Träger des Lichts hat gesagt…

Verzeihen Sie den Lapsus. Es war natürlich nicht der verstorbene Herr Disney, sondern auch im ersten Absatz ein Waldd durch den ich mich hetzen sah ;-)

Lily hat gesagt…

Da habt ihr mich erwischt:-)
Die Schreibwerkstatt damals beschränkte die Beiträge auf 7000 Zeichen- ergo musste ich mich am Ende etwas kurz fassen.
Was ich mich immer gefragt habe: Wenn die Stimme am Telefon ihr doch sagt, dass er wieder im Wald ist, ist das doch nur dann verwerflich, wenn er das nächste Mädchen dabei hat. Und wo steckt die in der Mordszene?
Hm.
;o)

Lily

Meise hat gesagt…

Ich hatte das Fehlen des "neuen" Mädchens mit dem Hinweis "zu dumm, dass er nicht daran denkt, zu fliehen, dass er nicht weiß, WARUM das Messer sanft zwischen seine Rippen gleitet" kombiniert und daraus geschlossen, dass der Anrufer vielleicht nicht die Wahrheit gesprochen hat... Böse, böse!
Aber ich sah es einzig als Möglichkeit.

Lily hat gesagt…

Ah... sowas hat mir damals bestimmt auch vorgeschwebt. Danke, danke!!!

Lily

Träger des Lichts hat gesagt…

Das ist eine gute und schlüssige Interpretation, Frau Meise. Irgendwie wird es aber schon verdient haben ;-)

Träger des Lichts hat gesagt…

Argh! "Er" vergessen. Er wird es verdienst haben ... ist noch früh ;-)